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Strafverfolgungsstatistik 2020 für Baden-Württemberg: weniger Verurteilungen, mehr Sexualdelikte

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Die Zahl der Verurteilungen geht zwar insgesamt zurück, Sorgen macht Justizministerin Gentges aber der Anstieg der Sexualstraftaten in Baden-Württemberg. Seit diesem Jahr wird sexualisierte Gewalt gegen Kinder härter bestraft.

Knapp 4200 Verurteilte mussten im vergangenen Jahr eine Gefängnisstrafe antreten − etwa in der JVA Stuttgart-Stammheim.
Foto: Andreas Gugau
Knapp 4200 Verurteilte mussten im vergangenen Jahr eine Gefängnisstrafe antreten − etwa in der JVA Stuttgart-Stammheim. Foto: Andreas Gugau  Foto: Gugau, Andreas

Sie stehen mit einem Fuß vor Gericht, ohne es zu wissen oder auch nur annähernd eine Vorstellung von den Folgen für ihren weiteren Lebensweg zu haben: Jugendliche, die über Messenger-Dienste wie WhatsApp in Chatgruppen mit Freunden oder Klassenkameraden Bilder mit kinderpornographischem Inhalt geschickt bekommen. Wer diese nicht sofort löscht, sondern speichert, um sie anderen zu zeigen, oder Bilder und Videos vielleicht sogar weiterleitet, begeht eine ernsthafte Straftat, die verfolgt und von der Justiz bestraft wird. "Das kann etwa ein Foto vom nackten Gesäß einer Mitschülerin aus der siebten Klasse sein", sagt die baden-württembergische Justizministerin Marion Gentges (CDU) am Mittwoch in Stuttgart.


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Dunkelziffer bei Sexualstraftaten

Eigentlich hat Gentges bei der Vorstellung der Strafverfolgungsstatistik 2020 Positives zu verkünden. Denn im Corona-Jahr 2020 ist die Zahl rechtskräftiger Verurteilungen in Baden-Württemberg deutlich zurückgegangen. Ob Körperverletzung, Diebstahl oder Einbruch - zu allen Deliktbereichen sprachen die Richter weniger Urteile aus. Mit einer Ausnahme: Die Zahl der Verurteilungen im Deliktbereich der Sexualstrafsachen ist 2020 mit 1486 Fällen im Vergleich zum Vorjahr um 5,8 Prozent deutlich gestiegen - im vierten Jahr in Folge. "Ich war eigentlich überrascht, dass es "nur" 5,8 Prozent sind", so Gentges, die eine mögliche hohe Dunkelziffer in den Raum stellt. "Ich fürchte, dass durch die coronabedingt fehlenden Sozialkontakte auch ein Stück soziale Kontrolle weggefallen ist." Möglicherweise seien sexuelle Gewalttaten in dieser Zeit nicht angezeigt oder nicht entdeckt worden.


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Der überwiegende Teil der Verurteilungen gegen die sexuelle Selbstbestimmung - darunter fällt die Kinderpornographie - betraf im Jahr 2020 mit 1254 Schuldsprüchen zwar Erwachsene. Aber die Zahl der Heranwachsenden und Jugendlichen, die deswegen verurteilt wurden, ist allein im Jahr 2020 um rund ein Drittel gegenüber dem Vorjahr gestiegen und dürfte sich künftig noch weiter erhöhen.

Denn weil der Gesetzgeber seit Juli 2021 sexualisierte Gewalt gegen Kinder härter bestraft, handelt es sich dabei juristisch nicht mehr um ein Vergehen, sondern um ein Verbrechen mit entsprechendem Strafmaß. Wer deswegen als jugendlicher Ersttäter verurteilt wird, muss zwar eher nicht ins Gefängnis, trägt aber den entsprechenden Eintrag im Zentralregister noch jahrelang mit sich herum. Mancher Karriereplan könnte damit erledigt sein.


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Fehlendes Bewusstsein für Strafbares vor allem bei Jugendlichen

Dass in der Gruppe der Heranwachsenden (18 bis 21 Jahre) ein Plus von 30,4 Prozent und bei den Jugendlichen (14 bis 18 Jahre) sogar ein Plus von 33,3 Prozent in der Statistik steht, macht Gentges große Sorgen. "Polizei und Staatsanwaltschaft melden uns immer wieder, dass es beim Versenden kinderpornographischer Inhalte in Chatgruppen von Schulklassen immer wieder zu erheblichen Straftaten kommt, ohne dass dies den Kindern und Jugendlichen zunächst bewusst ist", sagt die Justizministerin. "Wir müssen, vor allem an den Schulen, viel deutlicher machen, dass das eine ernsthafte Straftat ist."

Erfreulich sei dagegen laut Gentges, dass die Zahl jugendlicher Verurteilter 2020 mit 3589 Urteilen gegenüber dem Vorjahr deutlich um 16 Prozent zurückging. Die Justizministerin machte dafür erfolgreiche Präventionsmaßnahmen und vor allem die derzeit landesweit bereits sieben Häuser des Jugendrechts in Stuttgart-Bad Cannstatt, Pforzheim, Mannheim, Heilbronn, Ulm, Offenburg und Karlsruhe verantwortlich, "ein Erfolgsmodell", so die Ministerin. Auch in Villingen-Schwenningen, Stuttgart-Mitte und Ludwigsburg laufen Planungen.

Landesweit gab es 103.761 Verurteilungen - 5,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Durch den Rückgang sozialer Kontakte hätten sich, so Gentges, in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen weniger Gelegenheiten zu Straftaten ergeben.


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Straßenverkehrsdelikte beschäftigten Polizei am meisten

Fünf Deliktgruppen machen seit Jahren den Löwenanteil aller Verurteilungen aus - so war es auch 2020. Ganz vorne stehen Straßenverkehrsdelikte mit 24,6 Prozent, gefolgt von Betrug und Untreue (17 Prozent), Diebstahl (13,4 Prozent) und Drogendelikten (10,7 Prozent). 122.000 Personen (Zahlen gerundet) mussten sich 2020 einem Strafverfahren in Baden-Württemberg stellen. Davon wurden 103.800 Personen (85,1 Prozent) rechtskräftig verurteilt. In 81 Prozent der Fälle wurden Geldstrafen verhängt. 13.900 Personen wurden zu einer Freiheits- oder Jugendstrafe verurteilt, die in 9700 Fällen zur Bewährung ausgesetzt wurde. Knapp 4200 Verurteilte mussten eine Gefängnisstrafe antreten. Männer liegen in der Strafverfolgungsstatistik auch 2020 klar vorne. Von den im Jahr 2020 insgesamt 103.800 verhängten Urteilen richteten sich rund 85.500 gegen Männer und 18 300 gegen Frauen. 2020 wurden landesweit 60.100 Personen deutscher Nationalität verurteilt und 43.700 Personen nichtdeutscher Nationalität. Im Vergleich zum Vorjahr ging die Zahl der Schuldsprüche in beiden Gruppen um 5,8 Prozent und 5,2 Prozent zurück.

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