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Faktencheck zum Aus der Notfallpraxen – Was stimmt und was nicht? 

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Die Empörung über die angekündigte Schließung von 18 ärztlichen Bereitschaftsdienst-Standorten in Baden-Württemberg, darunter Brackenheim, ist groß. Doch wenige Behauptungen dazu lassen sich durch Zahlen belegen.


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Die Schließung von Notfallpraxen in Baden-Württemberg wird emotional diskutiert. Nicht alle Behauptungen, die dazu kursieren, halten jedoch einer Überprüfung Stand. Ein Faktencheck:

Aus für 18 Notfallpraxen in Baden-Württemberg: Rettungsdienst-Einsätze sind rückläufig 

Behauptung: Der Rettungsdienst wird häufiger alarmiert, wenn Notfallpraxen geschlossen sind.

Fakt: Die offiziellen Abrechnungsdaten zu Rettungsdiensteinsätzen, die die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) auf Stimme-Anfrage zur Verfügung stellt, belegen diese Aussage nicht. Während der Zeit der sogenannten "Notbremse", als KV-Bereitschaftspraxen in Folge eines Gerichtsurteils geschlossen waren, ist die Inanspruchnahme des Rettungsdienstes zurückgegangen. Im 4. Quartal 2022 waren es noch 642.037 Einsätze, im 4. Quartal 2023 musste der Rettungsdienst demnach 627.255 mal ausrücken, ein Minus von 2,3 Prozent.

Er wisse daher nicht, wie die Behauptung über "mehr Rettungseinsätze" zustande komme, sagte KVBW-Chef Karsten Braun bei der Pressekonferenz zur Vorstellung des Notfallkonzepts in Stuttgart. Für den Hohenlohekreis, hier wurde die Praxis am Krankenhaus Künzelsau geschlossen, zeigen die Abrechnungsdaten denselben Trend: 2022 waren es im 4. Quartal 6294 Alarmierungen, ein Jahr später dann 6259. Dasselbe Bild ergibt sich bei den Notarzteinsätzen (1215 zu 1078). Doch wie valide ist dieser Vergleich? Ende 2022 war die Corona-Pandemie gerade am Auslaufen, das leicht erhöhte Aufkommen an Einsätzen könnte auch damit in Verbindung stehen.

Mehr Patienten in Kliniknotaufnahmen? Lässt sich nicht belegen

Behauptung: Die Kliniknotaufnahmen werden noch mehr überlastet.

Fakt: Zahlen, die das belegen, gibt es von den SLK-Kliniken bislang nicht. Zum jetzigen Zeitpunkt sei die Aussage nicht belegbar, dass zum Beispiel durch die Schließung der Notfallpraxis in Möckmühl Ende 2023 mehr Patienten in die Notaufnahme des Krankenhauses Bad Friedrichshall kommen, sagt ein SLK-Sprecher. "Das müssten wir über einen längeren Zeitraum beobachten." Beim Patientenaufkommen gebe es immer wieder Schwankungen, auch durch Einflüsse wie Infektwellen. Deshalb sei es schwierig, Aussagen zu einzelnen Ursachen zu treffen. Von der Pressestelle der RKH-Kliniken in Ludwigsburg kommt auf Anfrage dieselbe Auskunft: "Es gibt dazu leider keine belastbaren Zahlen."

Drei Minuten Wartezeit auf Arztkontakt sind nur geschätzt 

Behauptung: Die Erreichbarkeit der Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116 117 (auch medizinischer Notdienst) ist zu schlecht. 

Fakt: Diese Aussage stammt unter anderem von Barmer-Landeschef Winfried Plötze. Auf Nachfrage sagt die Barmer-Pressesprecherin allerdings, eine Datengrundlage dafür könne sie nicht nennen.

Fehlanzeige auch bei der KVBW. Es gebe ein "Messungsproblem, da der Anbieter das uns gerade nur mit Abstrichen aus technischen Gründen melden kann", heißt es schriftlich. Als ungefähren Wert nennt der Sprecher eine durchschnittliche Wartedauer in der Hotline von drei Minuten. Dort werde dann die medizinische Ersteinschätzung vorgenommen. Wenn sich eine Eignung für die Telemedizin ergibt, werde an den Telearzt übergeben. Fest steht: Die Zahl an Videosprechstunden ist seit Ende der Pandemie deutlich zurückgegangen. Erfasste die KVBW im Jahr 2022 noch 158.000 Fälle, so waren es 2023 nur noch 144.000 Fälle. 

Die Patientensteuerung funktioniert seit Jahren nicht 

Behauptung: Viele Patienten sehen den ärztlichen Bereitschaftsdienst als erweiterte Sprechstunde des Arztes.

Fakt: Die Redaktion wollte von der KVBW wissen, ob es Zahlen zur Inanspruchnahme der Notdienstpraxis Brackenheim gibt. Genannt wird immer wieder ein Aufkommen von 8000 bis 9000 Patientenkontakten pro Jahr, auch in einem offenen Brief, den Landrat Heuser, Bürgermeister aus Zabergäu und Leintal und SLK-Chef Weber am Dienstag verschickt hatten. Die Stimme-Anfrage an die KVBW nach der Auslastung bleibt unbeantwortet - mit dem Argument, die Inanspruchnahme einer bestimmten Praxis sage nichts über den tatsächlichen Bedarf aus, denn der ärztliche Bereitschaftsdienst werde häufig falsch in Anspruch genommen. Er sei gedacht für dringende Fälle, die zwar kein Notfall seien, aber auch nicht warten könnten, bis die Praxis des eigenen Arztes wieder regulär geöffnet habe. Viele Menschen nutzten das Angebot nicht gemäß diesem Auftrag. 

Die KVBW will künftig nur noch die Terminologie "Ärztlicher Bereitschaftsdienst" nutzen statt "Ärztlicher Notdienst", um das klarer zu machen.  

Tatsächlich ist die Patientensteuerung schon seit Jahren ein riesiges Problem des deutschen mehrgliedrigen Systems. Das zeigt sich nicht nur beim Bereitschaftsdienst, sondern auch in den Notaufnahmen der Krankenhäuser. Die RKH-Gesundheit in Ludwigsburg hat vor einigen Monaten ein Online-Diagnose-Tool eingeführt, mit dem Patienten, die sich selbst als Notfall sehen, ihren Behandlungsbedarf vorab einschätzen können. Das Ergebnis: Nur knapp 40 Prozent sind in der Klinik-Notaufnahme richtig. Bei allen anderen würden der Gang zum niedergelassenen Arzt, sobald dieser wieder geöffnet hat, oder Selbstbeobachtung reichen.

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