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Proteste und Diskussionen: Der erste Castor-Transport auf dem Neckar

Am Mittwoch transportiert ein Schubverband Atommüll quer durch die Region - vom stillgelegten Kernkraftwerk in Obrigheim nach Neckarwestheim. Der Transport, der auch Heilbronn passiert, wird von der Polizei geschützt und von Protesten begleitet.

Von unserer Redaktion
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Lesezeit 3 Min

 

 

Ein Schiff mit radioaktivem Abfall aus dem stillgelegten Atomkraftwerk in Obrigheim ist am Mittwoch durch die Region gefahren. Der Energiekonzern EnBW hatte die Erlaubnis bekommen, die Brennstäbe im Zwischenlager des Neckarwestheimer Atomkraftwerks unterzubringen − und kann so auf den Neubau eines solchen Lagers in Obrigheim verzichten.

Mehrere Hundert Polizeibeamte zu Wasser, zu Lande und in der Luft begleiteten das Schiff. An mehreren Stellen protestierten Atomkraftgegner gegen die Verlagerung. Dem aktuellen Transport sollen vier weitere folgen, insgesamt werden 342 Brennelemente in 15 Castor-Behältern über die 50 Kilometer lange Strecke von Obrigheim nach Neckarwestheim gebracht.

 

Castor-Transport durch Heilbronn | 28.6. | Heilbronn | 28.06.2017 | 35 Bilder | Fotograf: Mario Berger

 

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Der Transport gestern blieb nicht ohne Zwischenfälle. Nach dem Start am Morgen kam der Schiffskonvoi in Bad Wimpfen zum Stehen. Aktivisten von "Robin Wood" hatten sich über Nacht unter der Brücke der Landesstraße versteckt, sich dann abgeseilt und ein Transparent entrollt. Man habe die Aktivisten mehrfach aufgefordert, den Weg freizugeben, wie Polizeisprecher Carsten Diemer sagte. Am Ende war allerdings die Räumung notwendig.

Noch kurz vor dem Passieren des Castorschiffes hatten Einsatzkräfte die Brücke kontrolliert, die Aktivisten in der Stahlkonstruktion waren ihnen allerdings nicht aufgefallen. Der Sprecher hatte am Ablauf wenig auszusetzen, mit Protesten gegen einen solchen Transport sei zu rechnen gewesen. "Natürlich wird es eine Analyse des Einsatzes geben, aber für den Moment sind wir zufrieden."

 

Kletterer stoppen Castor-Schiff | Bad Wimpfen | 28.06.2017 | 10 Bilder | Fotograf: Adrian Hoffmann

 

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Debatte über Sicherheit

Insgesamt sechs Schleusen musste der Konvoi aus dem Transportschiff und den zahlreichen Begleitbooten der Polizei passieren, die Zeit nutzten die Gegner für ihre Proteste. In Heilbronn warfen Redner bei der Kundgebung Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) Versagen vor. "Er spricht immer von größtmöglicher Sicherheit, aber in Wahrheit ist es nur die geringste Sicherheit, die das Gesetz vorgibt", sagte einer. Einige der mehrere Dutzend Teilnehmer trugen Transparente mit Sprüchen wie "Castor verschifft: Bevölkerung verladen" oder "Atomkraft? Nein danke". Die Verschiffung der Brennelemente nach Neckarwestheim bringe nur scheinbar mehr Sicherheit, sagte der Sprecher des Aktionsbündnisses "Neckar castorfrei", Herbert Würth. "In Obrigheim verbleibt trotzdem viel radioaktiver Müll, der noch viele Jahre strahlt. Und die Einlagerung in den alten Steinbruch in Neckarwestheim birgt langfristig große Risiken", warnte er.

In Bad-Friedrichshall-Kochendorf, wo die Schiffe ebenfalls eine Schleuse zu passieren haben, verteidigte Umweltminister Untersteller hingegen den Transport. "Es spricht alles dafür, radioaktive Abfälle von drei auf zwei Standorte zu konzentrieren", sagte er. Durch die Verlagerung der insgesamt 15 Castor-Behälter könnten in Obrigheim "Jahrzehnte früher wieder neue Wiesen entstehen".

Sein Ministerium teilte mit, die Strahlenmessungen an der Strecke des Transports deuteten auf einen "einwandfreien" Ablauf hin. "Gleiches gilt für das Schiff selbst", hieß es über Twitter. Doch Atom-Gegner kritisierten das Messverfahren.

 


Kommentar: Das Urproblem des Atomstroms bleibt

Von Alexander Klug

 

Alexander Klug

Die Frage, warum am Mittwoch ein Schiff mit radioaktivem Abfall von einem Atomkraftwerk zum anderen gefahren ist, hat ihre Wurzeln in den Versäumnissen der Vergangenheit. Und auch nach all den Jahrzehnten fallen die Antworten nicht befriedigender aus als früher. Wie kann es sein, dass eine Technik der Energieversorgung Einzug hält, ohne dass jemand weiß, wo man deren hochgefährliche Endprodukte unterbringt?

Was heute passiert, sind die Ausläufer dieser ungelösten Grundfrage. Ist Tausende von Jahre strahlender Müll besser in einem womöglich wasserunterspülten Steinbruchstollen untergebracht? Oder in einem neuen Zwischenlager an einer Stelle, wo irgendwann wieder Autos repariert oder Büroarbeit erledigt werden soll? Eine Lagerstätte für die Ewigkeit ist noch nicht gefunden; zu Lebzeiten derer, die eine hätten suchen und finden müssen, wird das auch nichts mehr.

Protestanten haben gute Argumente

Die Protestierer entlang der Castorstrecke und ihre Argumente kommen inhaltlich nicht unberechtigt daher, wenn sie etwa auf den unsicheren Steinbruch in Neckarwestheim oder auf reichlich in Obrigheim verbleibenden Müll verweisen. In den EnBW-Ausführungen zur Sicherheit ist viel von Vorschriften und Gesetzen die Rede, die man einhalte. Das klingt gut. Es übertüncht aber nur notdürftig, dass das Urproblem des weit über menschliche Vorstellungskraft hinaus strahlenden Mülls nicht gelöst ist − auch wenn es eine (amtlich attestiert) halbwegs sichere Höhle gibt, in der man ihn verstecken kann.

Es bleibt ein mulmiges Gefühl von Rat- und Hilflosigkeit, gerade weil es scheint, als wäre das Thema für viele Menschen im Land mit dem verkündeten Ausstieg aus der Atomkraft erledigt. Die Schiffe schienen an den Neckarufern eher Fotomotiv als Diskussionsgrundlage. Aber das Thema ist mit einigen Atommülltransporten noch nicht erledigt. Noch sehr lange nicht.

Ihre Meinung?

alexander.klug@stimme.de

 

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