Schwarz-Gruppe bewirbt sich um KI-Gigafactory: Milliarden-Projekt geplant
Schwarz Digits ist einer von 60 Interessenten für eine sogenannte Gigafactory für Künstliche Intelligenz in der EU. Die IT-Sparte der Schwarz-Gruppe setzt dabei auf hochkarätige Partner.
Es wird eines der zentralen IT-Projekte der EU, und es werden milliardenschwere Töpfe zur Verfügung stehen. Also ist es kein Wunder, dass viele Länder und Unternehmen Interesse daran haben, eine der mindestens fünf sogenannten Gigafactorys zu errichten, mit denen die Europäische Union die Künstliche Intelligenz vorantreiben will.
So auch die Schwarz-Gruppe. Ursprünglich wollte sie zusammen mit SAP, der Deutschen Telekom, dem Cloudanbieter Ionos und Siemens für Deutschland einen Zuschlag ergattern. Dann aber gab es offensichtlich keine Einigung unter den Unternehmen über Details des Projekts, so dass schließlich sechs separate deutsche Interessensbekundungen bei der EU eingingen – neben Schwarz Digits auch von der Telekom, von Ionos, von Siemens sowie vom Freistaat Bayern und von der Kooperation „Silicon Saxony“, hinter der die sächsische Chipindustrie steht.
Warum die Kooperation zwischen Schwarz-Gruppe, SAP und Co. nicht zustande kam
Über die Gründe des Scheiterns werden öffentlich keine Angaben gemacht. Medienberichte verweisen auf unterschiedliche Unternehmenskulturen, etwa zwischen der börsennnotierten Telekom und dem Quasi-Familienunternehmen Schwarz. Auch habe es Differenzen um den Führungsanspruch der Beteiligten gegeben, heißt es.
In einem Interview mit dem „Manager Magazin“ sagte Achim Weiß, Vorstandsvorsitzender von Ionos: „Die Gespräche mit anderen Anbietern haben schnell gezeigt, dass kein Interesse bestand, gemeinsam an einer Bewerbung zu arbeiten. Das war relativ schnell klar. Die Telekom und die Schwarz Gruppe haben früh signalisiert, dass sie eigene Wege gehen wollen.“
Milliarden-Investitionen für KI-Gigafabriken in der EU
Insgesamt gibt es sogar noch viel mehr Organisationen in der EU, die in der sogenannten „Call-for-Interest“-Phase ihr Interesse an einer AI Gigafactory bekundeten. Eine konsolidierte Bewerbung je Land war nicht nötig. Und so kamen 76 Interessenbekundungen für die Einrichtung von bis zu 60 KI-Gigafabriken aus 16 Mitgliedsstaaten zustande, also im Schnitt knapp fünf pro Land.
Die Interessenten hätten zugesagt, zu diesem Zweck insgesamt mehr als 230 Milliarden Euro in den nächsten drei bis vier Jahren zu investieren, berichtete Henna Virkkunen, Vizepräsidentin der EU-Kommission für technische Souveränität, nach Ablauf der Frist Ende Juni.
Dafür sollen bis zu 20 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt werden. Die EU veranschlagt drei bis fünf Milliarden Euro je Projekt und will die Kosten mit bis zu 35 Prozent fördern, in Branchenkreisen ist nach Medienberichten von sechs Milliarden Euro je Projekt die Rede.
Schwarz setzt auf renommierte Forschungsinstitute
Schwarz Digits habe gemeinsam mit einem Konsortium aus Forschungsinstitutionen und Technologiepartnern Interesse für den Bau einer europäischen AI Gigafactory in Deutschland bekundet, erläutert ein Unternehmenssprecher. Zu den zentralen Partnern zählten demnach der Heilbronner Ipai, das High-Performance Computing Center Stuttgart (HLRS), das Leibniz-Rechenzentrum (LRZ) um die AI Factory HammerHai sowie das Forschungszentrum Jülich mit der AI Factory JAIF.
Die Standorte Stuttgart und Jülich gelten derzeit als die einzigen deutschen Gigafactorys, allerdings in deutlich kleineren Dimensionen als von der EU geplant. Der Supercomputer „Jupiter“ in Jülich etwa enthält nur ein Viertel der KI-Chips der neuesten Generation, die einmal in solch einer Gigafabrik verbaut werden sollen.
„Mehr als 110 Unternehmen und Organisationen aus Wirtschaft, Forschung und öffentlicher Infrastruktur unterstützen unsere Interessenbekundung“, berichtet der Schwarz-Digits-Sprecher weiter. Diese stehe für langfristige wirtschaftliche Tragfähigkeit über ein umfangreiches Bündnis und technische Exzellenz „durch geplante eigene Investitionen der Unternehmen der Schwarz-Gruppe im zweistelligen Milliardenbereich, ohne die Beteiligung von Wagniskapitalgebern“.
In Brandenburg entsteht das größte Rechenzentrum der Schwarz-Gruppe
Damit dürfte der Sprecher vor allem auf den Bau des bislang größten Rechenzentrums der Schwarz-Gruppe in Brandenburg anspielen. Gerd Chrzanowski, Chef des Neckarsulmer Handelsriesen, hatte vor einiger Zeit in einem Interview die Investitionssumme für das Projekt in eben jener Größenordnung angegeben, ohne eine konkretere Zahl zu nennen.
Es folgen nun zunächst Gespräche mit allen Playern, die ihr Interesse bekundet hätten, kündigte die EU-Kommissarin an. Namen der Interessenten wolle die Kommission aktuell nicht veröffentlichen, da mit dem Aufruf Stillschweigen dazu verknüpft worden ist. Allerdings haben viele Bewerber selbst ihr Engagament öffentlich gemacht, so auch die normalerweise eher verschwiegene Schwarz-Gruppe.
Deutsche Telekom setzt mit Nvidia auf neues KI-Rechenzentrum
Die Deutsche Telekom kündigte an, dass sie ohnehin innerhalb der nächsten neun Monate zusammen mit Nvidia ein KI-Rechenzentrum bauen will, unabhängig von einem Zuschlag seitens der EU. Ionos hat sich den Baukonzern Hochtief als Partner gesichert.
Der Freistaat Bayern hat sein Projekt, das im Raum Schweinfurt und damit im Stromnetz-Knotenpunkt des ehemaligen Kernkraftwerks Grafenrheinfeld entstehen soll, „Blue Swan“ getauft und verweist auf das bestehende KI-Ökosystem im Land, etwa mit dem Munich Center for Machine Learning (MCML), aber auch mit dem Leibniz-Rechenzentrum und dem Konsortium HammerHai, die aber beide auch Partner in der Bewerbung von Schwarz Digits sind.
EU-Kommission plant Gigafactories für KI: SAP aus Walldorf steigt aus Bewerberfeld aus
Dass sich SAP aus dem Rennen wieder zurückgezogen hat, liegt auch am Selbstverständnis der Walldorfer: Sie sehen sich als Softwarelieferant, nicht als Anbieter von Rechenzentren. Das wurde von Unternehmenssprechern auch jüngst auf der Hausmesse Sapphire in Madrid immer wieder betont.
Mit den Gigafactories will die EU-Kommission bei der KI-Entwicklung gegenüber den USA und Asien aufholen. Sie beschreibt die Projekte als „groß angelegte Infrastruktureinrichtungen für KI-Rechenleistung, die darauf ausgelegt sind, sehr große KI-Modelle und -Anwendungen in bislang unerreichter Größenordnung zu entwickeln, zu trainieren und bereitzustellen“.
Brüssel will im Laufe des kommenden Jahres entscheiden, wo in Europa die AI-Giga-Fabriken entstehen sollen. Viele Bewerber haben bereits erklärt, dass ihre Projekte bis 2027 in Betrieb gehen könnten.
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