Jürgen Klopp bei SAP: Wenn ein Fußballer IT-Experten begeistert
Startrainer Jürgen Klopp stattete SAP bei der Hausmesse Sapphire einen Besuch ab. Und ließ seine Qualitäten aufblitzen: Fachkenntnis, Führungsstärke – und Selbstironie.
Irgendwann muss das Geschäftliche auch mal ruhen. Für Rashid Gill ist es am Mittwoch um 12.45 Uhr so weit. Einen Platz in der ersten Reihe hat der Brite ergattert, statt Hemd und Sakko hat er sein Trikot des FC Liverpool übergestreift. Zwei Tage drehte sich in Madrid bei der Hausmesse Sapphire alles um SAP, um IT und Künstliche Intelligenz. Am Ende regiert aber König Fußball. Und Jürgen Klopp schwingt das Zepter.
Jürgen Klopp bei SAP – Teilnehmer der Hausmesse Sapphire packen Trikots und Schals aus
Rashid Gill, Mehrab Ebadi aus Australien und viele andere Teilnehmer haben Trikots oder Schals ausgepackt. Die Verehrung für den Deutschen, der dem britischen Kultclub die erste Meisterschaft seit 30 Jahren bescherte, ist ungebrochen. „Uns ist egal, ob wir Partner, Angestellte oder Kunden von SAP sind“, sagt Ebadi. „Wir sind alle Fans von Liverpool.“
Dass da „You’ll Never Walk alone“, die Vereinshymne, lauthals mitgesungen wird – es überrascht nicht. Und als der Heißersehnte die Bühne tritt, singt die erste Reihe: „Jürgen Klopp, nana, nanana...“ – zur Melodie des 80er-Hits „Live is life“ von Opus.

„Taktik ist, bessere Gegner auf dein Level zu zwingen“: Klopp spricht bei SAP über Managementthemen
Der so Umjubelte quittiert die Ovationen mit einem spitzbübischen „Sie sind echt überall.“ Sogar in Madrid. Dabei soll es ja eigentlich weniger um Erzählungen aus seiner Trainerzeit gehen, sondern um typische Managementthemen: Führen, Motivieren, Ziele setzen und erreichen. Davon zu erzählen, schafft der 57-Jährige quasi spielend.
Natürlich doch angereichert mit Anekdoten: Wie er es schaffte, dass über die Mannschaftsaufstellung bei seinem ersten Engagement bei Mainz 05 nicht mehr debattiert wurde. Wie er Mario Götze bei Borussia Dortmund nach einem kritischen Interview auflaufen ließ, so dass kein Spieler mehr so etwas wagte. Wie er im Champions-League-Halbfinale das 0:3 gegen den FC Barcelona im Rückspiel in Liverpool noch drehte. „Taktik ist, bessere Gegner auf dein Level zu zwingen“, lautet so eine Weisheit, die er scheinbar einfach so aus dem Ärmel schüttelt. Aber auch: „Gib das Beste, erwarte viel, aber betrachte es nicht als selbstverständlich.“
„Ich hatte mehr Finals verloren, als die meisten Trainer je bestreiten.“
Dass der Kult-Trainer ein Ex-Trainer ist und auch bleiben möchte, macht er unmissverständlich deutlich. „Ich vermisse es überhaupt nicht“, versichert er. „Ich hatte ja alles. Ich hatte mehr Finals verloren, als die meisten Trainer je bestreiten.“ Drei waren es alleine in der Champions League insgesamt, hinzu kommt aber auch der Sieg 2019 mit Liverpool. Ja, auch eine Portion Selbstironie versprüht der schlaksige Sportstar immer mal wieder.
Er kann aber auch ernst sein. Gleich zu Beginn geht es um den Vorfall bei der Meisterfeier des FC Liverpool am Montag, als ein Autofahrer in eine Menschenmenge fuhr und 79 Fans verletzte. „Ich war bei einer Feier mit dem Liverpooler Bürgermeister, als die Nachricht reinkam“, erzählt Jürgen Klopp. „Das ist eine Erfahrung, die niemand braucht. Aber das sind auch die zwei Seiten des Lebens – das Beste und das Schlimmste können nah beieinander liegen.“ Glücklicherweise habe es keine Toten gegeben.
Will Jürgen Klopp noch einmal Trainer sein? „Ich vermisse es überhaupt nicht!“
Trotz dieser Verbundenheit zum FC Liverpool, seiner letzten Trainerstation: Heute arbeitet er als „Head of Global Soccer“ für Red Bull, betreut die vier Vereine Leipzig, New York, Omiya (Japan) und Bragantino (Brasilien) ebenso wie die assoziierten Clubs wie Salzburg, Paris und Leeds. „Jemand muss das strukturieren, muss die Philosophie vermitteln“, umreißt er seine Aufgabe. „Ich liebe das. Es ist weiterhin Fußball, aber ohne das, was ich nicht mag - wie Pressekonferenzen, Interviews und Trainings.“
Exakt 1081 Spiele hat er an der Seitenlinie gestanden, haben Statistiker gezählt. Das heißt, es müssen an die 20.000 Trainings gewesen sein. „Mir geht’s gut, ich bin glücklich“, beteuert er nochmals. Trainer? Etwa bei AS Rom, wie vor kurzem gemutmaßt wurde? Klopp wird zwar gar nicht danach gefragt, aber es wird bei allem Gesagten doch klar: So etwas ist ausgeschlossen.
Jürgen Klopp als Computer-Nutzer: „Ich bin der Typ, der Computer bloß benutzt“
Bliebe noch das Unternehmen, auf dessen Einladung er die Bühne in der riesigen Messehalle 8 geentert hat und sich den Fragen von dessen Europa-Vertriebschef Manos Raptopoulos stellt. „Ich bin der Typ, der Computer bloß benutzt, mehr kann ich da nicht“, gibt der Stargast zu. „Wahrscheinlich geht es aber den meisten hier bei Fußball genauso.“ Dabei nutzt die Branche mittlerweile längst Daten, wenn sie etwa nach neuen Talenten Ausschau hält, stellt Klopp klar.
Die Zeiten, als er noch wie anfangs in Mainz Dutzende DVDs sichtete, auch weil sich der kleine Verein keine Reisen zu Spielen, der ins Visier genommen Spieler, leisten konnte, sie sind vorbei. Doch Daten sind nicht alles, mahnt Klopp: „Die Motivation muss stimmen.“ Und außerdem: „Keine Daten der Welt hätten mich zu einem guten Spieler gemacht. Ich hatte das taktische Können eines Bundesligisten, aber die Füße eines Viertligisten.“ Also reichte es nur zur Zweiten Bundesliga. Jedenfalls als Spieler.
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