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Trend zu mehr Bürotagen: Expertin über Vor- und Nachteile von Homeoffice

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Unternehmen wie die Schwarz-Gruppe ordnen für viele Mitarbeiter in zentralen Bereichen wieder mehr Tage im Büro an. Arbeits- und Berufsforscher erklären, warum das gleichzeitig eine gute und eine schlechte Idee sein kann.


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Einige Großunternehmen aus der Region Heilbronn wollen ihre Mitarbeiter in bestimmten Bereichen öfter im Büro arbeiten lassen. Bei Bechtle hatten das die Vorgesetzten zunächst mündlich angekündigt. Die Schwarz-Gruppe ist da schon deutliche klarer: Laut einer unternehmensinternen Mitteilung sollen die Mitarbeiter von Schwarz Corporate Solutions, Schwarz Corporate Affairs und Sportmarketing künftig wieder an drei Tagen in der Woche im Büro arbeiten, verteilt als Durchschnitt über den Monat.

Die bisherige Regelung, mit der in einigen Schwarz-Bereichen an bis zu fünf Tagen mobil gearbeitet werden kann, gilt dann nicht mehr. Grund für den Schritt ist demnach, dass sich viele Mitarbeiter mehr persönlichen Austausch im Büro wünschten. Bei manchen Mitarbeitern stößt die Neuregelung auf Unmut.

Homeoffice-Änderung bei Schwarz und Co.: Forscherin über Beweggründe

Aber: Was sagt die Wissenschaft zum Arbeiten in Büro und von zu Hause aus? Was ist produktiver und was macht Mitarbeiter glücklicher?

Josephine Hofmann leitet das Forschungsteam „Zusammenarbeit und Führung“ am Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart. Die Expertin hat viele Studien zum Thema mobiles und hybrides Arbeiten durchgeführt. Ihr Eindruck: Wenn Unternehmen beim mobilen Arbeiten zurückrudern, sei das „oft nicht mit eindeutigen und belastbaren Fakten unterlegt, sondern eher eine Bauchentscheidung“.

Arbeitsforscherin: Produktivität kein Grund, Homeoffice einzuschränken

Denn die Studienlage ist nicht unbedingt eindeutig. Wenn man die Produktivität der Mitarbeiter misst, seien die Ergebnisse „überwiegend gut“, erklärt Hofmann. „Aus dieser Perspektive gibt es keinen Grund, mobiles Arbeiten massiv zu reduzieren.“ Generell sei Homeoffice wichtig, weil es das Arbeiten flexibler und besser vereinbar mit dem Privatleben macht. „Das ist heutzutage äußerst wichtig, um als Arbeitgeber attraktiv zu sein.“

Mobiles Arbeiten ist in vielen Unternehmen möglich. Die Schwarz-Gruppe plant nun, ihre besonders großzügige Homeoffice-Regel zu kippen.
Mobiles Arbeiten ist in vielen Unternehmen möglich. Die Schwarz-Gruppe plant nun, ihre besonders großzügige Homeoffice-Regel zu kippen.  Foto: Manuelt Tauber-Romieri I photogr

Allerdings beobachten die Forscher, dass sich das soziale Miteinander der Belegschaft durch mobiles Arbeiten verändert. „Es ist schwieriger, Kontakte mit Kollegen in anderen Abteilungen zu knüpfen. Es ist schwieriger, Menschen einzuarbeiten. Zufällige Begegnungen in der Kaffeeküche, das gemeinsame Mittagessen fehlen. Auch kreative Meetings sind aufwendiger umzusetzen.“ Das sei natürlich nicht wünschenswert, sagt die Expertin. „All das ist wichtig fürs Wohlbefinden, kann die Kreativität fördern und neue Ideen hervorbringen.“

Arbeitsforscherin: Büro-Präsenztage sollten nicht von oben verordnet werden

Es kommt aus Hofmanns Sicht aber darauf an, wie die Rückkehr zu mehr Bürotagen gestaltet wird. „Es ist eher unglücklich, wenn alles einheitlich von oben vorgeschrieben wird, vor allem, wenn noch einzelne Wochentage als Präsenztage festgelegt werden.“

Sinnvoller sei es, diese Entscheidung den Abteilungen oder Teams zu überlassen, weil der Bedarf sehr unterschiedlich sein kann. „Man sollte gemeinsam überlegen: Wie schaffen wir einen Mehrwert mit dieser gemeinsamen Präsenz?“

Expertin: Mehr Präsenzarbeit ist in vielen Unternehmen Wunsch, keine Pflicht

Dennoch kann es ein Risiko für Unternehmen sein, wenn sie mobiles Arbeiten zu sehr einschränken. „Die Menschen reagieren darauf sehr negativ, wenn sie schon einmal deutlich mehr Möglichkeiten hatten. Und die, die es sich erlauben können, könnten sich im Zweifel von ihrem Arbeitgeber abwenden.“

In ganz Deutschland beobachtet Hofmann aber ohnehin keine umfassende Rückkehr zur Präsenzarbeit. „Es gibt viele Überlegungen und Versuche, mobiles Arbeiten wieder einzudämmen. Das passiert aber nicht im ganz großen Stil.“ Oft seien es keine strikten Vorgaben sondern, eher Wünsche, dass wieder mehr in Präsenz gearbeitet wird. „Zudem kontrolliert nur ein kleiner Teil der Unternehmen solche Präsenzpflichten wirklich.“

IAB-Forscher: Im Vergleich zur Corona-Pandemie wird viel im Homeoffice gearbeitet

Zu mobilem Arbeiten wird auch am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg geforscht. Philipp Grunau ist dort wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsbereich Betriebe und Beschäftigung. „Diese Ankündigung ist nichts Besonderes“, sagt er über die Pläne der Schwarz-Gruppe. „Gerade große Betriebe rudern seit einiger Zeit etwas zurück.“

Allerdings müsse man das differenziert sehen, betont der Experte. Während der Corona-Pandemie sei (erst gezwungenermaßen) sehr viel von zu Hause aus gearbeitet worden. Werde das mobile Arbeiten also etwas zurückgefahren, sind viele deutsche Unternehmen immer noch auf einem hohen Niveau. „Wir sind noch innerhalb eines Aushandlungsprozesses.“

Mobiles Arbeiten ist eine Win-Win-Situation – aber nicht für alle

Seit mehr als zehn Jahren befragt das IAB regelmäßig Betriebe und Mitarbeiter. Über Homeoffice zeigt die Studienlage: „Die Mehrheit findet das gut und möchte das in gewissem Maße haben. Beschäftigte sind auch generell eher zufriedener, wenn sie im Homeoffice arbeiten können.“ Die Mitarbeiter würden von einer besseren Work-Life-Balance profitieren, das Unternehmen von zufriedeneren Mitarbeitern. „Im Allgemeinen ist es eine Win-Win-Situation.“

Aber arbeitet man zu Hause oder im Büro produktiver? Es kommt drauf an, weiß Philipp Grunau. Wer selbstständig arbeite, sei in der Regel produktiver und könne sich zu Hause besser konzentrieren. Wer sich dagegen viel im Team absprechen muss, profitiert eher von Präsenzarbeit.

Daten: An Bürotagen wird länger gearbeitet – Firmen können Anreize schaffen

Beides hat aber Vor- und Nachteile, erklärt der Experte. So zeigen Daten, dass an Bürotagen eher länger gearbeitet wird, zum Beispiel, weil alle Team-Absprachen auf diese Tage gelegt werden. Nachteil Homeoffice: Viele Menschen wollen gar nicht ständig im Homeoffice arbeiten, sondern sehen ihre Kollegen gerne. 

Grunaus Empfehlung: „Die Studien zeigen, dass ein Mittelweg am besten funktioniert.“ Es brauche eine gewisse Zahl von Homeoffice-Tagen, aber auch Präsenztage, an denen idealerweise viele Kollegen da sind.

Und: Unternehmen könnten viel tun, um es für Mitarbeiter attraktiv zu machen, im Büro zu arbeiten, sagt Grunau. Besonders geschätzt werde ein angenehmes Arbeitsklima, Rückzugsmöglichkeiten für Besprechungen oder eine gute Kantine. 

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