Baubranche wechselt vom Boom in die Flaute: Kurzarbeit und Insolvenzen befürchtet
Die Nachfrage nach Neubauten ist stark gesunken, Aufträge brechen weg. Experten rechnen deshalb mit Kurzarbeit und Insolvenzen. Und auch für Bauherren wird die Situation immer schwieriger.

Die Lage in der Bauwirtschaft hat sich weiter verschlechtert. Angesichts der anhaltenden Auftragsflaute befürchtet die Branche Kurzarbeit, Entlassungen und Pleiten.
Öffentliche Hand baut viel weniger Straßen
Von einem "echten Kaltstart ins neue Jahr" spricht Thomas Möller, Hauptgeschäftsführer der Bauwirtschaft Baden-Württemberg. Im Januar verzeichnete die Branche ein Auftragsminus von 9,5 Prozent im Vorjahresvergleich. Preisbereinigt beträgt der Rückgang sogar 22,8 Prozent. Im Straßenbau (real minus 61,7 Prozent) und im Wohnungsbau (real minus 35,2 Prozent) brach die Nachfrage besonders stark ein. "Unsere Straßenbauer sitzen auftragsmäßig praktisch auf dem Trockenen", sagt Möller.
Die Zahl der Baugenehmigungen in Baden-Württemberg ist im Januar um 27,5 Prozent eingebrochen. Möller befürchtet angesichts der geringen Orderbereitschaft und rasch sinkender Auftragsbestände Kurzarbeit in den nächsten Monaten.
Von einer "drastisch eingebrochenen Nachfrage nach Neubauten" berichtet auch Ulrich Bopp, Präsident der Handwerkskammer Heilbronn-Franken und selbst Bauunternehmer in Widdern. "Genau beziffern lässt sich der Rückgang bisher nicht, jedoch geht dieser gefühlsmäßig so langsam auf die 50-Prozent-Marke zu", sagt Bopp. Besonders im Bereich der Ein- und Zweifamilienhäuser habe sich die Situation weiter verschlechtert.
Bauherren haben mit Finanzierungsschwierigkeiten zu kämpfen
Zwar begönnen einzelne Bauträger wieder mit Projektierungen von Mehrfamilienhäusern, hat Bopp beobachtet. "Aufgrund der nicht kalkulierbaren Preisgestaltung halten sie sich jedoch mit der Umsetzung zurück oder nehmen Bauvorhaben vorläufig vom Markt." Bopp befürchtet, dass die Zahl der Insolvenzen im Handwerk im laufenden Jahr kontinuierlich zunehmen wird.
Seit vergangenem Jahr sind die Stornierungen von Bauvorhaben sprunghaft angestiegen, wie das Ifo-Institut ermittelt hat. Auch haben Finanzierungsschwierigkeiten bei Bauherren zugenommen, beides parallel zum Anstieg der Zinsen im Bausektor.
Das ist auch in der Region zu beobachten. Vereinzelt werden bereits verkaufte Grundstücke zurückgegeben, die Wartelisten für Baugebiete haben sich stark verkürzt oder sogar aufgelöst.
Wohnungsneubau könnte bis 2025 stagnieren
Dabei ist der Bedarf riesig. Nicht nur hat die Bundesregierung ein Ziel von 400.000 Wohnungsneubauten pro Jahr ausgegeben - was in diesem Jahr zum zweiten Mal in Folge verfehlt wird - auch die steigenden Mieten vor allem in Ballungsräumen zeigen, wie knapp das Angebot an Wohnraum ist. Trotzdem sinkt die Bautätigkeit seit Monaten kontinuierlich, so das Ifo-Institut, und sie werde bis 2025 stagnieren.
Angesichts der schwierigen Lage halten sich die Verbraucher beim Immobilienkauf zurück, wie Oliver Steinmetz, Bereichsleiter Immobilen bei der Kreissparkasse Heilbronn, bestätigt. Trotz leicht rückläufiger Preise sei die Finanzierung bei Zinsen von etwa vier Prozent für viele Menschen nicht mehr zu stemmen. Allerdings ziehe das Geschäft mit Bestandsimmobilien wieder etwas an, sagt Steinmetz. Auch für Renovierungen und Umbauten würden verstärkt Finanzierungen nachgefragt.
Hohe Mieten
Millionen Haushalte in Deutschland müssen einen überdurchschnittlich großen Anteil ihres Einkommens für die Miete ihrer Wohnung aufbringen. Mindestens 40 Prozent des Einkommens geht bei 3,1 Millionen Haushalten für die Miete drauf, wie das Statistische Bundesamt für das Jahr 2022 errechnet hat. Damit zählen 16 Prozent der 19,9 Millionen Mieterhaushalte zu dieser Gruppe. Im Schnitt belief sich die Mietbelastung 2022 auf 27,8 Prozent des Haushaltsnettoeinkommens.



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