Türkische Ekstase in Heilbronn mit fadem Beigeschmack: Leidenschaft feiern, Wolfsgruß ächten

   | 
Lesezeit  2 Min
Erfolgreich kopiert!

Die türkischen Fans feiern die Qualifikation für die WM ausgiebig, laut und ekstatisch. Auch in Heilbronn. Die Deutschen sollten sich davon vieles abschauen, den Wolfsgruß müssen alle stoppen.

   | 
Lesezeit  2 Min

Externer Inhalt

Dieser externe Inhalt wird von einem Drittanbieter bereit gestellt. Aufgrund einer möglichen Datenübermittlung wird dieser Inhalt nicht dargestellt. Mehr Informationen finden Sie hierzu in der Datenschutzerklärung.

Es war eine jener Nächte, in denen die Heilbronner Innenstadt rund um das K3 zur Festmeile und zum Epizentrum eines sportlichen Bebens wurde. Der Playoff-Sieg der türkischen Nationalmannschaft gegen den Kosovo hat in Heilbronn eine Welle der Begeisterung ausgelöst, die noch Stunden später die Gemüter erhitzt. Während in den sozialen Netzwerken leidenschaftlich über die Grenze zwischen „Ausnahmezustand“ und „Ruhestörung“ debattiert wird, lohnt ein differenzierter Blick auf das, was sich in jenen zwei Stunden bis nachts um eins in unserer Innenstadt abgespielt hat.

Die Kritikpunkte der Anwohner sind schnell zusammengefasst: Hupkonzerte bis tief in die Nacht, der Einsatz von Pyrotechnik und die bange Frage, ob Feuerwerk in den Händen von Kindern nicht schlichtweg unverantwortlich sei. Doch wer die Szenen live miterlebte, sah vor allem eines: eine Eruption purer, ungefilterter Lebensfreude. In einer Zeit, in der wir Deutschen oft dazu neigen, Emotionen erst nach einer gründlichen Risikoabwägung und einer Lärmschutzprüfung zuzulassen, wirkte diese Feier wie ein Weckruf.

Türkische Fans in Heilbronn feiern mit Wolfsgruß, die Polizei bleibt entspannt

Es war laut, es war bunt, es war knallig – aber es war eben auch komplett friedlich. Kein Vandalismus, keine Aggression gegen Passanten, keine Eskalation. In diesen Autokorsos spiegelte sich eine Leidenschaft wider, von der sich die oft etwas unterkühlte deutsche Fankultur durchaus eine Scheibe abschneiden könnte. Hier wurde nicht nur ein Sieg gefeiert, sondern Identität und Gemeinschaft zelebriert. Dass dabei auch die Heilbronner Polizei eine angenehme Souveränität an den Tag legte und sich auf eine Weise vornehm zurückhielt, die deeskalierend wirkte, unterstreicht den Charakter des Abends: Es gab schlichtweg keinen Grund, die Freude polizeilich zu ersticken.


Dennoch darf ein kritischer Beobachter nicht die Augen davor verschließen, dass sich unter die sportliche Euphorie Symbole mischten, die einen faden Beigeschmack hinterlassen. Inmitten des Fahnenmeeres war vielfach der sogenannte Wolfsgruß zu sehen – eine Geste, die längst zum vermeintlich „guten Ton“ bei solchen Anlässen zu gehören scheint und inflationär, gerade auch von Kindern und Jugendlichen, gezeigt wurde.

Die Ekstase stimmt, die politische Komponente ist Fehl am Platz

Hintergrund: Der Wolfsgruß ist das Erkennungsmerkmal der „Grauen Wölfe“ (Ülkücü-Bewegung), einer ultranationalistischen, rechtsextremen Gruppierung aus der Türkei. In Deutschland wird die Bewegung vom Verfassungsschutz beobachtet, da ihre Ideologie auf Überlegenheitsansprüchen fußt und oft rassistische oder antisemitische Züge trägt. Schon bei vergangenen Turnieren wurde dieser auch bei Autokorsos in Heilbronn beobachtet.

Dass dieses Zeichen so unbeschwert in die Kameras gehalten wird, offenbart eine bedenkliche Normalisierung. Wenn politische Symbole, die für Ausgrenzung stehen, zum festen Repertoire einer sportlichen Feier werden, wird die Grenze des rein Fußballerischen überschritten. Hier ist die Community selbst gefragt, eine klare Trennung zwischen nationalem Stolz und nationalistischer Ideologie zu ziehen.

Party-Nächte wie diese braucht Heilbronn, den Wolfsgruß dagegen nicht

Heilbronn hat eine Nacht erlebt, die in Erinnerung bleiben wird, die Vorfreude auf die WM machen sollte und doch kritische Töne nicht ganz vom Tisch wischen kann. Wir sollten die Fähigkeit dieser Menschen bewundern, sich so rückhaltlos einer kollektiven Freude hinzugeben. Ein bisschen mehr von diesem „Brennen“ für eine Sache würde unserer Gesellschaft an vielen Stellen gutgetan.

Gleichzeitig bleibt die Aufgabe, den Nachwuchs dafür zu sensibilisieren, dass man seine Mannschaft auch ohne die Symbole der „Grauen Wölfe“ zum Sieg tragen kann. Am Ende bleibt das Bild einer lauten, bunten Nacht, die gezeigt hat, wie viel Energie in dieser Stadt steckt. Ein wenig Schlafmangel am nächsten Morgen ist da ein kleiner Preis für so viel gelebte Emotion.

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben