Stimme+
Region
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Viele Firmen produzieren für den Krisenfall

   | 
Lesezeit  6 Min
Erfolgreich kopiert!

Desinfektionsmittel, Mundschutz, Medizintechnik: Viele Unternehmen in Heilbronn-Franken haben während der Corona-Krise Flexibilität bewiesen, ihre Fertigung umgestellt und sich der aktuellen Lage angepasst. Ein Überblick.

Als die Krise losbrach, als Absatzmärkte wegfielen, Läden schlossen und Lieferungen aus dem Ausland stockten - da besannen sich viele Firmen darauf, dass sie als Mittelständler besonders flexibel sind. Sie stellten flugs um auf das, was jetzt gebraucht wurde: Mundschutz, Plexiglasschilde, Alkohol für Desinfektionsmittel.

Manch kleine Sparte, die bislang eine untergeordnete Rolle im Geschäft gespielt hatte, wurde jetzt zum wichtigsten Standbein. Und manch ein Betrieb fand sich, da er Teile für Beatmungsgeräte liefert, plötzlich in der exklusiven Riege der systemrelevanten Unternehmen wieder. Die folgende Zusammenstellung bietet einen kleinen Überblick, ist aber keinesfalls vollständig.

  • Mundschutz

Vorreiter für die Maskenproduktion war in der Region das Erlenbacher Unternehmen Beck. Der Kinderschuhproduzent fing schon Mitte März mit der Herstellung von Mund-Nasen-Schutz an, um Kurzarbeit zu vermeiden und Umsatzrückgänge abzufedern. Über sein regionales Netzwerk fand das Unternehmen Abnehmer bei Kommunen, Behörden und Unternehmen, nach Einführung der Maskenpflicht im ÖPNV und beim Einkaufen stieg die Nachfrage noch einmal deutlich an.

Der Erlenbacher Schuhproduzent Beck ist frühzeitig in die Produktion von Mund-Nasen-Schutzmasken eingestiegen. Foto: Beck
Der Erlenbacher Schuhproduzent Beck ist frühzeitig in die Produktion von Mund-Nasen-Schutzmasken eingestiegen. Foto: Beck  Foto: beck

"Seit Mitte März haben wir Masken im sechsstelligen Bereich gefertigt", sagt Geschäftsführer Rainer Bendeich. Da die Produktionskapazitäten in Erlenbach nicht ausreichen, lässt Beck die Masken mittlerweile auch von Partnerbetrieben in Osteuropa herstellen.

Einen glücklichen Ausgang hat die Insolvenz des Heilbronner Dekoartikel-Herstellers HMS Easy Stretch genommen. Wegen vieler abgesagter Veranstaltungen, erst im Zuge der Flaute in der Autobranche, dann durch Corona, war das Unternehmen in Schieflage geraten. Unter Insolvenzverwalterin Heike Metzger konzentrierte es sich gleich zu Beginn der Krise auf die Produktion von Schutzmasken, wofür ein eigentlich für Sonnensegel und Tischbezüge vorgesehener Spannstoff verwendet wurde. Mit Erfolg - die Produktion stieg von 3500 auf 8000 Exemplare pro Tag. Inzwischen ist der Forchtenberger Ventiltechnik-Hersteller Müller Co-Ax beim Unternehmen eingestiegen und hat alle Mitarbeiter übernommen. Die Masken-Fertigung läuft weiter.

Nachhaltigen Atemschutzmasken will das Ilsfelder Unternehmen Tecnaro zum Durchbruch verhelfen. Der Spezialist für Bio-Granulate für die Kunststoffindustrie kooperiert dabei mit Cast Solut aus Ellwangen. Weil das für FFP-Masken notwendige Filtertuch in Deutschland Mangelware ist, haben Tecnaro und Cast Solut gemeinsam eine Mehrwegmaske entwickelt, die nur ein Fünftel des üblichen Vliestuchs benötigt. Die Maske funktioniert wie ein Modulbaukasten, die Filter können getauscht und CO2-neutral entsorgt werden. Die Bauanleitungen für die Masken haben Tecnaro und Cast Solut übrigens als Freeware ins Internet gestellt.

Der Neckarsulmer Arbeitsschutz-Spezialist Eskon fertigt seit einigen Wochen wiederverwendbaren Mundschutz. Durch die regionale Produktion in Neckarsulm habe man einige Bedarfe schnell decken können, teilt Geschäftsführer Elvis Seretinek mit. Den Mundschutz verkauft das Unternehmen unter anderem im Naturkostladen Grüne Emma in Heilbronn.

Der Filterspezialist Filtration Group aus Öhringen ist vor wenigen Wochen in die Produktion von Atemschutzmasken eingestiegen und hat nach Anlaufschwierigkeiten inzwischen mehr als 30.000 produziert. Tausende wurden gespendet. Immer mehr gelangen nun auch in den Verkauf - etwa über den Stimme-Shop der Heilbronner Stimme. Die größte Bestellung kam von der IG Metall mit 13.000 Stück. Die Masken bestehen aus PET-Fasern, die wie jede PET-Flasche recycelt werden können und gesundheitlich unbedenklich sind. Eine Desinfektion bei Temperaturen von rund 70 Grad etwa im Backofen ist wie bei Textilmasken möglich.

  • Desinfektion

Für das Heilbronner Chemieunternehmen Brüggemann herrscht seit Wochen Hochkonjunktur in seiner Sparte Alkohol. Als größter Ethanol-Anbieter im deutschen Pharma-Markt ist das Unternehmen in der Covid-19-Pandemie besonders gefordert. "Alle Produktionsanlagen laufen auf Hochtouren rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, an den beiden Standorten Heilbronn und Lutherstadt Wittenberg", berichtete Geschäftsführer Timo Friedrich. "Bereits seit Anfang März ist in der Abfüllung Schichtbetrieb angesagt, auch an den Wochenenden."

Der Siegelsbacher Kosmetik-Hersteller Mann & Schröder hat die Produktion von Hand-Desinfektionsmittel gestartet. Anfangs gab es 25-Liter-Kanister ausschließlich für den gewerblichen Bereich, die vor allem medizinischen Einrichtungen wie Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen sowie öffentlichen Einrichtungen in der Region zur Verfügung gestellt wurden. Mittlerweile gibt es Zehn-Liter-Kanister auch für privat in einem eigens eingerichteten neuen Online-Shop. In den nächsten Wochen sollen weitere Größen folgen, als nächstes die Verpackungseinheit 20 mal 125 Milliliter.

Die Schwaigern Gin-Hersteller Heimat-Gin stellen zusammen mit einer Apotheke Desinfektionsmittel her.
privat
Die Schwaigern Gin-Hersteller Heimat-Gin stellen zusammen mit einer Apotheke Desinfektionsmittel her. privat  Foto: Heimatgin

Auch der Schwaigerner Spirituosen-Spezialist Heimat-Gin hat umgestellt - und produziert für den guten Zweck. "Wir wollen unseren Teil im Kampf gegen das Coronavirus beitragen", heißt es dort. Deshalb wird mit der Schloß-Apotheke in Schwaigern ein hochwirksames Händedesinfektionsmittel hergestellt - versetzt mit ätherischen Ölen aus der Gin-Produktion. Auch die Nachhaltigkeit wird beachtet: Abgefüllt wird in Glasflaschen.

In seinem Werk in Sulzdorf bei Schwäbisch Hall stellt Kärcher normalerweise Reinigungs- und Pflegemittel her. Im Zuge der Corona-Krise wurde die Fertigung kurzerhand so umgestellt, dass mit den vorhandenen Rohstoffen Handdesinfektionsmittel produziert wird. Der Standort Sulzdorf gehört zum Kärcher-Werk Obersontheim, das unter anderem Geräte für die Dekontamination von Oberflächen und Innenräumen fertigt.

Das auch für die Automobilindustrie tätige Unternehmen Texa, dessen Deutschlandvertrieb in Langenbrettach angesiedelt ist, hat ein neues Gerät zur Desinfektion von Räumen und Fahrzeugen mit Ozon entwickelt. Ob Hotelzimmer, Taxi, Reisemobil oder Wartezimmer - das Gerät tötet Viren und Bakterien ab und wandelt überschüssigen Ozon anschließend in Sauerstoff um. Am Ende wird auch ein Servicebericht ausgedruckt, so dass die Desinfektion auch gegenüber Kunden nachweisbar ist.

  • Medizintechnik

An die Hersteller von Beatmungsgeräten, von denen die meisten aus Deutschland und zwei auch aus Baden-Württemberg kommen, gingen zuletzt zahlreiche Großaufträge. Entsprechend waren auch die Zulieferer gefragt. Dazu gehören die Ventilhersteller Gemü und Bürkert aus Ingelfingen im Hohenlohekreis, aber auch Würth Elektronik. Die Niedernhaller erhielten zuletzt einen Auftrag über 30.000 Leiterplatten für Beatmungsgeräte - und konnten ihn kurzfristig bedienen. Eine unternehmenseigene "Task Force Medizintechnik" machte es möglich. Daneben gebe es viele weitere Projekte in diesem Bereich, deutete Würth-Chef Robert Friedmann jüngst bei der Vorstellung der Bilanzzahlen an. Doch mit Rücksicht auf Kunden, die nicht genannt werden möchten, seien dazu keine weiteren Angaben möglich. Um den Bedarf an Desinfektionsmitteln zu decken, hätten auch Würth-Tochterunternehmen wie Tunap in Wolfratshausen ihre Produktion umgestellt.

Mit ihrer externen Beatmungsmaschine Novalung ist die Xenios AG aus dem Heilbronner Innovationsstandort Wohlgelegen schon seit Jahren auf dem Markt. Derzeit sind die Geräte aber gefragt wie noch nie: Schon als das Coronavirus in China ausbrach, gingen die ersten Anlagen nach Hubei in den Einsatz. Mit dem Aufflammen der weltweiten Pandemie arbeitet das Unternehmen, das seit 2016 zum Dax-Konzern Fresenius gehört, nun auf Hochtouren. Xenios bietet mit Novalung ein Verfahren an, mit dem Patienten mit Lungenversagen behandelt werden können - auch infolge einer Infektion mit dem Coronavirus bei entsprechend schwerem Krankheitsverlauf. Mit dem Gerät wird die Funktion der Lunge umgangen und das Blut der Patienten mit Sauerstoff angereichert - wie bei einer künstlichen Lunge, nur in einer kleineren Anlage. In der Regel kommt die Maschine erst zum Einsatz, wenn die klassische Beatmungstherapie nicht mehr ausreichend gut anschlägt.

Das Beatmungsgerät Novalung von Xenios wird unter anderem im SLK-Klinikum in Heilbronn genutzt. Foto: Archiv
Das Beatmungsgerät Novalung von Xenios wird unter anderem im SLK-Klinikum in Heilbronn genutzt. Foto: Archiv

Der Neckarsulmer Steckverbindungshersteller Franz Binder ist seit Jahrzehnten in der Medizintechnik tätig. Durch Corona ist der Bedarf enorm gestiegen. Produkte, die das Unternehmen an Medizingerätehersteller liefert, sind unter anderem Geräte, Kabelsteckverbinder, Industriesteckverbinder und Verbindungsleitungen. Sie werden eingebaut in Infusionspumpen, Patient-Monitoring-Geräte für Intensiv- und Geburtsüberwachung und Beatmungsgeräte. In einigen Fällen ist Binder Alleinlieferant und wurde deshalb als systemrelevant eingestuft.

Renner Kompressoren aus Güglingen schaltete in den Krisenwochen schnell und bot vor allem Krankenhäusern eine kompakte Kompressor-Station für saubere, trockene und ölfreie Druckluft in Atemluftqualität. "Hier sind wir aktuell auch vollumfänglich lieferfähig", wird berichtet.

Der Verpackungsmaschinenbauer Optima aus Schwäbisch Hall unterstützt das Unternehmen Wrapping Solutions aus Rosengarten bei der Produktion von Mund-Nasen-Schutzmasken mit manuellen Faltvorrichtungen. Zahlreiche Anfragen aus ganz Deutschland sind in den vergangenen Wochen für diese Lösung eingegangen, wird berichtet. Die Herstellung der Faltvorrichtungen wird vom Optima-Ausbildungszentrum übernommen.

  • Plexiglas

Der Heilbronner Stanzformenspezialist Marbach produziert seit Ende April Gesichtsschilde aus A-PET-Hartfolie. "Wir hatten noch Restmaterial auf Lager, aus dem wir den Prototypen einer Maske erstellt haben. Dieser Bausatz wurde dem SLK-Klinikum für Testzwecke zur Verfügung gestellt", berichtet Geschäftsführer Peter Marbach. Die Resonanz auf die Gesichtsschilde sei sehr gut. "2000 Masken gingen kostenlos an die SLK-Kliniken Heilbronn", sagt Marbach. Mittlerweile hat das Unternehmen zahlreiche Kliniken in der Region mit Schilden versorgt.

Sein Portfolio erweitert hat auch der Ilsfelder Insektenschutzspezialist Gessler & Bolch. Das Unternehmen hat einen Spuckschutz für Schreibtische, Theken und Kassenbereiche entwickelt. "Im Gegensatz zu zahlreichen Eigenkonstruktionen, die zurzeit oft zu sehen sind, kann man diese Konstruktion frei aufstellen", berichtet Geschäftsführer Matthias Gessler. Aus Aluminiumprofilen, die das Unternehmen normalerweise für Fliegengitter verwendet, haben die Mitarbeiter diesen Spuckschutz entwickelt, der mit einer Platte aus Polycarbonat versehen ist.

Das Ilsfelder Unternehmen Gessler & Bolch fertigt seit kurzem Trennwände für den Einsatz in Büros oder Geschäften. Foto: Gessler
Das Ilsfelder Unternehmen Gessler & Bolch fertigt seit kurzem Trennwände für den Einsatz in Büros oder Geschäften. Foto: Gessler  Foto: Gesller

Polycarbonat kommt auch bei Ziehl-Abegg in Künzelsau zum Einsatz. Beim Ventilatorenhersteller bauen angehende Werkzeugmechaniker Gesichtsschilde für Ärzte und Pfleger. "Wir fahren jetzt zweigleisig", sagt Vorstandschef Peter Fenkl. Zum einen entstehen Halterungen auf 3D-Druckern im Betrieb. Zum anderen kommen neue Halterungen aus Polycarbonat hinzu. "Wir haben gerade mal zwei Tage gebraucht, um die Idee in unserem Training-Center umzusetzen", sagt Ausbilder Andreas Hillenbrand. Die Gesichtsschilde liefert Ziehl-Abegg an das Diakoneo in Schwäbisch Hall sowie an niedergelassene Ärzte. "Wir wollen damit kein Geld verdienen", betont Fenkl. "Daher geben wir die Schilde kostenfrei an diese Einrichtungen ab - solange wir mit der Herstellung nachkommen."

Der Heilbronner Papierhändler Berberich produziert in seiner Sparte Berberich Systems nun Gesichtsmasken, die Masken aus Papier oder Stoff ergänzen sollen. Der Gesichtsschutz besteht aus dem recyceltem Kunststoff PETG, hat ein größenverstellbares Stirnband und ist auch für Brillenträger geeignet.

Signal Design, ein Werbetechnik-Betrieb in Schwäbisch Hall, liefert nun Schutzwände und Warnaufkleber. Dafür wurde über ein Wochenende ein eigener Web-Shop programmiert. Dieser ist so erfolgreich, dass das Telefon nicht mehr stillsteht und die im März angekündigte Kurzarbeit verschoben werden konnte.

Der Kautschukartikel-Händler Rala mit Niederlassung in Heilbronn hat sein Portfolio erweitert um Acrylglas- Schutzplatten zum Aufstellen auf Theken und in Kassenbereichen sowie einen Hygieneschild.

 
Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben