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Schwarz-Gruppe kauft immer mehr Lebensmittel-Produzenten – Welche Strategie steckt dahinter?

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Eine Bäckerei als Investition in die Zukunft? Ein Heilbronner Handelsexperte erklärt, warum Lidl und Kaufland sich nicht damit begnügen, Lebensmittel günstig ein- und weiterzuverkaufen.

Jetzt hat die Schwarz-Gruppe die Großbäckerei Artiback übernommen
Jetzt hat die Schwarz-Gruppe die Großbäckerei Artiback übernommen  Foto: Schwarz Unternehmenskommunikation GmbH & Co. KG. dpa / Montage: HSt

Mit großen Schritten entwickelt sich die Schwarz-Gruppe vom reinen Einzelhändler, der sie einmal war, hin zu einem vielfältigen Mischkonzern mit einer starken Produktionssparte. Vor kurzem wurde bekannt, dass die Schwarz-Gruppe die Großbäckerei Artiback in Halle mit 150 Mitarbeitern übernimmt. Handelsexperte Carsten Kortum erklärt, was sich damit für das Unternehmen verändert.

Der Kauf von Artiback fügt sich nahtlos ein in eine Reihe von Übernahmen der vergangenen Jahre – von der Papierfabrik über einen Nudelhersteller bis hin zum Speiseeisproduzenten. Zudem hat das Unternehmen eigene Produktions- und Verwertungsanlagen gebaut, etwa eine Kaffeerösterei im nordrhein-westfälischen Rheine oder auch mehrere PET-Recyclingwerke.

 


In vielen Bereichen gehören die Schwarz-Fabriken nun zu den größten in Deutschland

Der Ausbau der Produktionskapazitäten betrifft vor allem Artikel aus dem Pflichtsortiment, erläutert Carsten Kortum, BWL-Handels-Professor an der DHBW in Heilbronn. Zum Beispiel Wasser. Es ist also kein Zufall, dass die Schwarz-Gruppe mit der vollständigen Übernahme des größten deutschen Mineralwasser-Konzerns, der MEG-Gruppe, 2008 im großen Stil in das Thema Produktion einstieg. Das Wasser wird vor allem unter der Eigenmarke Saskia vertrieben. Zudem liefert die MEG an Lidl und Kaufland in 25 Ländern alkoholfreie Getränke mit 300 verschiedenen Artikeln – auch in kleineren Größenordnungen, wie Kortum betont. Es gehe also nicht nur um die Massenproduktion, sondern auch um Flexibilität. 

Auch in anderen Bereichen wird die Schwarz-Gruppe zum Produzenten. Schokolade der Eigenmarke Fin Carré gehört zu den meistverkauften Schokoladen in Deutschland und stammt vornehmlich aus dem eigenen Werk in Übach-Palenberg (NRW). 2012 wurde dort zudem die eigene Großbäckerei Bonback errichtet, wo seitdem die Aufback-Klassiker für das Backregal produziert werden.

 


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Bon Gelati: Speiseeis aus eigener Produktion

Seit 2017 wird auch Eiscreme für die Eigenmarke Bon Gelati in einem der modernsten Speiseeiswerke Europas hergestellt – ebenfalls in Übach-Palenberg. 2020 übernahm Schwarz dann auch noch ein Eis-Werk des Molkereikonzerns DMK Group in Waldfeucht, nur 25 Kilometer entfernt. Sogar Nussmischungen kommen aus der eigenen Produktion.

Bon-Pasta-Teigwaren stammen aus der größten Nudelfabrik Deutschlands, die inzwischen ebenfalls zum Hause Schwarz gehört und somit exklusiv für Kaufland und Lidl produziert. Der Kaffee aus der eigenen Rösterei wird unter Bon Presso vertrieben.

Eigenmarken bei Lidl und Kaufland: Mehr Einfluss, mehr Spielraum, mehr Gewinn

Gekennzeichnet sind diese Artikel von hohen Umschlagsgeschwindigkeiten und eher unterdurchschnittlichen Handelsspannen, erklärt Kortum. Sie machten aber rund 55 bis 60 Prozent vom Gesamtumsatz aus. Die Strategie habe "absolute Kostenvorteile durch Größenvorteile, unternehmensinterner Lernkurve und schnellere Möglichkeiten der Reaktion auf Trends mit Produktinnovationen", erklärt Kortum. Ferner werde zunehmend eine Unabhängigkeit von Zulieferern bei der Fertigung von Eigenmarken angestrebt. Vertikalisierung oder vertikale Integration nennt man diese Strategie. 

Bemerkenswert ist, wie die Schwarz-Gruppe mit dieser Strategie innerhalb von wenigen Jahren eine komplett neue Sparte aufgebaut hat, die inzwischen einen Milliardenumsatz macht. Er dürfte bei mehr als 2,5 Milliarden Euro liegen – je nachdem, welche Unternehmensteile dazugerechnet werden, sogar noch höher. Dabei werden übrigens interne Verrechnungspreise angesetzt, da die Schwarz-Produktion nur für Lidl und Kaufland produziert und nicht an andere Händler verkauft. Angesichts der Dynamik, mit der die Schwarz Produktion unterwegs ist, scheint es nur eine Frage der Zeit, bis wann sie an die größten deutschen Lebensmittelhersteller heranrückt, an deren Spitze die Oetker-Gruppe steht. Deren Umsatz mit der Lebensmittelproduktion liegt bei rund vier Milliarden Euro.

Nachhaltigkeit wird wichtiger

Dazu kommen weitere Übernahmen, die Teil der sogenannten vertikalen Integration sind. In diesem Jahr übernahmen die Neckarsulmer etwa die Papierfabrik in Karlsruhe-Maxau von Stora Enso für einen dreistelligen Millionenbetrag. Ebenso wie bei den Recycling-Werken geht es der Schwarz-Gruppe hier auch darum, direkten Einfluss auf die nachhaltige Produktion von Verpackungsmaterial zu erhalten.

Dazu kommen neue Geschäftsfelder wie die IT und Cybersicherheit, auf die die Schwarz-Gruppe konsequent setzt. Unabhängigkeit und Zukunftsfähigkeit sind hier entscheidende Punkte. Das lässt sich das Unternehmen viel Geld kosten.

Es gibt allerdings nicht nur Vorteile, wie Kortum betont. Viel Kapital werde so gebunden, das teilweise sogar bei den derzeit hohen Zinsen beschafft werden muss. Der "Fixkostenblock" sei groß. "Wichtig ist für die langfristige Strategie in der Schwarz-Gruppe, dass strategisch in die Geschäftsfelder weiter investiert wird, die derzeit den Cash-Flow erwirtschaften, und nicht nur in neue Geschäftsfelder wie IT-Sicherheit und Cloud-Business."

 


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Wie es zur Artiback-Übernahme kam

Was hat es nun mit der neuen Großbäckerei auf sich? Carsten Kortum erklärt, der 2016 gegründete Produzent für Tiefkühlbackwaren Artiback mit dem Fokus auf Spezialitäten beliefere Lidl bereits und ergänze die bereits vorhandenen, eigenen Produktionskapazitäten von Bonback mit 700 Mitarbeitern gut.  Die wirtschaftliche Situation von Artiback mit hohen Verlustvorträgen aus den Vorjahren sei bisher eher von einer Geschäftsexpansion geprägt. Der operative Cash-Flow sei jedoch positiv. "Ein Absatzrisiko besteht für Tiefkühlbackwaren perspektivisch nicht", ist Kortum überzeugt. Verbraucher würden weiterhin ihren Backwareneinkauf noch weiter in den Lebensmitteleinzelhandel verlagern. 

 

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