Zum Schulanfang nicht genügend Raumluftfilter für alle
Die Diskussion um Strategien für virenfreie Luft kommt spät – zu spät für eine flächendeckende Versorgung mit Filtergeräten bis Herbst, warnen Unternehmen. Dass der Einsatz von solchen Geräten sinnvoll sein kann, bestätigt eine aktuelle Studie der Hochschule Heilbronn. Die Kommunen machen sich aber vor allem Gedanken um die Kosten.

Raumluftfilter sollen den Unterricht an Schulen unter Corona-Bedingungen sicherstellen. Das Land Baden-Württemberg stellt Kommunen dafür Fördergeld in Millionenhöhe in Aussicht. Doch Hersteller von Filtergeräten und Ventilatoren warnen: Die Zeit bis Schulbeginn sei zu knapp, um auch nur annähernd alle Klassenzimmer auszustatten. Neue Studien bestätigen derweil die Wirksamkeit der Geräte.
Umfrage bei Filter- und Lüfterherstellern
Eine Umfrage unserer Zeitung bei den großen Filter- und Lüfterherstellern in der Region zeigt, dass ein Schulstart mit Luftfilter nach den Sommerferien kaum realistisch erscheint. Der Filterspezialist Mann + Hummel in Ludwigsburg sieht sich in der Lage, einige Tausend Geräte zu liefern, „aber keine Zehntausend“, wie der zuständige Bereichsleiter Jan-Erik Raschke betont. Der Öhringer Filterhersteller Filtration Group ist in die Produktion von Raumluftfiltern eingestiegen und könne an die 2000 Geräte noch in diesem Jahr ausliefern. Nötig wären allerdings mehr als 50.000 Geräte allein für Baden-Württemberg. „Wir haben in der Vergangenheit auch den Dialog vermisst“, übt Raschke Kritik am späten Vorstoß der Politik.
Ein entscheidendes Bauteil in den Filtergeräten sind die Ventilatoren, die unter anderem von EBM-Papst in Mulfingen oder Ziehl-Abegg in Künzelsau kommen. Beide betonen, dass angesichts von hohen Auftragseingängen und Lieferschwierigkeiten bei eigenen Zulieferern derzeit selbst Bestandskunden mit längeren Wartezeiten rechnen müssten.
Zu lange gezögert
Mit einem Pilotprojekt an einer Kupferzeller Schule hatte der EBM-Papst schon Ende vergangenen Jahres gezeigt, welche Wirkung eine Luftfilteranlage in einem Klassenzimmer haben kann. „Doch die Politik blieb zögerlich“, sagt Unternehmenssprecher Hauke Hannig. Jetzt habe EBM-Papst einen so starken Auftragseingang, dass die Lieferzeiten teils schon bis 2022 reichten. Neue Kunden müssten sich da hintenanstellen. Und man spreche jetzt ja offenbar über Zehntausende Lüfter und Geräte.
Ähnlich formuliert es der Vorstandschef des Künzelsauer Wettbewerbers Ziehl-Abegg, Peter Fenkl: „Die Antwort auf die Frage, ob wir einige Tausend Lüfter zusätzlich produzieren können, lautet Ja. Allerdings nicht in der kurzen Zeitspanne, über die jetzt diskutiert wird.“ Es gebe Materialengpässe. Die Vorstellung, dass nun im September oder Oktober alle Klassenzimmer ausgestattet sind, sei illusorisch.
Genügend Zeit wäre eigentlich gewesen, ist Jan-Erik Raschke überzeugt: „Wir sind seit 60 Jahren im Bereich Reinraum und OP-Säle tätig.“ Daher sei prinzipiell bekannt, was Filteranlagen leisten könnten. Inzwischen gebe es auch mehrere Studien, unter anderem vom KIT in Karlsruhe, die den Nutzen auch von mobilen Geräten nachgewiesen haben. „Warum man jetzt immer noch eine weitere Studie benötigt, das weiß ich auch nicht.“
Aktuelle Studie in Heilbronn: Aerosolkonzentration um 90 Prozent reduziert

Das Ergebnis von zwei weiteren Studien liegt jetzt vor. Experten des Instituts für Gebäudeenergetik, Thermotechnik und Energiespeicherung in Stuttgart hatten ein halbes Jahr lang an zehn Stuttgarter Schulen die Wirkung der Filter gemessen. Sie warnen nun, die Geräte seien kein Ersatz für das Stoßlüften in Pausen.
Forscher der Hochschule Heilbronn haben ein Gerät von Mann + Hummel getestet. Sie fanden heraus, dass der Raumluftreiniger die Aerosolkonzentration in einem Hörsaal um bis zu 90 Prozent reduzieren konnte. Entscheidend, erklärt Professor Jennifer Niessner aus dem Forscherteam, sei dabei die Einstellung und Position des Raumluftfilters. Die Geräte saugen die Umgebungsluft einerseits ein, blasen aber auch Luft aus. Am wirksamsten war der getestete Raumluftfilter, wenn der Ausstoß gegen eine Wand zeigte.
Bei geschlossenen Fenstern hilft nur ein Filter
Jennifer Niessner, die die Landesregierung auch als Teil des Expertenkreises Aerosole berät, betont, dass die Geräte kein CO2 aus der Luft filtern, weshalb regelmäßige Frischluftzufuhr immer noch nötig sei. „Lüften senkt die Konzentration von Aerosolpartikeln schnell, aber nicht nachhaltig“, fasst sie zusammen. Sobald das Fenster wieder geschlossen werde, könne auch die Aerosolbelastung wieder steigen. Ein zusätzlich eingesetzter Raumluftfilter könne die Konzentration, etwa von Viren und Pollen, dauerhaft niedrig halten.
Staatliche Schulen bis heute zurückhaltend
Die Politik habe eben lange darauf gesetzt, dass sich das Problem mit der Impfung lösen lässt. Die Delta-Variante machte dieser Strategie nun offensichtlich einen Strich durch die Rechnung. Dringend nötig sei jetzt ein Stufenplan, sagt Raschke. „Denn wir haben Grundschüler, die gar nicht geimpft sind, und weitere Jahrgangsstufen, die nach den Sommerferien auch nur zu einem kleinen Teil geimpft sein werden.“ Für diese Klassen seien Raumluftfilter wichtig, wenn man nicht wieder zum Homeschooling übergehen wolle.
„Wir merken, dass jetzt plötzlich viele Ausschreibungen unterwegs sind“, sagt Harisa Lumpp, Leiterin des Produktmanagements bei der Filtration Group. Doch bis heute seien staatliche Schulen mit Bestellungen zurückhaltend, während viele Schulen in privater und kirchlicher Trägerschaft längst handelten, ergänzt Raschke. Es sei überfällig, dass die Politik den Dialog mit den Herstellern sucht. Logistik und Lieferketten stünden vor großen Herausforderungen. Da seien die Unternehmen auf gewisse Leitplanken für die Beschaffung angewiesen.
Kommunen befürchten hohe Folgekosten
Kritik an der Investition in Luftfilter für Schulen kam von Seiten der kommunalen Spitzenverbände. „Wir sehen darin nicht den Weg“, sagte Klaus Holaschke, Vizepräsident des Gemeindetags und Eppinger Oberbürgermeister, im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Folgekosten für Strom oder den Wechsel der Filter würden außer Acht gelassen und belasteten die Kommunen, betonte Holaschke.
Die Hersteller widersprechen: So viel Strom wie eine Glühbirne
Von den Herstellern der Geräte kommt Widerspruch. „Ein mittleres Gerät auf höchster Stufe verursacht 45 Euro Stromkosten pro Jahr, ein großes bei mittlerer Stufe sogar nur 20 Euro - so viel wie eine Glühbirne“, sagt Raschke von Mann + Hummel. Die Filter lägen bei 500 Euro alle zwei Jahre. Mehr Nebenkosten entstünden nicht.
Harisa Lumpp von der Filtration Group in Öhringen nennt ähnliche Preise. Beide verweisen aber auch darauf, dass ohne Filtergeräte ebenfalls hohe Mehrkosten entstünden, wenn stattdessen viel mehr gelüftet wird, wie unter anderem vom Umweltbundesamt empfohlen. Denn dann müsste die abgekühlte Raumluft regelmäßig wieder aufgeheizt werden.
Lieber lüften?
Das Umweltbundesamt bleibt bislang bei seiner Empfehlung vom August 2020, dass der Einsatz von mobilen Luftreinigern in Klassenräumen oder zu Hause nicht geeignet sei, um die Aerosolbelastung wirksam zu senken. Stattdessen sollten Klassenräume über weit geöffnete Fenster gelüftet werden, empfiehlt die Behörde. Wenn auf diese Weise alle 20 Minuten gelüftet werde, habe das bei winterlichen Temperaturen zur Folge, dass die Innenraumtemperatur um rund sechs Grad absinkt, sagt Jan-Erik Raschke vom Ludwigsburger Filterhersteller Mann + Hummel. „Aus energetischer Sicht ist das eine Katastrophe.“ Auf der anderen Seite sei es so, dass bei ähnlichen Außen- und Innentemperaturen kaum ein Luftaustausch stattfinde. „Mir fehlt hier manchmal die ganzheitliche Betrachtung“, sagt Raschke.
Erste Förderung
Geschätzt 67.000 Klassenzimmer gibt es in Baden-Württemberg. Bei Kosten von gut 3000 Euro pro mobilem Raumluftfilter geht es damit um Kosten von 200 bis 300 Millionen Euro, sollte jeder Raum entsprechend ausgestattet werden. Nachdem die Landesregierung lange Zeit den Einsatz solcher Filtergeräte abgelehnt hat, stellte sie vor wenigen Tagen 60 Millionen Euro an Fördermitteln in Aussicht. Hintergrund ist, dass die bayerische Landesregierung alle Kitas und Schulen flächendeckend ausstatten will.


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Kommentare
Sören Hunke am 09.07.2021 10:26 Uhr
… dass hier noch immer gezögert wird!!! Für alles mögliche ist/war in dieser Pandemie Geld da, aber bei der sicheren Beschulung unserer Kinder spart man lieber. Die Zeche sollen im Winter dann wieder die Eltern zahlen. Die können dann wieder zusehen wie sie ihren Job mit der 24/7-Betreuung hinbekommen. Beschämend!
Der Druck auf die Politik sollte dringend erhöht werden, auch kritische Nachfragen seitens der HST bei den kommunalen Entscheidern wären hier unbedingt wünschenswert!
Rose Frank am 09.07.2021 12:23 Uhr
Liebe/r S.H., Sie sprechen mir mal wieder so aus der Seele! Vielleicht sollte man mal einen bundesweiten Schulstreik organisieren, diesmal nicht für's Klima, sondern für die Bildung?! Vielleicht wachen die Zuständigen ja auf, wenn Millionen SchülerInnen durch die Straßen ziehen mit dem Slogan, "...weil Ihr uns die Bildung klaut..."?