Schule in der Pandemie: Wie geht es im Herbst weiter?
Geht es für die Schüler nach den Sommerferien weiter von Lockdown zu Lockdown? Oder gibt es Rezepte für gelingenden Präsenzunterricht in der Pandemie? Dazu äußern sich Jana Kolberg und Harald Schröder. Sie sind in der Region die Vertreter der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Die Sommerferien stehen vor der Tür. Eigentlich zu früh, meinen Lehrer und Schulleiter. Denn noch längst ist von Alltag nicht die Rede. Mit Förderprogrammen bereitet das Land das kommende Schuljahr vor. Luftfilter sollen angeschafft werden. Doch reicht das alles?
Die Schulleiter haben Sorge, dass die GEW im Herbst wieder von Schulschließung zu Schulschließung plädiert. Ist das der Kurs Bildungsgewerkschaft im nächsten Schuljahr?
Jana Kolberg: Die GEW sagt hier ganz klar: Sicherheit geht vor, für Lehrkräfte, Schüler, Erzieher. Wir alle sind nicht Lehrer geworden, um im Homeschooling zu sein oder Corona-Verwaltungstätigkeit zu machen. Sondern wir sind Lehrer geworden, um vor den Kindern zu stehen. Aber die Sicherheit für alle geht vor.
Harald Schröder: Dass es immer heißt, dass die GEW-Mitglieder die Spielverderber sind, das hängt mit der Aufgabe zusammen. Die GEW will Dinge ansprechen, die an anderer Stelle nicht angesprochen werden. Arbeits- und Gesundheitsschutz ist der GEW seit Jahrzehnten schon ein wichtiges Anliegen. Und in Zeiten der Pandemie ist es das ganz brennende Thema, und natürlich ist es eine Güterabwägung zwischen dem Recht auf Bildung in Präsenz und dem Gesundheitsschutz aller - diese Entscheidung ist nicht einfach.
Was wäre das Dringendste, das bis Herbst getan werden muss, damit alle gesund bleiben?

Kolberg: Die Luftfilter allein reichen nicht. Grundproblem ist, dass ein Rückstand generell bei den Gebäuden ist. Wichtig wäre, die Gebäude lüften zu können. Festinstallierte Anlagen, damit man nicht am offenen Fenster sitzt - in der Kälte, in der Hitze. Das wäre das Wichtigste. Die Luftreiniger sind hilfreich, aber auch nur dann, wenn sie effektiv und nicht zu laut sind.
Schröder: Was mir auf den Nägeln brennt, ist das Thema Impfen. Da herrscht in Deutschland immer noch zu viel Bürokratie. Man sieht doch: Wenn es innovative Impfevents gibt wie auf der Theresienwiese in Heilbronn, dann kommen die Menschen. Man muss sie nur richtig ansprechen, damit sie nicht lange nach Terminen suchen müssen, dann werden auch viele Eltern zum Impfen gehen.
Sollte an Schulen geimpft werden?
Kolberg: Das fände ich problematisch. Räume zur Verfügung stellen ja, für Eltern. Aber bei Schülern bräuchte man Zustimmungserklärungen. Und es ist nicht Aufgabe der Schulen, für Impfungen zu sorgen.
Schröder: Das ist kein Thema für Bildungspolitik. Aber ich finde es schwierig, wie das Thema Impfen gerade thematisiert wird. Politiker und die Ständige Impfkommission widersprechen sich. Das verunsichert die Menschen. Wer sich impfen lassen wollte, der ist durch. Die, die skeptisch oder zurückhaltend sind, werden durch die Diskussion nicht motiviert, sich impfen zu lassen. Die Auswirkung auf die Schule wäre mit höherer Impfquote niedriger. Dann würde aus einer vierten Welle ein Wellchen.
Lehrer müssten geimpft sein, Schüler werden getestet: Regelunterricht müsste funktionieren?

Kolberg: Aber viele Schüler sind nicht geimpft. Zum Schutz der Kinder und der Eltern muss man Infizierte vermeiden. Und es gibt Lehrkräfte, die sich wegen spezieller gesundheitlicher Situation nicht haben impfen lassen.
Schröder: Und neben der Schule, an der die Kinder getestet werden, haben wir den öffentlichen Personennahverkehr. Da sind die Schüler zusammen mit anderen, nicht regelmäßig getesteten Personen. Die Kinder werden nicht von dem Schutzraum Wohnung in die Schule gebeamt. Sie haben Wege, treffen sich außerhalb der Schule. Testen hat gewissen Schutz, aber keinen absoluten.
Gibt es viele, die aus Sorge um die Gesundheit nicht mehr in die Schule gehen?
Kolberg: Diese Kinder sind isolierter, denen fehlt das ganze Sozialverhalten. Da sind nach der langen Zeit nicht nur Wissenslücken, sondern auch soziale Defizite.
Schröder: Viele haben verlernt, was Schule bedeutet. Wie verhalte ich mich in der Gruppe? Ich bin nicht mehr allein zu Hause, sondern muss nachgeben. Das dauert. Und jetzt kommen die Sommerferien. Das ist zwar positiv unter den Infektionsschutzbedingungen, aber schlecht, um wieder in die Schule reinzukommen. Kolberg: Auch das regelmäßige Aufstehen, Hausaufgaben machen, all das ist schwierig.
Sind die Förderprogramme dann gut?
Kolberg: Gerade die Kinder, die es nötig hätten, erreicht man damit nur schwer. Die Busse fahren nicht so regelmäßig wie in den Schulzeiten.
Schröder: Oder den Eltern fällt ein, dass doch noch spontan die Großeltern besucht werden. Die Verbindlichkeit fehlt. Es werden wieder die ausgegrenzt, die Hilfe und Unterstützung dringend bräuchten.
Was halten Sie dann von den Plänen des Ministeriums, dass im nächsten Schuljahr tausende externe Helfer wie pensionierte Lehrer oder Studenten den Kindern in den Schulen helfen sollen?
Kolberg: Das wäre eine gute Unterstützung im Unterricht und ist die ganze Zeit bereits eine Forderung der GEW. Wichtig wäre außerdem, dass es genügend ausgebildete Lehrkräfte für den Unterricht gibt und die externen Helfer dazu eine Ergänzung sind. Es werden viele ausgebildete Lehrer an den Schulen im nächsten Schuljahr fehlen, und dafür müssen endlich mehr Studienplätze geschaffen werden.
Schröder: Es ist sicherlich ein ambitioniertes Vorhaben, 30 000 Lernhelferinnen und Lernhefler in so kurzer Zeit und für eine befristete Zeitspanne zu finden. Es ist den Schülerinnen und Schülern zu wünschen, dass tatsächlich so viele und auch geeignete Personen gefunden werden. Jede gute Lernbegleitung begrüße ich.
Zur Person
Jana Kolberg ist 40 Jahre alt. Sie ist seit zehn Jahren in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft die Kreisvorsitzende Main-Tauber/Hohenlohe. Sie vertritt 900 GEW-Mitglieder. Harald Schröder, 54 Jahre, ist seit fünf Jahren im GEW-Kreisverband Heilbronn der Sprecher im Vorstandsteam. Zum GEW-Gebiet Heilbronn gehören 1935 Mitglieder.
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