AfD-Hochburgen Plattenwald und Taläcker: Bewohner bewerten auffälliges Wahlergebnis
In manchen Bezirken hat die AfD bei der Bundestagswahl besonders viel Zuspruch erhalten – in den "Hochburgen" Bad Friedrichshall-Plattenwald und Künzelsau-Taläcker etwa. Wie Bewohner das begründen.
Mal in Weiß, mal in blassem Gelb oder Orange. Die Fassaden der Gebäude im Bad Friedrichshaller Stadtteil Plattenwald sind ansehnlich und in gutem Zustand. Risse in den Wänden sucht man ebenso vergebens wie wild lagernden Abfall. Vor den Einfamilien- und Reihenhäusern mit ihren kleinen Vorgärten parken Autos, die strahlen, als seien sie frisch geputzt. Zum Beginn der Feierabendzeit am Mittwoch ist es ruhig. Gelegentlich überqueren Gassi-Gänger mit ihren Vierbeinern die Straße, manchmal bellt ein Hund.
Zweitstimmen in Bad Friedrichshall-Plattenwald: 471 der 809 Wähler haben sich für AfD entschieden
Wie das Klischee eines Problemviertels, in dem sich sozial und wirtschaftlich Abgehängte die Klinke in die Hand geben, wirkt der Südosten Bad Friedrichshalls keineswegs. Viel eher wie ein Bezirk, in dem es sich gut leben lässt. So sieht es auch Gudrun Pfähler, die mit ihrem Hund gerade eine Runde dreht: „Ich wohne seit 32 Jahren hier – und habe mich noch keinen Tag unsicher oder unglücklich gefühlt“, erzählt sie. Und dennoch ist sie geschockt.

Frau aus dem Plattenwald: Attacken in Aschaffenburg und München als Vorteil für AfD
Am Sonntag hat die Alternative für Deutschland (AfD) im Plattenwald 59 Prozent der Zweitstimmen für sich verbucht. 471 der 809 Wähler haben sich für die Rechtsaußen-Partei entschieden. Die Wahlbeteiligung im Plattenwald lag bei unterdurchschnittlichen 54,1 Prozent. Pfähler kann in den Ansätzen der AfD wie der deutlich schärferen Migrationspolitik keine zielführenden Lösungsideen entdecken.
Als Gründe für den Zulauf für die Partei von Alice Weidel sieht sie etwa die wirtschaftlichen und sozialen Sorgen der Menschen in ihrer Nachbarschaft: „Audi geht es derzeit nicht gut. Dazu kommen die schrecklichen Attacken in Aschaffenburg und München, bei denen Migranten mehrere Menschen umgebracht haben.“ Solche Ereignisse, meint sie, seien ein Grund für den Zuspruch zur AfD gewesen.
Julia Springer ist eine der AfD-Wählerinnen aus dem Plattenwald. Für sie bietet das Partei-Programm viel Positives: „Die AfD richtet den Fokus ganz klar auf Deutschland. Das finde ich gut. Wir pumpen viel zu viel Geld ins Ausland, beispielsweise zur Unterstützung für die Ukraine. Und diese Mittel fehlen dann bei uns.“ Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland macht die junge Frau zornig: „Wofür arbeiten wir denn? Für die Taschen anderer Länder? Alleinerziehende Mütter sind berufstätig und müssen noch betteln gehen, um über die Runden zu kommen. Das kann doch nicht sein.“
Erklärung eine Mannes im Plattenwald: Unbefriedigende Politik treibt AfD Wähler zu
Der Engländer John Corbyn kommt ebenfalls aus dem Plattenwald. Wahlberechtigt ist er nicht. Er ist kein Sympathisant der AfD, kann die Wahlentscheidung der Menschen in seinem Viertel aber nachvollziehen: „Wenn die Parteien der Mitte nicht derart versagt hätten, gäbe es für die AfD und andere extreme Parteien auch keinen so großen Zulauf.“
Seiner Meinung nach wird sich diese Entwicklung aber noch verschärfen: „Man muss sich nur mal anschauen, wer die Altparteien wählt: Das sind vor allem Senioren. Junge Menschen fühlen sich von CDU, SPD und Co. wenig angesprochen. Und daher machen diese ihr Kreuz an den politischen Rändern.“
Einen Grund für den hohen Stimmenanteil der AfD sieht Katharina Krebs in der Sozialstruktur im Plattenwald: „Hier leben viele Menschen mit russischen Wurzeln. Die pro-russische Einstellung der AfD hat die Entscheidung beeinflusst.“ Krebs kommt aus Neckarsulm-Amorbach, wo die AfD ebenfalls fast 50 Prozent der Zweitstimmen für sich verbucht hat.
„In Gesprächen höre ich immer wieder heraus, dass sich viele Russlanddeutsche ungerecht behandelt fühlen“, sagt Krebs. „Sie finden, dass Migranten heute zu viel Sozialleistungen bekommen und sie selbst es schwerer gehabt haben, als sie nach Deutschland gekommen sind.“ Dennoch kann sie die Wahlentscheidungen pro AfD nicht nachvollziehen. Ähnlich ergeht es Johanna Schramm. Die Bad Rappenauerin ist am frühen Mittwochabend im Plattenwald unterwegs und meint: „Die AfD ist nicht gut für Deutschland. Wer sie wählt, hat im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst.“
AfD holt bei Bundestagswahl in Künzelsau-Taläcker 64 Prozent
Prozentual noch mehr Stimmen als im Plattenwald hat die AfD im Künzelsauer Stadtteil Taläcker geholt – 64 Prozent. Vor Ort will am Donnerstagvormittag niemand über die Gründe sprechen. Nur wenige Menschen sind anzutreffen, es regnet in Strömen, alles ist nass und grau. Lediglich rund um die Bergbahnstation, die den Stadtteil mit der Kernstadt im Tal verbindet, sind wenige Passanten anzutreffen. Doch sie schütteln schlicht den Kopf, winken ab oder pressen ein kurzes „Nein, danke“ heraus, als sie nach ihrer Meinung zur Bundestagswahl gefragt werden. Dann sind sie auch schon schnellen Schrittes weitergegangen. Einige Straßen weiter bringt ein Mann Einkaufstüten vom Auto zur Haustür. „Mit euch rede ich bestimmt nicht“, sagt er. Schnell verschwindet er im Haus.
Eine Mutter läuft eine Straße weiter mit ihrem dreijährigen Sohn spazieren. Sie ist zufrieden mit dem Ausgang der Wahl. Die 38-Jährige hat sich eine Koalition von CDU und SPD gewünscht und hofft, dass die Parteien sich einig werden – „auch wenn ich von Friedrich Merz als Mensch kein Fan bin“.
Über den Zuspruch der AfD in ihrem Stadtteil wundert sie sich. „Viele Russlanddeutsche hier sympathisieren mit der Partei“, sagt sie. Warum, könne sie nicht sagen. Ein anderer Taläcker-Bewohner findet: Man müsse für den einzelnen Menschen Verständnis haben, der unzufrieden ist. Dass aber „so viele bereit sind, eine in Teilen rechtsextreme Partei zu wählen“, sei erschreckend. Der 76-Jährige hofft, dass man die Menschen zurückgewinnen könne und der Rechtsruck nur ein kurzfristiges Phänomen sei.
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