Warum die AfD in Eppingen-Richen auf 38 Prozent kommt – Spurensuche im 1700-Seelen-Ort
Warum ist der Stimmenanteil für die AfD mit 38 Prozent im Eppinger Ortsteil Richen besonders hoch? Wo drückt der Schuh wirklich? Was beschäftigt die Menschen vor Ort? Diese Fragen beschäftigen auch den Ortsvorsteher.
Er würde gerne mit den Menschen, die die AfD am Sonntag in Eppingen gewählt haben, diskutieren: „Aber die sind sehr, sehr anonym. Das ist das Traurige“, sagt Giselbert Seitz, seit 35 Jahren Ortsvorsteher im Eppinger Ortsteil Richen, am Telefon. Wo drückt der Schuh tatsächlich? Was läuft wirklich falsch? Das würde Seitz gerne wissen. „Aber genau das weiß auch die Politik nicht.“
Falsch, sagt ein Mann im Häs, der kurz vor Mittag vor Ort einen Anhänger mit Getränkekisten belädt. Über das Wahlergebnis müsse sich keiner wundern. Und er benennt Themen, die auch ihn bewegt haben, bei der Bundestagswahl die AfD zu wählen: die jüngsten Attentate in Magdeburg, Aschaffenburg und am Holocaustdenkmal in Berlin, Rentner, die zu wenig im Geldbeutel haben, die Abschaltung von Kernkraftwerken, „ohne eine Alternative zu haben“. Zum Thema „Migration und der Umgang damit“ sagt er: „Das sind alles Wirtschaftsflüchtlinge, das muss man klar beim Namen nennen.“

Passant in Eppingen: „Für die Probleme, die diese Leute haben, bietet die AfD keine Lösung.“
Er selbst nennt seinen Namen nicht. Und auch ein anderer Mann flüchtet sich zumindest teilweise in die Anonymität: Moritz engagierte sich seit seiner Jugend gegen den Faschismus – und fürchtet, bei den Rechten auf einer Todesliste zu landen.
Das hohe Wahlergebnis der AfD in seinem Heimatort Richen könne er persönlich sich nicht erklären: „Die Leute haben möglicherweise das Gefühl, dass die AfD ihnen eine Sicherheit bietet, die ihnen die etablierten Parteien nicht bieten können“, meint er. Moritz sagt aber auch: „Für die Probleme, die diese Leute haben, bietet die AfD keine Lösung.“ Die Alten, die den Nationalsozialismus noch miterlebt hätten, würden aussterben: „Die Jungen haben aus der Geschichte nichts gelernt.“ Seit etwa zehn Jahren ziehe dieser Rechtsruck herauf.
Aufkleber „FCK AFD“ neben „FCK GRN“ an Briefkästen – Eppingen-Richen politisch gespalten
Richen am Donnerstagmorgen gegen 11 Uhr. Nur wenige Menschen sind auf der Straße. Am einen oder anderen Haus wehen Deutschlandflaggen. An einem Tor hängen zwei Briefkästen nebeneinander, der eine ist mit „FCK AFD“ und „FCK NZS“ sowie dem Spruch „Homophobie ist voll schwul!“ beklebt, der andere, gleich daneben, mit „FCK GRN“.
Ein Mann kommt den Weg Richtung Durchgangsstraße entlang. Er grüßt freundlich, lässt sich gerne ansprechen. Aber das Wahlergebnis will er trotzdem nicht kommentieren: „Ich bin nicht der Typ dafür“, sagt er und geht weiter.
Richen mit seinen 1700 Einwohnern gleicht in etwa der Zerrissenheit, die sich auch im Bund zeigt. „Rechts geht gar nicht“, sagt eine Frau vor dem einstigen Friseurladen Brigitte, während sie ihr Auto belädt. Knapp 38 Prozent der Erststimmen für den Adelshofener Jürgen Kögel? „Das darf nicht wahr sein. Das hatten wir schonmal, und das wollen wir nicht wieder.“

AfD auch in Eppingen-Richen stärker als die CDU
Eine jüngere Frau eine Straße weiter glaubt, dass eine AfD-Beteiligung Deutschland nicht schaden würde: „Man muss dem Ganzen auch mal eine Chance geben“, sagt sie. „Es bringt nichts, wenn man immer nur das Alte wählt: Es wird ja nicht besser“, sagt ihre Bekannte.
Zwar habe sie die AfD nicht gewählt, betont diese. Sie zeigt aber Verständnis für alle, die es getan haben: „Man probiert jetzt was anderes zu wählen.“ Und ihr Begleiter im Häs meint: „Wenn die Jetzigen“, gemeint sind die möglichen Koalitionspartner CDU und SPD, „den Arsch nicht hochkriegen, dann ist der Westen das nächste Mal so blau wie der Osten.“
Dabei schreckt die Haltung der AfD zu Migranten das Trio nicht: Sie seien mit vielen Ausländern „Griechen, Türken“ befreundet. Dürften die hier wählen, „dann würde es hier nochmal ganz anders zugehen“.
37 Prozent an Zweitstimmen für AfD in Adelshofen, dem Wohnort von Jürgen Kögel
In Adelshofen, sagt Giselbert Seitz mit Blick auf den Wohnort des künftigen Bundestagsabgeordneten Jürgen Kögel, habe man früher 90 Prozent CDU gewählt. Auch dort liegt der Stimmenanteil der AfD bei fast 40 Prozent. Wo seien diese Wähler, wenn es um ein Engagement auf kommunaler Ebene gehe, fragt sich der langjährige Wahlbeobachter und Wahlhelfer in Richen. „Die outen sich nicht“, sagt Seitz. Dabei wäre es gut, wenn sie es machen würden: Dann könne man wenigstens diskutieren. „Und dann würden wir auch wissen, was wir in Eppingen falsch machen.“
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