Stimme+
Säuturm
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Wohnen im mittelalterlichen Turm: Zeitreise in die 70er Jahre in Niedernhall

   | 
Lesezeit  2 Min
audio Anhören
Erfolgreich kopiert!

Michael Schertle verwirklichte seinen Wohntraum im mittelalterlichen Säuturm in Niedernhall – und gestaltete ihn komplett im Stil der 70er Jahre. Auf kleinstem Raum entstand so eine außergewöhnliche Turmwohnung mit Retro-Charme.


Externer Inhalt

Dieser externe Inhalt wird von einem Drittanbieter bereit gestellt. Aufgrund einer möglichen Datenübermittlung wird dieser Inhalt nicht dargestellt. Mehr Informationen finden Sie hierzu in der Datenschutzerklärung.

Rund 20 steinerne Stufen geht es hinauf bis zu der schlichten, dunklen Holztüre des Säuturms in Niedernhall (Hohenlohekreis). Als diese sich öffnet – und nur unter gutem Zureden und dem geübten Griff von Michael Schertle wieder schließt – beginnt eine ungewöhnliche Zeitreise. Knalliges Orange kontrastiert mit dunklen Brauntönen und der kalten Eleganz von Chrom. Ob Tapete, Vorhänge, Kissen oder Bettwäsche: Organische wie auch geometrische Formen und Muster ziehen sich wie ein roter Faden durch jedes der fünf Stockwerke.

Seit Oktober wohnt Michael Schertle zur Miete in dem Turm an der Stadtmauer. Und mit dem 52-Jährigen sind dort zwischen den dicken mittelalterlichen Mauern die 1970er Jahre eingezogen. 

Bewohner im Niedernhaller Säuturm hat Faible für die 70er Jahre 

„Ich bin ein großer Fan dieser Zeit“, sagt Schertle. Die fröhlichen Farben, der Lifestyle, die neue Freiheit nach den biederen 50er und 60er Jahren, das inspiriere ihn. „Ich bin Jahrgang 1974“, sagt er und ist sich sicher, dass sein Elternhaus ihn dahingehend mitgeprägt hat. Das lebt er nicht erst aus, seit er in den historischen Turm eingezogen ist. Schon davor hat er sein Zuhause entsprechend eingerichtet, hat über Jahre hinweg auf Flohmärkten und bei Haushaltsauflösungen Gegenstände aus den 70ern zusammengetragen. 


Wohnen im im Niedernhaller Säuturm: Flair der 70er Jahre allgegenwärtig

Nun reihen sich Küchengeräte im typischen Orange der Zeit im Regal aneinander. Töpfe und Pfannen mit bunten Blumen und geometrischen Verzierungen stehen ebenfalls dekorativ auf einem Sideboard nebeneinander. Schertle betont aber, dass alle diese Gegenstände funktionstüchtig sind und er diese auch tatsächlich benutzt. Für reine Dekoration habe er kaum Platz, schließlich entspricht in dieser ungewöhnlichen Wohnung jeder Raum einer kompletten Etage – angefangen mit dem Badezimmer über die Küche, das Wohnzimmer, Büro/Gästezimmer hin zum Schlafzimmer. Umso besser, dass sich die Alltagsdinge ästhetisch ins Bild einfügen, es perfektionieren. 

Kein Stilbruch im Niedernhaller Säuturm zu erkennen 

Überhaupt hat Michael Schertle seine Idee so konsequent umgesetzt, dass man auf keiner Etage einen Stilbruch zu erkennen vermag. Dabei schafft er es, eine gemütliche Wohnatmosphäre zu schaffen, ein authentisches Zuhause.Das ist nicht selbstverständlich, wirken solche Konzepte doch schnell museal, kitschig und unpersönlich. Sicher leistet auch das historische Gebäude als eine Art natürlicher Stilbruch seinen Beitrag mit Natursteinwänden,  sichtbaren Balken und den teils winzigen Fachwerkfensterchen.

Lange gab es Pläne, den Niedernhaller Säuturm zu sanieren und sinnvoll zu nutzen. So wollte die Stadt ihn zur Radlerherberge umbauen und über einen Pächter betreiben. Das scheiterte 2016 an den Kosten. Schließlich interessierte sich ein Investor für das Projekt. In Kombination mit dem benachbarten sogenannten Kindermutterhaus sollte die Radlerherberge ungesetzt werden. Doch auch dieses Vorhaben zerschlug sich wieder. 2021 begann Architekt Arnold Pugliese aus Stuttgart den Turm zu sanieren und vermietet ihn jetzt.

„Ich habe mir vorher viele normale Wohnungen angeschaut, aber nichts hat mich richtig angesprochen“ – bis er auf das Inserat vom Turm gestoßen sei, berichtet Schertle. Dass der Ingelfinger den Säuturm noch von Partys des früheren Jugendtreffs kannte, machte ihn zusätzlich neugierig. Eine Wohnung mit solch speziellen Raumverhältnissen bringt jedoch ihre Tücken mit sich. „Alles, was breiter als ein Meter ist, passt schlicht nicht rein“, erklärt Schertle und lacht. Außerdem seien Möbel, die sich zerlegen lassen, besser als ganze Teile.

Beengte Räume im Niedernhaller Säuturm sind Herausforderung

Aber: „Wer sich eine solche Wohnung aussucht, den schreckt die Herausforderung nicht“, so der 52-Jährige. Die war bei den richtigen Maßen der Möbel längst nicht zu Ende. Denn alles musste ja in die verschiedenen Etagen über die schmalen Treppen nach oben geschleppt werden. Stellt man etwas in einem Stockwerk ab, steht es beim Gang ins darüberliegende Stockwerk eventuell im Weg. Das erfordert nicht nur Muskelkraft und Kondition, sondern gute Planung. Für die Mühen entlohnt wird man, sobald man aus einem der Fenster über die Niedernhaller Altstadt und den Kocher blickt. 

„Ich habe mich natürlich gefragt, ob das Ganze etwas zu verrückt ist. Aber ich habe hier alles, was ich brauche“, sagt Michael Schertle. Und während der Turmbewohner zufrieden lächelt, geht es zurück auf die steinerne Treppe, zurück in die Gegenwart. 

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben