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Fälle in Hohenlohe massiv angestiegen: Droht eine Keuchhusten-Epidemie?

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Im Jahr 2024 gab es im Hohenlohekreis bereits mehr Keuchhusten-Fälle als zwischen 2015 und 2018 zusammen. In sieben Kommunen sind derzeit Ausbrüche an Schulen und Kindergärten bekannt.

von Yvonne Tscherwitschke und Christian Nick
Ein Piks, der vor schwerem Krankheitsverlauf als auch bis zu einem gewissen Grad vor der Ansteckung schützt: Wie beim Coronavirus ist die Impfung auch gegen Keuchhusten dringend ratsam. Denn die Fallzahlen explodieren.
Ein Piks, der vor schwerem Krankheitsverlauf als auch bis zu einem gewissen Grad vor der Ansteckung schützt: Wie beim Coronavirus ist die Impfung auch gegen Keuchhusten dringend ratsam. Denn die Fallzahlen explodieren.  Foto: Archiv/dpa

Die ersten Anzeichen traten laut Landratsamt bereits im Winter vergangenen Jahres auf: "Seit November 2023 verzeichnet das Gesundheitsamt einen Anstieg von gemeldeten Keuchhustenfällen im Hohenlohekreis", heißt es auf Stimme-Anfrage von der Behörde. Nicht nur in Hohenlohe sind die Infektionszahlen nun jedoch massiv in die Höhe geschossen – im ganzen Land gibt es aktuell auffallend viele Fälle der extrem ansteckenden Infektionskrankheit.

An der Pfedelbacher Schule sind unlängst sechs und im dortigen Kindergarten zwei weitere Kinder an Keuchhusten erkrankt. Das Gesundheitsamt hat daraufhin gemäß der Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts ein "zeitlich befristetes Betretungsverbot für nachweislich Erkrankte und Krankheitsverdächtigte" verfügt und Antibiotikum-Therapie für "ungeimpfte enge Kontaktpersonen und Geimpfte mit Kontakt zu gefährdeten Personengruppen" empfohlen.

Keuchhusten breitet sich auch in Hohenlohe aus: Droht eine Epidemie der Kinderkrankheit?

Zwölf Wochen dauere der charakteristische Husten oft an, erklärt Kinderarzt Dr. Robert Wagner von der Kinderarztpraxis Baumann und Wagner in Öhringen. Die Ansteckung erfolgt - wie auch beim Covid-19-Virus – über Tröpfcheninfektion. Therapiert werde mit Antibiotika. Dies sorge zwar nicht für schnelle Heilung, verhindere aber eine Weitergabe der Infektion.

Der Öhringer Kinderarzt sagt: "Vor allem für Säuglinge ist die Krankheit problematisch." Die Kleinkinder müssten oft ins Krankenhaus und auf der Intensivstation beobachtet werden." Allen Erwachsenen, die beruflich oder privat mit ungeimpften Säuglingen zu tun haben, empfehlen wir dringend die Impfung, beziehungsweise eine Auffrisch-Impfung."


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Keine sterile Immunität: Deshalb schützt die Impfung nicht für immer vor Keuchhusten

Die Eltern der Pfedelbacher Schulkinder erhielten per E-Mail Info-Materialien zu der Erkrankung, die zwar besonders für Säuglinge und Kleinkinder gefährlich ist, aber eben auch für ältere oder immungeschwächte Menschen potenziell lebensbedrohlich sein kann. Zwar liegt die Impfquote in Deutschland bei Kindern bei über 90 Prozent. Das Problem ist jedoch: Es gibt keine sogenannte sterile Immunität. Das bedeutet: Ähnlich wie bei der Corona-Schutzimpfung kann trotzdem ein gewisser Prozentsatz der Menschen – gerade, wenn die Immunisierung nach einer gewissen Zeit an Wirksamkeit verliert – erkranken und die Infektion an andere Personen weitergeben.

Ausbrüche an Schulen und Kindergärten in Hohenlohe: So viele Kinder sind erkrankt

Einzelne Fachleute sprechen bereits von einer drohenden Keuchhusten-Epidemie in Deutschland. Die Entwicklung der Fallzahlen im Landkreis ist jedenfalls durchaus besorgniserregend: "Im Jahr 2024 liegen uns bereits 39 gemäß Infektionsschutzgesetz gemeldete Keuchhusten-Fälle bei unter 18-Jährigen vor", teilt das Gesundheitsamt mit. Zum Vergleich: Im ganzen Jahr 2023 waren es lediglich vier der meldepflichtigen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Und: In den Jahren von 2015 bis 2018 gab es dieser Altersgruppe insgesamt nur 38 solcher Fälle im Hohenlohekreis.

Kinderarzt Robert Wagner bestätigt den Trend: "Wir haben gerade einen deutlichen Zuwachs an Fällen". Denn nicht nur in Pfedelbach sind aktuell Kinder an Keuchhusten erkrankt. "Seit Anfang April gibt es gemeldete Fälle in Schulen und Kindergärten in Künzelsau, Bretzfeld, Öhringen, Ingelfingen, Niedernhall und Neuenstein", berichtet Kreissprecher Sascha Sprenger. 


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Wenig Impfschutz bei Erwachsenen: So kann sich Keuchhusten ausbreiten

Schwere Krankheitsverläufe seien an Schulen und Kigas bislang nicht aufgetreten. Aber: "Im Jahr 2024 sind dem Gesundheitsamt drei schwere Verläufe, teilweise mit Lungenentzündung, bei Säuglingen bekannt." In einer Neuensteiner Gemeinschaftseinrichtung gebe es momentan ebenfalls Fälle der durch Bakterien verursachten Pertussis-Erkrankung, die in drei Stadien verläuft. Auch in anderen Sammelunterkünften im Kreis habe sich die Infektion ausgebreitet.

Es gibt vor allem unter Erwachsenen eine recht hohe Zahl ungeimpfter Personen. Während einzelne Experten die aktuelle Welle teils auf Nachholeffekte aufgrund der Corona-Infektionsschutzmaßnahmen zurückführen – durch Lockdowns sei die Ausbildung des Immunsystems bei kleinen Kinder in seiner Prägungsphase bis zu einem gewissen Grad limitiert gewesen – , betonen die Fachleute des hiesigen Gesundheitsamts: "Eine sichere Aussage über die Ursachen der Krankheitshäufigkeit lässt sich aufgrund der uns vorliegenden Informationen zu den Erkrankungen im Hohenlohekreis nicht treffen." Aber: Die "sinkende Impfquote zum Zeitpunkt der Einschulungsuntersuchung" könne dabei eine Rolle spielen.

Wie man sich gegen die Erkrankung schützen kann

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt allen Erwachsenen einmalig eine Impfung gegen Pertussis. Die nächste Auffrisch-Impfung gegen Tetanus und Diphtherie (und gegebenenfalls Kinderlähmung) kann dann als sogenannte Kombinations-Impfung, die auch eine Keuchhusten-Komponente enthält, gegeben werden. Erkrankte sollen sich isolieren - und speziell den Kontakt zu Risikogruppen meiden.

Behandelt wird Pertussis mit Antibiotika. Dies verhindert dann zwar, dass der Erreger weitergegeben wird, ändert aber nichts am Verlauf der Krankheit, sobald die charakteristischen Hustenattacken einmal begonnen haben. Keuchhusten ist schwierig zu erkennen und wird daher oft erst spät therapiert. 

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