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Seit über 30 Jahren im Einsatz: Wieso ein Heilbronner Stadtreiniger nicht aufhören will

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Für seine Arbeit als Stadtreiniger in Heilbronn steht Orhan Demiroski jeden Tag früh auf. Mit seiner Arbeit und mit sich ist der 62-Jährige im Reinen – und denkt noch lange nicht an die Rente.


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Jeden Morgen rückt Orhan Demiroski aus, um die Stadt vom Müll zu säubern. Der 62-Jährige arbeitet seit mehr als 30 Jahren bei der Stadtreinigung in Heilbronn. Gemeinsam mit seinen 45 Kollegen beseitigt er, was andere hinterlassen haben, und leert mehr als hundert Mülleimer am Tag.

An die Rente denken? Das kommt für Orhan Demiroski noch lange nicht in Frage – zu sehr ist er mit sich und seiner Arbeit im Reinen. Wir haben ihn zum Schichtbeginn begleitet.

 

Herr Demiroski, Schichtbeginn war um 6 Uhr, wann klingelt Ihr Wecker? 

Orhan Demiroski: Um 4.30 Uhr, all die Jahre schon. Ich stehe gemütlich auf, trinke Kaffee, mache Gymnastik. Ich bin jetzt 62, in dem Alter ist Bewegung alles. Es ist egal, wie alt du bist, es zählt, wie du dich fühlst.

 

Eine gelassene Einstellung. Woher kommt die?

Demiroski: Das Leben ist kurz. Das ganze Jammern, was bringt das? Man muss mit dem glücklich sein, was man hat. Die Reichen sind nicht glücklich, sie wollen immer noch mehr. Schau nach unten, es gibt immer Menschen, die weniger als du haben. Wir alle haben viel zu viel, es gibt keine Armut in Deutschland. Das sehe ich täglich.

Stadtreiniger Orhan Demiroski und seine Kollegen sorgen mit Laubbläser und Kehrmaschine für saubere Straßen in Heilbronn.
Stadtreiniger Orhan Demiroski und seine Kollegen sorgen mit Laubbläser und Kehrmaschine für saubere Straßen in Heilbronn.  Foto: Berger, Mario

Heilbronns Stadtreiniger Orhan Demiroski (62) denkt noch lange nicht an den Ruhestand

Was meinen Sie damit?

Demiroski: Ich sehe ja, was alles im Mülleimer landet: Brot, Fleisch, halb gegessenes Essen. Vieles wäre noch gut gewesen. Dabei gibt es so viele Menschen, die nichts zu essen haben. In Deutschland jammern wir aber schon, wenn wir nicht drei Mal im Jahr in Urlaub fahren können.

 

Und viele würden Ihren Job nicht machen wollen. Sie erledigen für andere Menschen sozusagen die Drecksarbeit, räumen deren Müll weg. Wie denken Sie darüber?

Demiroski: Du musst jeden Job mit Herz machen. Ich freue mich selber, wenn alles schön sauber ist – ich würde das nicht nur für meinen Chef machen! Und die Menschen sind dankbar, dass wir da sind. Für mich ist das kein Problem. Wenn alles sauber ist, bin ich zufrieden.

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Sie bekommen also auch mal ein Danke zu hören?

Demiroski: Ja, oft. Viele sagen: Wenn ihr nicht wärt, würde die Stadt im Dreck versinken. Manche wollen auch mal provozieren. Aber die Mehrheit der Menschen ist sehr nett.

 

Provozieren?

Demiroski: Es gibt immer noch Leute, die ihre Kippen einfach auf den Boden schmeißen. Oft sogar direkt neben den Mülleimer. Ich sage dann: Mach das doch in den Aschenbecher! Die Strafe kostet 98,50. Hast du so viel Geld?

 

Demiroski beginnt seine Schicht am Heilbronner Marktplatz, wie jeden Morgen. Er steigt aus dem Auto, nimmt einen Laubbläser und befördert den Müll auf dem Boden zur Mitte der Straße. Dort kann die Kehrmaschine den Abfall auffangen. Kippen-Stummel, Eisbecher, Papierbecher, Plastik und Glasflaschen, alles ist dabei. 

 

So viele Kippenstummel! Das scheint ein richtiges Problem zu sein.

Demiroski: Ja. Ich denke, das liegt an der Erziehung. Egal ob Ausländer oder Deutscher: Wer Manieren hat, schmeißt seinen Müll nicht einfach auf den Boden. Dabei gibt es doch an jedem Mülleimer einen Aschenbecher.

 

Ist der Müll mehr oder weniger geworden?

Demiroski: Auf jeden Fall mehr. Wir finden mehr Verpackungen, Hausmüll, Pizzakartons. Manchmal hast du einen Mülleimer gerade erst geleert und eine halbe Stunde später ist er wieder vollgestopft. Aber das ist unsere Arbeit, darüber will ich nicht meckern.


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Sie ärgert das gar nicht?

Demiroski: Nein, ich nehme vieles mit Humor. Was bringt es, wenn ich mich darüber aufrege? Das ist meine Arbeit und dafür bin ich da. Wenn ich mich über jede Kleinigkeit ärgere, macht mich das nur kaputt.

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Finden Sie auch mal schöne oder wertvolle Dinge?

Demiroski: Geldbeutel habe ich schon viele gefunden, aber ohne Geld. Ausweis, Führerschein und andere Papiere waren meistens noch drin. Wenn ich eine Telefonnummer sehe, rufe ich auch mal direkt an. Meistens gebe ich sowas aber ans Fundbüro. Allein letzte Woche habe ich zwei Geldbeutel abgegeben.

Mit seinem elektrischen Laubbläser ist Orhan Demiroski täglich in Heilbronn unterwegs, um liegen gelassenen Müll zu beseitigen und die Abfalleimer zu leeren.
Mit seinem elektrischen Laubbläser ist Orhan Demiroski täglich in Heilbronn unterwegs, um liegen gelassenen Müll zu beseitigen und die Abfalleimer zu leeren.  Foto: Berger, Mario

 

Sie arbeiten tagtäglich alleine, manchmal zu zweit. Viel Zeit, um sich Gedanken über Gott und die Welt zu machen. Worüber grübeln Sie so?

Demiroski: Ich mache mir eigentlich nicht so viele Gedanken. Das Wichtigste für mich ist Frieden. Kein Krieg. Man sieht es auf der ganzen Welt: Noch kein Problem ist durch Gewalt gelöst worden. Frieden ist das, was die Menschen brauchen.

 

Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?

Demiroski: Früher habe ich den Dreck noch mit dem Besen rausgekehrt. Mit dem Laubbläser geht das einfacher. Der läuft nicht mehr mit Benzin. Auch unsere Fahrzeuge sind jetzt elektrisch, also die Nachhaltigkeit ist der Stadt schon wichtig.

 

Was ist mit dem Wetter? Zuletzt war es sehr heiß. Ist Ihnen der Sommer oder der Winter lieber?

Demiroski: Ich finde, es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung. Wir sind immer draußen und können es uns nicht aussuchen, deshalb mache ich mir darüber keine Gedanken. Im Sommer sind mehr Leute unterwegs und es gibt mehr Hausmüll, im Herbst beginnt die Zeit des Laubes, damit hat man natürlich zu tun.

 

An der Bushaltestelle findet Demiroski große Scherben einer kaputten Glasflasche, einen Plastikbecher, in dem noch Limetten und Minze stecken, auf einem Ticketautomaten steht ein Getränkekarton mit Eistee. Er fegt die Scherben und den Müll zusammen und sammelt den Getränkekarton ein. Für eine Bierflasche, die er erst beim Weiterfahren auf einem Automaten entdeckt, will er später zurückkommen.

 

Demiroski: Sehen Sie? Es reicht nicht, wenn man nur auf den Boden guckt, man muss auch nach oben schauen.

 

Den Blick dafür haben Sie wahrscheinlich ebenso in der Freizeit. Können Sie daran vorbei gehen, wenn irgendwo Müll liegt?

Demiroski: Nein, ich hebe Müll immer auf, wenn ich ihn sehe. Natürlich keine ganz kleinen Sachen wie Papierfetzen (lacht). Wenn ich aber zum Beispiel beim Fahrradfahren sehe, dass ein Ast auf der Straße liegt, räume ich ihn weg.

Zur Person: 1989 ist Orhan Demiroski nach Deutschland gekommen. In Nordmazedonien hat er Tourismus und Gastronomie studiert und wollte eigentlich Reiseleiter werden. Stattdessen fing er bei der Heilbronner Stadtreinigung an und ist dort bis heute geblieben. Der 62-Jährige hat vier Kinder und ist nach dem Tod seiner Frau zum zweiten Mal verheiratet. Nach Nordmazedonien fährt er nur noch in den Urlaub. „Meine Heimat ist Deutschland, meine Kinder und meine Freunde sind hier. Da unten sind wir Fremde.“

 

Was machen Sie sonst gerne in Ihrer Freizeit?

Demiroski: Ich fahre gerne Fahrrad, gehe in der Natur spazieren, treffe Freunde, gehe aus.

 

Sie sind jetzt 62 Jahre alt, seit mehr als 30 Jahren arbeiten Sie ununterbrochen als Stadtreiniger. Wie lange wollen Sie diesen Job noch machen?

Demiroski: Ich könnte nächstes Jahr in Rente gehen, aber ich will nicht. Meine Arbeit gefällt mir. Ich bin gerne unter den Leuten, ich mag nicht immer zu Hause sitzen. Ich mache auf jeden Fall noch weiter.

 

Haben Sie einen Traum, den Sie sich erfüllen wollen?

Demiroski: Die Hauptsache für mich ist, dass man gesund ist. Der Gesunde hat tausend Wünsche, der Kranke nur einen. Vielleicht bin ich morgen nicht mehr da. Meine Frau ist mit 49 Jahren gestorben, sie hatte viele Träume. Man sollte lieber nicht so viel träumen, sondern das Leben nehmen, wie es kommt. Lebe im Heute, nicht im Morgen. Denn dann kann es schon vorbei sein.




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