Heilbronn kämpft gegen wilden Müll: Schlachtabfälle und tonnenweise Unrat
In Heilbronn nimmt die illegale Müllentsorgung drastisch zu. Täglich räumt die Aufbaugilde große Abfall-Mengen aus Straßen, Parks und Wäldern – von Möbeln bis zu Schlachtabfällen.
Seit Jahren ärgern sich Anwohner in Heilbronn über wilden Müll rund um Glas- und Altkleider-Container und in der Natur. Die Stadt hat deshalb das Team der Garten- und Landschaftspflege der Aufbaugilde beauftragt, hier regelmäßig sauberzumachen. Das ist dringend nötig, die Menge an Abfall nimmt stark zu. Sammelten die Männer 2022 noch 180 Tonnen Müll im Jahr, sind es im vergangenen Jahr 280 Tonnen gewesen. Das ist eine Steigerung um 55 Prozent.
Illegale Müllentsorgung in Heilbronn: Vom Sofa bis zur Klobrille
Tja, das ist viel!“ Rudolf Brandsch ist kein Mann der großen Worte. Er streift lieber die Arbeitshandschuhe über. Keine Maske, auch wenn es stinkt, „sonst kann ich nicht atmen“. Sein Fachgebiet ist die wilde Müllablagerung in Heilbronn. Sei es im Wald, in der Stadt, in der Rauch- oder Wolfgangstraße. Selbst aus dem Deutschhof in der Innenstadt musste er schon ein entsorgtes Sofa abtransportieren.

Oder er hat einen Einsatz in der Werderstraße, wo ein Anblick wie heute keine Seltenheit ist. Matratzen, Klobrille, Wäschespinne, Kratzbaum für Katzen, Drucker, Reste vom Parkettboden, ein Spiegel. Die aufgeweichten Ikea-Kartons zeigen, dass hier alles schon Wochen vor sich hin rottet. „Einer legt was hin, der nächste packt einen Sack dazu“, weiß Brandschs Chef Oliver Krill, der die Garten- und Landschaftspflege der Heilbronner Aufbaugilde leitet. Wichtig sei, dass sich Bürger, die so etwas beobachteten, bei der Stadt melden. Sie erteilt den Auftrag für den Einsatz seiner Männer.
Müllmenge in Heilbronn in den vergangenen Jahren massiv gestiegen
Dass die Menge an wilden Ablagerungen einschließlich der Containerstandorte in den letzten Jahren deutlich mehr geworden ist, bestätigt Markus Hohmann, Abteilungsleiter bei der kommunalen Abfallentsorgung in Heilbronn. Hier laufen die Beschwerden ein, die Fotos, die an die Aufbaugilde weitergeleitet werden, und, falls sich der Unrat in Wald und Flur befindet, auch die GPS-Daten.
Brandsch bricht ein Schränkchen auseinander und verstaut die Bretter auf der Ladefläche des Transporters. Der Schweiß rinnt ihm unablässig die Schläfen entlang, tropft am Bart herunter. Heute brennt die Sonne bei 30 Grad vom Himmel. Aber selbst im Winter arbeitet der ausgebildete Mechatroniker im T-Shirt wie heute, so anstrengend ist der Job.
Stück für Stück baut der 38-Jährige den Müllberg ab. Jedes Teil muss er einzeln in die Hand nehmen und sortieren, die Fuhre zur Deponie Vogelsang bringen, wo das gleiche Spiel von vorn beginnt, nur in umgekehrter Richtung. Ein Heidengeschäft. Und eine Sisyphusarbeit. „Es gibt Tage, da habe ich 3,6 Tonnen Abfall in der Hand gehabt.“
Auch Hammelköpfe werden in Heilbronn manchmal einfach irgendwo entsorgt
Die schlimmsten Einsätze, das sind die Essens- oder sogar Schlachtreste im Sommer. Knochen und Fleisch, abgeladen in der Böckinger Straße. „Da hatte ich plötzlich eine große Lunge im Arm“, erinnert sich der Mann, der zudem eine Ausbildung zum Garten- und Landschaftsbauer hat. Auch Hammelköpfe sollen schon darunter gewesen sein.
Oder die Stelle nahe der Deponie, wo „die Leute den Müll den Hang runterwerfen“ und die Aufbaugilde-Leute hinunterklettern, alles aufsammeln und wieder hochbringen müssen. Kopfschüttelnd hebt Brandsch ein Stück Karton hoch: die Adresse ist abgerissen. „An das denken die Leute dann doch noch.“ Neulich, als er Matratzen im Wertwiesenpark entsorgen sollte, schliefen noch zwei Personen darauf. Er hatte auch schon den Auftrag, Zelte zu entsorgen. Ob sie noch bewohnt waren, ist unklar.
Wilder Müll in Heilbronn: Aufgerissene Säcke und verteilter Unrat sorgen für Frust
Parallel zu Brandsch arbeiten die Kollegen zahlreiche Containerplätze im Stadtgebiet ab, auch sie Hotspots für Unrat aller Art. Insgesamt macht das 65 Stationen am Tag, meist sind sie stark verschmutzt. „Das hat sich verschärft, besonders am Montag oder nach Brückentagen“, so Peter Schmalzhaf, stellvertretender Betriebsleiter der Garten- und Landschaftspflege.
Die Aufbaugilde fährt jeden Tag immer die selben 40 Container-Standorte in der Stadt an, die meist stark verschmutzt sind. Insgesamt gibt es 120 Container-Plätze. Die Entfernung des dort wild abgestellten Unrats kostet die Stadt im Jahr rund 150.000 Euro. Kippen oder Kaugummi wegzuwerfen hat ein Bußgeld von 70 Euro zur Folge, urinieren im öffentlichen Raum und den Kot seines Hundes nicht mitzunehmen, 140 Euro. Wer dabei erwischt wird, dass er illegal Müll entsorgt, zahlt deutlich mehr, so Markus Hohmann, Abteilungsleiter Abfallentsorgung bei der Stadt. Wenn Bürger Verschmutzungen bemerken, sollten sie sie unter heilbronn.mängelmelder.de melden, möglichst mit Foto.
Im Laufe der Woche kommt das Team auf 114 unterschiedliche Standorte. Vorn dabei: Die Viehweide in Böckingen. Jeden Tag wird sie angefahren. Alte Betten, Waschmaschinen, Reifen oder Fernseher sind hier zu finden. Auch heute sondieren gerade zwei Männer die Lage, entfernen sich aber, als die Profis in Gelb kommen. Besonders mühsam wird es für sie, wenn die Leute auf der Suche nach Brauchbarem abgestellte Säcke aufreißen und den Inhalt auf dem Asphalt verteilen.
Saubere Container-Standorte in Heilbronn – Mitarbeiter hofft, keine toten Tiere zu finden
„Das ist auch deprimierend für unsere Jungs, wenn sie jeden Tag alles sauber machen, und am nächsten sieht es schon wieder so aus“, sagt Krill. Metall, Elektrik, Kunststoff sortieren Salvatore Mirra und Jens Schmitt auf ihre Ladefläche, über die sie ein grünes Netz zur Befestigung spannen. Oliver Krill zieht einen Eierbecher aus einem Karton, sechs unversehrte Teller. „Das Service habe ich auch daheim“, sagt er kopfschüttelnd.
Salvatore Mirra fegt den aufgeräumten Containerbereich, danach wird mit dem Laubbläser gepustet. „Ich hoffe immer, dass ich keine toten Tiere finde, keine Ratte oder so“, sagt Mirra. „Sonst muss ich noch schreien.“ Im Handschuhfach deponiert er Parfüm und Sagrotan, um den Mief zu übertünchen, der sich schon im Auto ausbreitet hat. Kein Wunder. Weil es eng wird, lagert ein Teil davon schon auf der Rückbank.
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