Garten als Gotteshaus: Christen treffen sich in Heilbronn ohne Kirche
Im Heilbronner Köpfertal trifft sich die methodistische Gemeinde "Heilbronn mittendrin" im Grünen. Da die Pauluskirche bereits 2014 verkauft wurde, blieb den Christen nur der große Garten. Dort werden auch Gottesdienste gefeiert. Umweltschutz liegen den Methodisten am Herzen.

Der Garten Eden liegt ja am Oberlauf der vier Flüsse Euphrat und Tigris, Pischon und Gihon. Vielleicht findet man ihn aber auch ganz in der Nähe des Heilbronner Pfühlbachs, im Köpfertal. Dort gestaltet die Gemeinde "Heilbronn mittendrin" der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) seit September 2021 einen rund 40 Ar großen Garten vollständig neu. "Das Grundstück gehört der Kirche bereits seit vielen Jahren", sagt Mittendrin-Sprecher Peter Graupner. Nach einem Generationenwechsel in der Gemeinde wird das Grundstück jetzt naturnah bewirtschaftet. Dabei ist der Garten viel mehr als nur ein Rückzugsort: "Er ist unsere Kirche", erklärt Peter Graupner und lässt den Blick über die große Rasenfläche schweifen. "Wir sind eine Gemeinde ohne Kirchengebäude."
Verkauf der Pauluskirche
Ein solches Gebäude gab es bis 2014 genau 150 Jahre lang mit der Pauluskirche in der Karlstraße 33. Vor neun Jahren verkaufte die Evangelisch-methodistische Kirche allerdings ihr Gemeindezentrum - hohe Energiekosten sowie schwindende Mitgliederzahlen waren unter anderem Gründe dafür. Heute gibt es den "Kirchenbezirk Heilbronn" mit den drei methodistischen Gemeinden Frankenbach, Leingarten und Heilbronn mittendrin.
Treffen unter freiem Himmel

Egal zu welcher Jahreszeit, ob es regnet, die Sonne vom Himmel brennt oder Wind über das Gelände fegt: Die 30 Mitglieder zählende Gemeinde "Heilbronn mittendrin" trifft sich unter freiem Himmel. "Einmal im Monat stehen sonntags die Tore unseres Kirchengartens noch weiter offen als sonst", sagt Peter Graupner. "Jeder ist eingeladen, Zeit in Gemeinschaft zu verbringen, sich über Gott und die Welt auszutauschen, sportlich zu betätigen oder aber ein Nickerchen unter den Bäumen zu machen."
Unter dem Motto "Open Garden" beginnt der Pastor der jungen Gemeindegründung, Volker Markowis, ab 11 Uhr mit einem Gottesdienst, dem sogenannten "Open Spirit". In der Versammlung gehe es dann um Inspiration für mehr Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Abgerundet wird der "Open Garden" durch ein Angebot nachhaltiger Speisen und Getränke. "Es gab mal einen Eintopf aus Lebensmitteln, die sonst in der Mülltonne gelandet wären", erzählt Peter Graupners Frau Birgit vom "geretteten Eintopf".
Früchte des Gartens
Auch Apfelsaft habe man bereits selbst hergestellt. Im Spätsommer gab es zudem eine reiche Ernte an Zwetschgen, Quitten und mehr. "Alles sehr lecker und vor allem unbehandelt", so Birgit Graupner. Die Wasserversorgung ist durch einen Brunnen auf dem Grundstück geregelt. Für die menschlichen Bedürfnisse steht ein Plumpsklo zur Verfügung - einfach, aber ausreichend. Die Gemeindemitglieder freuen sich, dass immer häufiger Spaziergänger und Anwohner des Wohngebiets Badener Hof stehenbleiben und neugierig über den Zaun schauen.
Permakultur als Zukunftsmodell
Davon kann auch Barbara Katein-Bernhardt berichten. Sie kümmert sich in der Gemeinde besonders intensiv um die Beete. "Unser Garten hier im Köpfertal ist eine Oase", so die Heilbronnerin, die in der Südstadt lebt. Sorgsam mit Boden, Klima und Ressourcen umzugehen, sind Ziele der Permakultur. Den eigenen Kompost als Dünger und zur Bodenverbesserung zu verwenden, ein Beispiel. Oder die Wolle von Schafen kommt als Abdeckung auf den Kompost, um die Feuchtigkeit im Haufen zu halten. Für die Gemeinde "Heilbronn mittendrin" ist die Permakultur nicht nur eine Form des Gärtnerns, sondern ein behutsamer Umgang mit der Natur.
Es mache zudem Spaß, in der Gemeinschaft aktiv zu sein. "Der Umwelt- und Klimaschutz ist doch ein zutiefst christliches Thema", stellt Peter Graupner fest. "Es gibt mehrere Stellen in der Bibel, wo es darum geht, die Schöpfung zu bewahren." So hat sich "Heilbronn mittendrin" auch schon an Aktionen von "Fridays for Future" sowie dem jährlichen Nachhaltigkeitstag auf dem Heilbronner Kiliansplatz beteiligt. "Ich frage mich, wo die anderen Kirchen da sind", so Graupner.
Dem Netzwerk Micha angeschlossen
Ebenfalls aus einer christlichen Überzeugung heraus, hat sich "Heilbronn mittendrin" in den zurückliegenden Corona-Monaten auch mit den 17 Zielen für eine nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen beschäftigt, den sogenannten Sustainable Development Goals (SDG). "Wir haben uns dem überkonfessionellen Netzwerk Micha Deutschland angeschlossen", erklärt Peter Graupner. "Als Micah Global setzt es sich gegen extreme Armut und globale Gerechtigkeit ein."
Am 1. Juli soll im Köpfertal das Regionaltreffen Süd mit Micha-Lokalgruppen aus Baden-Württemberg und Bayern stattfinden - unter freiem Himmel im Kirchengarten von "Heilbronn mittendrin".
Wer sind die Methodisten?
Geschichtlich kommen die Methodisten aus Großbritannien, ihre Entstehung geht auf den anglikanischen Geistlichen John Wesley in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zurück. In Deutschland gehören heute rund 53.000 Menschen zur Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK), die sich auf rund 500 Gemeinden verteilen. Weltweit sind es 80 Millionen Menschen. Die EmK ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen, in der Vereinigung evangelischer Freikirchen und in der Evangelischen Allianz. Mit den evangelischen Landeskirchen bestehen Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft.




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