Seilbahn-Pläne in Heilbronn: Das macht Paris mit C1 erfolgreich vor
Die Seilbahn C1 bei Paris, Vorbild für Heilbronn, hat den Betrieb aufgenommen. Die Begeisterung ist groß. Dabei gab es viel Skepsis. Wie die Verantwortlichen sich den Meinungswandel erklären. Ein Besuch vor Ort.
„Allez-y. Einsteigen bitte, es hat noch genug Plätze“: Die Mitarbeiterin der Nahverkehrsbetriebe an der Station Créteil Point du Lac hat ihre liebe Not, die Kabinen bei erheblichem Andrang platzsparend zu füllen. Zehn Plätze hat jede Gondel, das indische Touristenpärchen am Einstieg möchte aber sam liebsten alleine fahren. So ist es bei vielen an diesem Freitag, einem der ersten Betriebstage für C1, Frankreichs längste urbane Seilbahn im Südosten der französischen Hauptstadt. Startschuss war am 13. Dezember.
Seilbahn in Paris: Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Heilbronner Projekt
Viele Schaulustige haben den Weg aus dem Stadtzentrum auf sich genommen, um C1 in Betrieb zu sehen. Dabei ist die Seilbahn, die erste dieser Art in der französischen Hauptstadtregion, keine Touristenattraktion. „Das ist nicht der Funiculaire Montmartre“, betont Alexandre Bergalasse, Sprecher des Nahverkehrsunternehmens Ile de France Mobilités, in Anspielung auf den Aufzug, der seit 1900 Menschenmassen im Pariser Zentrum zur Kirche Sacré-Coeur gondelt.

Die Seilbahn C1 ist Teil des Nahverkehrssystems der Metropolregion mit ihren rund 12 Millionen Einwohnern. Die Fahrt kostet knapp zwei Euro, soviel wie ein Bus im Pariser Zentrum. C1 schafft für die Bewohner der bisher weitgehend abgehängten Vororte Villeneuve-Saint-Georges, Limeil-Brévannes und Valenton im Département du Val-de-Marne Anschluss an die Endhaltestelle der Métrolinie 8 und damit die direkte Verbindung ins Stadtzentrum. Es gibt einige Gemeinsamkeiten mit der Seilbahn, die in Heilbronn den KI-Innovationspark Ipai mit dem Stadtzentrum verbinden soll – aber auch Unterschiede.
C1 gilt mit 4,5 Kilometern als längste urbane Seilbahn Europas, in Heilbronn sollen es sogar 200 Meter mehr werden. Die Zahl der Haltestellen, wesentlicher Kostentreiber bei diesem Transportmittel, ist mit fünf identisch. Hier wie dort ist mit Zehn-Personen-Gondeln geplant. Da ist es nicht überraschend, dass C1 in Heilbronn besonders aufmerksam verfolgt wird. Im März will eine Delegation vom Neckar an die Seine reisen, um sich vor Ort einen Eindruck zu verschaffen.
Was rund um das Projekt im Pariser Vorstadtgürtel auffällt: C1 macht überwiegend positive Schlagzeilen, die Bevölkerung verfolgt das Projekt mit Wohlwollen. „Erste Seilbahn der Hauptstadtregion – warum Sie sie lieben werden“ titelt die Boulevardzeitung „Le Parisien“, die nicht für kritiklosen Überschwang bekannt ist. Die seriöse „Le Monde“ widmet C1 eine Doppelseite und spricht von „unschätzbaren Vorteilen“ für die Einwohner, die bis zu eineinhalb Stunden Fahrzeit pro Tag einsparten.

Arnaud Crolais, Infrastrukturdirektor bei Ile de France Mobilités, freut sich über die gute Presse. „Das war nicht immer so“, sagt er im Gespräch mit der Stimme und blickt auf mehr als ein Jahrzehnt Planungszeit zurück. „Das Transportmittel war wenig bekannt in Europa, Anwohner und Unternehmen hatten vor allem Sorgen vor Lärm und visuellen Belästigungen.“
Sorgen wegen Lärm: So haben die Seilbahn-Planer reagiert
Hier hören die Gemeinsamkeiten auf: Während in Heilbronn entlang der Projektstrecke über Bildungscampus, Wohlgelegen und Neckargartacher Neckarufer überwiegend Gewerbeareale liegen, geht es bei C1 direkt über Wohnhäuser. „In Créteil gab es Befürchtungen, dass man in die Wohnungen schauen kann“, erzählt Crolais.
Deshalb hat man die Gondeln höher gehängt, bis zu 40 Meter über dem Boden, was den futuristischen Eindruck verstärkt. Es war ein Kompromiss, die große Höhe ist nicht die wirtschaftlichste Lösung. Nach den Haltestellen geht es steil nach oben, nachher wieder bergab. Alle Stationen sind am Boden. Auch das wird in Heilbronn vermutlich anders. Hier zeigen Visualisierungen, wie Gondeln weit oben in Gebäude des Bildungscampus West fahren.

Die 30 Pylone, die das Seil tragen, sollten sich möglichst unauffällig einfügen. Sogar die Leitern für Wartungsarbeiten hat man weggelassen und auf alternative Lösungen gesetzt. Die Nahverkehrsbetriebe haben Sichtblenden für Unternehmen mitfinanziert, die Sorge hatten, vorbeigondelnde Passagiere könnten auf den Bildschirmen der Mitarbeiter mitlesen. Und sie haben, wie Infrastrukturdirektor Crolais betont, in ein besonders geräuscharmes System investiert.
Tatsächlich ist kaum etwas zu hören, wenn die Kabinen im 30-Sekunden-Takt heranschweben. Für die einfache Strecke brauchen sie 18 Minuten, kalkuliert wird mit 11.000 Passagieren am Tag. Zur Eröffnung waren es 22.000 an einem halben Tag. Ist die Nachfrage schwächer, kann das Tempo gedrosselt werden.
Skepsis in Heilbronn: Was sind die Alternativen zur Seilbahn?
Muss das sein, geht das nicht anders? Das ist die vorherrschende Stimmung in Heilbronn, zumindest in den sozialen Medien. Die Diskussion nach Alternativen gab es auch in Frankreich. Der Neubau einer Métro kostet pro Kilometer 250 Millionen Euro, heißt es in Paris von offizieller Seite – deutlich mehr als die 138 Millionen Euro, die für C1 kommuniziert werden.
Busse wiederum sind in der von großen Infrastrukturkomplexen durchzogenen Landschaft im Südosten von Paris unpraktisch. Hier verläuft eine TGV-Linie, ein riesiger Rangierbahnhof liegt hier, große Straßenachsen durchschneiden das Gebiet, während die Wohngebiete überwiegend durch kleine Sträßchen erschlossen sind. Für Busse, die zügig fahren, wären einige Brücken nötig gewesen.
Als die Untersuchungen im Großraum Paris losgingen, hat man ein Dutzend mögliche Linien untersucht. Es müssten schon eine Reihe Voraussetzungen erfüllt sein, sagt Arnaud Crolais von Ile de France Mobilités. „Es ist nicht immer die Antwort auf jedes Transportproblem, hier aber schon.“

Keine öffentliche Kostenschätzung für Heilbronner Seilbahn
In Heilbronn gibt es keine öffentliche Kostenschätzung für die Seilbahn. Stadt und Land haben eine Absichtserklärung geschlossen, Stuttgart steuert vier Millionen Euro Planungskosten bei. Der Deutsche Seilbahnverband blickt gespannt nach Heilbronn und hofft, dass hier die Initialzündung für vergleichbare Projekte gelingt. Während Frankreich etwa in Toulouse oder Ajaccio auf Korsika Erfahrungen gesammelt hat, gibt es in Deutschland keine urbane Seilbahn – nur regelmäßige Interessenbekundungen, zuletzt aus Stuttgart, wo überlegt wird, das Robert-Bosch-Krankenhaus im Norden der Landeshauptstadt mit Gondeln anzubinden.
In nächster Zeit werden wohl einige offizielle Delegationen den Weg in den Pariser Südosten finden. An der Zielhaltestelle Villa Nova im von gesichtslosen Hochhausbauten geprägten Villeneuve-Saint-Georges ist nur noch wenig los. Das Touristenpärchen aus Indien hat ausgeharrt und bekommt nun problemlos eine Privatgondel für die Rückfahrt – Blick auf den Eiffelturm in weiter Ferne inklusive.
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Kommentare
Carsten Ugi am 29.12.2025 12:24 Uhr
während andere europäische Städte mutig neue Wege gehen, diskutieren wir in Deutschland immer noch darüber, ob Innovation überhaupt erlaubt ist. Paris hat längst vorgemacht, wie urbane Seilbahnen den Nahverkehr entlasten, leise, platzsparend und klimafreundlich. Heilbronn greift diese Idee auf – klug, durchdacht und mit Rücksicht auf Anwohner, indem die Trasse ausschließlich über Gewerbeflächen geplant ist.
Und trotzdem regt sich Widerstand. Wogegen eigentlich?
Gegen ein Verkehrsmittel, das keine Straßen verstopft, keinen Boden versiegelt, keine Abgase produziert und täglich tausende Autofahrten ersetzen kann? Gegen eine Technologie, die weltweit längst funktioniert, zuverlässig ist und zu den effizientesten urbanen Verkehrslösungen zählt?
Wer heute reflexartig gegen eine Seilbahn argumentiert, verhindert nicht nur ein einzelnes Projekt – er blockiert aktiv eine klimaschonende, intelligente Zukunft. Gerade in einer Stadt, die sich als KI- und Innovationsstandort Europas positionieren will, ist Fortschritt kein Risiko, sondern eine Verpflichtung.
Es ist bezeichnend für unser Land, dass wir lieber jede neue Idee zerreden, statt sie umzusetzen. Währenddessen fahren andere Städte an uns vorbei – leise, schwebend und emissionsfrei.
Heilbronn hat hier die Chance, ein starkes Zeichen zu setzen: für Mut, für Technologieoffenheit und für eine Verkehrswende, die diesen Namen verdient.
Nicht jede Veränderung ist bequem – aber Stillstand war noch nie zukunftsfähig.
Mit freundlichen Grüßen
Carsten Ugi
Weisweil im Breisgau
am 30.12.2025 00:04 Uhr
Sehr geehrter Herr Ugi, da haben Sie sicherlich Recht. Aber Heilbronn ist nicht Paris. Auch nicht einmal in Ihren schönsten Träumen werden 11 000 Fahrgäste täglich in 105 Gondeln vom Bahnhof ins den neuen Nabel der künstlichen Intelligenz fliegen. Bis das letzte Gebäude dort gebaut ist wäre das Verkehrsmittel der Wahl das Beamen.
Jürgen Mosthaf
am 29.12.2025 07:31 Uhr
Heilbronn mit Paris zu vergleichen ist gelinde ausgedrückt etwas blauäugig. Hier nochmals die Fakten die im Jubel etwas untergehen.
- C1 hat 105 Gondeln.
- die Zeiten zwischen den Gondeln liegen unter 30 Sekunden
- Am Eröffnungstag fuhren 22 000 Personen damit
- die erwartete durchschnittliche Passagierzahl liegt bei 11 000
- es gibt 5 vollausgebaute Stationen mit Infrastruktur / Busanbindungen und Parkplätzen
- an der Strecke erreicht man 20 O00 Menschen
- Paris hat 12 Millionen Einwohner
- Es kommen jährlich 15 Millionen Besucher in die Stadt / 50 Millionen in die Ille de France
- Paris kollabiert nahezu unter dem Verkehrsaufkommen
In Heilbronn ist dies ist ein Prestigeprojekt einiger Bürger die in einer anderen Liga spielen als die Mehrheit der 120 000 Einwohner dieser Stadt. Selbstverständlich wieder einmal mit Unterstützung der örtlichen Presse.
Es soll Eliteschüler zum Campus bringen, gutbetuchte Einwohner in ein Vorzeigequartier und einige hochbezahlte KI Spezialisten an ihren Arbeitsplatz. All die anderen kleinen Bürger, und das wird die große Mehrheit sein kann schauen wie sie günstig von A nach B kommt.
Hier wird Steuergeld sinnlos verbrannt, das an Schulen, an der Sanierung und Instandhaltung öffentlicher Gebäude und Infrastruktur sowie den vielen weiteren Pflichtaufgaben und teilweise äußerst sinnvollen Freiwilligkeitsleistungen einer Kommune fehlen wird.
Diese Gondel wird ein Millionengrab schon im Vorfeld der Planungen, beim Bau und erst recht beim Unterhalt. Mit aller Wahrscheinlichkeit wird die im Sinkflug befindliche wirtschaftliche Situation und der Unwille zu grundlegenden Reformen in der öffentlichen Hand in Heilbronn diesem Projekt ein vorzeitiges Ende bereiten.
Jürgen Mosthaf