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Überlastete Praxen und verzweifelte Eltern
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Kinderarzt aus Heilbronn warnt: "Versorgung nicht mehr gewährleistet"

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Kinderärzte mit Kassenzulassung können die Masse an Patienten längst nicht mehr bewältigen und Austritte abfangen. Eltern verzweifeln, weil sie bei keinem Arzt mehr unterkommen. 


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Aus für den ärztlichen Bereitschaftsdienst in Brackenheim, Versorgungsengpässe bei Haus- und Fachärzten, Chaos in den Notaufnahmen der Kliniken: Die Patientenversorgung gerät immer mehr unter Druck. 

Einer der wenigen Kinderärzte in der Region hat seine Kassenzulassung zurückgegeben. Weshalb die Kinderarztpraxis nun privat praktiziert, ist unklar. Nachfragen unserer Zeitung blieben unbeantwortet. Einer, der so den Hausarzt seiner Kinder verloren hat, ist der Familienvater Klaus E. „Wegen eines Sprachfehlers und ADHS sind meine beiden gesetzlich versicherten Jungen auf Überweisungen für Therapien angewiesen. Wer stellt mir diese jetzt aus?“, will E. wissen. Er habe alle Kinderärzte durchtelefoniert. „Es heißt immer: Wir sind voll.“

Kindervorsorgeuntersuchungen würden auf der Strecke bleiben, einen Termin zur Erziehungsberatung beim Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) könne man nicht wahrnehmen, weil die Überweisung fehle. Er habe mit verschiedenen Stellen über die Problematik gesprochen: „Man meinte, das Problem der Unterversorgung mit Kinderärzten wäre bekannt.“ Dann habe man ihn weiterverwiesen: Gesundheitsamt, Krankenkasse, Kassenärztliche Versorgung – ohne Erfolg. „Für diese Problematik gibt es in unserem System anscheinend keine zuständige Stelle.“

Kinderärzte wollen für ihre Arbeit wertgeschätzt werden

Dr. Till Reckert, Kinderarzt aus Reutlingen und Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Baden-Württemberg, erklärt, dass es für das Zurückgeben der Kassenzulassung verschiedene Gründe gebe: "Am häufigsten hört man, dass die zumeist älteren, sehr erfahrenen Kollegen ruhiger und ungestörter durch die vielen Regelungen, die das Vertragsarztwesen so mit sich bringt, arbeiten wollen. Vielleicht haben sie das Gefühl, nicht mehr ihren medizinischen Ansprüchen gerecht werden zu können oder noch sinnvoll arbeiten zu können. Sie wollen für ihre Arbeit wertgeschätzt werden, was bei Patienten mit Flatratementalität und dazu nicht passenden Honoraren im Vertragsarztwesen nicht immer gegeben ist."

Nachfolger für Kassenarztsitze zu finden sei schon lange schwierig: "Dies hat die Politik schon lange verschlafen, und auch so manche Verlautbarung der Kassen klingt nicht so, als ob sie noch in die Zeit passt."

Privatärzte leiden nicht mehr an Überfüllung ihrer Praxen – zum Nachteil anderer

Dass man mit einer Privatpraxis in der Pädiatrie reich werde, sei hingegen ein Irrglaube: "Die überfällige Reform der Gebührenordnung für Ärzte, die in einer Privatarztpraxis angewendet werden muss, wird nachhaltig politisch blockiert. Es ist ein Skandal ganz eigener Art, dass selbstständig privat arbeitende Ärzte seit 28 Jahren ohne jeden Inflationsausgleich arbeiten müssen. Das gibt es vermutlich in keinem anderen Beruf in Deutschland."

Wohin mit dem kranken Kind, wenn man keinen Kinderarzt hat? Foto: Viacheslav Yakobchuk/stock.adobe.com
Wohin mit dem kranken Kind, wenn man keinen Kinderarzt hat? Foto: Viacheslav Yakobchuk/stock.adobe.com  Foto: Viacheslav Yakobchuk

Dennoch: Stelle eine Praxis auf Privatpatienten um, entstünden vor allem dem Patienten Nachteile: "Er muss nicht nur die Arztrechnung bezahlen, sondern auch die Dinge, die der Privatarzt verschreibt – Medikamente, Heilmittel und so weiter. Von seiner Privatversicherung muss er sie dann zurückerstattet bekommen, was nicht immer reibungslos ist." Aus diesem Grund könne sich ein Privatarzt nur vollumgänglich um Patienten kümmern, die auch dazu in der Lage seien, ihre Rechnungen selber zu bezahlen und sich um deren Erstattung zu kümmern. "Das ist in diesem Land eine Minderheit. Deshalb leidet ein Privatarzt nicht mehr an einer Überfüllung seiner Praxis, was zunehmend als Belastung erlebt wird. Dies ist auch ein großer Nachteil für die umgebenden Praxen, die einiges zusätzlich auffangen müssen."

Kinderarzt aus Heilbronn: Lage schon seit Jahren sehr angespannt

"Im Moment ist die Versorgung für Kinder und Jugendliche nicht mehr gewährleistet", erklärt der Kinder- und Jugendmediziner Dr. Hans Ulrich Stechele aus Heilbronn. Die Lage sei schon seit Jahren sehr angespannt. Als sich Stechele 2006 niedergelassen hat, habe es noch neun Kinderarztpraxen gegeben, übrig geblieben sind vier.

Dass viele Eltern ohne medizinische Versorgung für ihre Kinder unterwegs seien, halte er für gefährlich. "Das Risiko ist groß, dass ein Kind durchrutscht – beispielsweise mit einer akuten oder einer verschleppten Erkrankung.  Oder ein Kinderschutzfall bleibt unentdeckt, weil kein Arzt dieses Mädchen oder diesen Jungen zu Gesicht bekommen hat."

Wer von den vielen Fällen notfallmäßig in Stecheles Praxis kommen dürfe, ohne zum Patientenstamm zu gehören, diese Entscheidung laste derzeit auf den Mitarbeitern des Empfangs. "Sie müssen meist schnell am Telefon entscheiden: Wer ist am kränksten und darf kommen?" Das sei eine untragbare Situation für die Praxis. Stechele: "Wenn hier was schief geht, haben wir den Schwarzen Peter und es heißt es: Warum habt ihr das Kind nicht behandelt?" 

Vielfältige Ursachen für den Kinderärztemangel

Die Ursachen für den Kinderärztemangel sind aus Sicht von Stechele vielfältig. "Zum einen gibt es zu wenig Ärztinnen und Ärzte, die in der niedergelassenen Versorgung arbeiten, weil in den letzten 20 Jahren zu wenig ausgebildet wurden." Die Zahl der Studienplätze sei seit den Neunziger Jahren nicht entsprechend angehoben worden. "Man hat nicht auf den Wandel reagiert: Es ist eine andere Lebensarbeitszeitgestaltung als es noch früher war, wir haben viel mehr Teilzeitkräfte. Deshalb brauchen wir grundsätzlich mehr Ärzte." 

Auch die SLK-Kinderklinik habe zu wenig Stellen, um genügend Nachfolger für die Niederlassungen auszubilden, weiß Stechele. "Die Rahmenbedingungen werden zudem immer schwieriger. Das Verhältnis von Aufwand, Verantwortung und Bezahlung ist nicht mehr attraktiv." Man müsse in möglichst kurzer Zeit so viele Kinder wie möglich anschauen. "Das will nicht jeder praktizieren. Zumal unser Aufgabengebiet inzwischen viel mehr umfasst als Krankheiten. Wir müssen Eltern auch zu Themen wie Ernährung oder Mediennutzung beraten."

Kinderarzt wünscht sich mehr Unterstützung

Stellschrauben, an denen es laut Stechele zu drehen gelte, seien: "Die Stützung der Kinderklinik und die Erhöhung des Stellenschlüssels, damit wir mehr Ärzte lokal ausbilden und auch behalten können. Das kostet Geld für die SLK-Kliniken, wäre aber eine wichtige Weichenstellung."

Stechele würde sich zudem mehr Unterstützung vonseiten der Stadt wünschen. "Für diejenigen, die keine medizinische Versorgung haben, sollte es im ersten Schritt beim Gesundheitsamt eine Anlaufstelle zur Sichtung geben. Ich würde mir wünschen, dass die Stadt mit ins Boot einsteigt."

Krankes Kind: Was tun bei Dringlichkeit?

Nehmen Praxen keine Neupatienten mehr auf, ist die Kassenärztliche Vereinigung direkter Ansprechpartner, erklärt die Pressestelle der Kaufmännischen Krankenkasse KKH. "Dies gilt auch bei der dringenden Behandlungsbedürftigkeit eines Kindes. Dann besteht die Möglichkeit, dass die Versicherten per Dringlichkeitsüberweisung durch Hausärztin oder Hausarzt bei den Kassenärztlichen Vereinigungen über die Rufnummer 116117 zeitnah einen Facharzt-Termin vereinbaren können." Dabei könne jedoch auf Anfahrtsweg und zeitliche Einschränkungen oft kaum Rücksicht genommen werden.

"Es gibt im Einzelfall auch die Möglichkeit, dass ein Allgemeinmediziner die gesundheitlichen Probleme eines Jugendlichen oder Kindes abklärt und bei Bedarf an eine Facharztpraxis überweist", so die KKH. 




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