Rund um den Mordprozess zu den Geschehnissen am 11. September 2025 auf dem Niedernhaller Edeka-Parkplatz sind insgesamt elf Prozesstage angesetzt. Die Eltern des getöteten Zwölfjährigen treten als Nebenkläger auf. 48 Zeugen und drei Sachverständige sind geladen, um die Hintergründe der Tat zu beleuchten. Das Urteil am Heilbronner Landgericht soll am Montag, 18. Mai, fallen. Sollte der 18-jährige Tatverdächtige wegen Mordes verurteilt werden, drohen ihm im Falle einer Jugendstrafe bis zu zehn Jahre Haft. Nach Erwachsenenstrafrecht wird Mord mit lebenslanger Haft geahndet.
Zeuge im Mordprozess Niedernhall: Anblick des toten Kindes war schwer zu ertragen
Am dritten Prozesstag am Heilbronner Landgericht sagen mehrere Feuerwehrleute aus, die am 11. September im Einsatz waren. Auf dem Niedernhaller Edeka-Parkplatz soll ein 18-Jähriger ein Kind aus Rache überfahren haben.

Zunächst sollen es verbale Aggressionen gewesen sein. Doch dann hat sich alles zu tödlichem Ernst entwickelt. Am dritten Tag des Niedernhaller Mordprozesses am Heilbronner Landgericht schildert eine Familie, die am 11. September 2025 im Edeka-Markt der Kleinstadt im Hohenlohekreis einkaufen wollte, wie sie jenen Abend erlebt hat. Ihre Wahrnehmungen rund um den Tod eines Zwölfjährigen, den ein 18-Jähriger totgefahren haben soll, sind lückenhaft. Das Geschehen haben sie nur am Rande mitbekommen.
„Der Junge mit dem Fahrrad ist provokant aufgetreten“, schildert der 62-jährige Familienvater. Worum es zwischen dem Zwölfjährigen und seinem Begleiter auf einem Tretroller sowie dem Angeklagten und dessen Beifahrer gegangen ist, habe er nicht mitbekommen. Nach einem Gespräch zwischen den Kindern und den beiden Älteren soll der Angeklagte seinen Beifahrer mit der Bemerkung „Komm, wir fahren los“, zum Einsteigen aufgefordert haben. Im Anschluss soll das Auto die Parklücke verlassen haben.
Mordprozess Niedernhall: Rache-Akt oder Fahrfehler?
Der Zeuge: „Ich dachte, die fahren zum Parkplatz-Ausgang. Dann hat es aber ’klack, klack’ gemacht. Das Auto hat das Fahrrad touchiert und das darauf sitzende Kind überfahren.“ Schon kurz darauf seien Rettungskräfte vor Ort gewesen. Mit dem Fahrer habe der Zeuge kurz Blickkontakt gehabt: „Ich hatte den Eindruck, dass er von dem Geschehen genauso geschockt war wie wir alle. Er hat sich auch kurz hingekniet und die Hände über seinen Kopf geschlagen.“ Der Mord-Prozessstart am Heilbronner Landgericht am 11. März gestaltete sich auch auf der Besucher-Seite emotional.
Im Rahmen des Prozesses am Heilbronner Landgericht wird zu klären sein, ob es sich beim Fahrmanöver des Angeklagten um einen Racheakt oder einen Fahrfehler gehandelt hat. Beim Prozessauftakt am 11. März ließ der Tatverdächtige seinen Anwalt erklären, dass er den Jungen versehentlich überfahren habe. Dem entgegen steht jedoch die Aussage der zweiten Zeugin am dritten Prozesstag. Diese ist die Ehefrau des zuvor aussagenden Mannes. Nach dem Zusammenstoß will sie mehrfach gehört haben, wie der Angeklagte „er hat mich provoziert“ gesagt habe. Ein Hinweis auf mutmaßliche Selbstjustiz?
Überfahrenes Kind in Niedernhall: Feuerwehrleute können keinen Puls feststellen
Detaillierter und emotionaler fallen die Schilderungen der Feuerwehrleute aus, die am 11. September im Einsatz gewesen sind: „Wir wurden gegen 20.30 Uhr alarmiert. Ein Kind sei unter einem Auto eingeklemmt“, berichtet ein 49-jähriges Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Niedernhall. Der überfahrene Zwölfjährige habe sich beim Eintreffen der Einsatzkräfte komplett unter dem Auto befunden. Nur der Arm des Jungen sei in unnatürlich verrenktem Winkel zu sehen gewesen.
„Es war kein Puls mehr feststellbar“, berichtet der Feuerwehrmann. Nach dem Anheben des Autos habe man den Jungen zu dritt hervorgeholt. Der Feuerwehrmann: „Als ich gesehen habe, dass der Kopf des Jungen komplett überstreckt ist, habe ich mir gleich gedacht, dass das Kind tot ist.“ Die eintreffende Notärztin habe dann nur noch den Tod des Buben feststellen können.
Überfahrenes Kind: Einsatz in Niedernhall beschäftigt Feuerwehrleute bis heute
Noch schwerer erträglich sind die Schilderungen eines weiteren, 46-jährigen Mitglieds der Feuerwehr Niedernhall: Der Bub sei auf dem Rücken gelegen. „Als ich den Zustand des Kopfes gesehen habe, war mir klar: Das sind Verletzungen, die mit dem Leben nicht vereinbar sind.“ Um die anderen Einsatzkräfte zu schützen, habe er dafür gesorgt, dass möglichst wenige den Jungen zu Gesicht bekommen. Noch heute, ein halbes Jahr später, geht der Einsatz einigen Feuerwehrleuten nach. Ein Feuerwehrmann könne bis heute nicht im Niedernhaller Edeka einkaufen. Auch die Einsatzkräfte der Polizei schildern ihre Erlebnisse in Niedernhall vor Gericht sehr emotional.
Der 46-Jährige: „Zwei, drei Nächte hatte ich die Bilder vor Augen.“ Viel schlimmer seien allerdings die Schreie der trauernden Eltern des Jungen auf dem Parkplatz gewesen. „Diese haben sich bis heute bei mir eingebrannt.“ Besonders tragisch: Der Junge war Mitglied bei der Jugendfeuerwehr Niedernhall. Als der Leichenwagen mit dem toten Kind davonfuhr, standen die Einsatzkräfte Spalier und erwiesen ihrem Kameraden die Ehre.
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