Polizist im Mordprozess Niedernhall: Einer der schlimmsten Einsätze meines Lebens
An Tag zwei im Niedernhaller Mordprozess vor dem Heilbronner Landgericht berichteten mehrere Polizisten von deren Zeugenvernehmungen und wie sie die Situation am mutmaßlichen Tatort erlebten. „Es war definitiv die Hölle“, sagte einer der Beamten.
Als der Vorsitzende Richter der 15. Großen Jugendkammer des Heilbronner Landgerichts am Dienstag die Bilder vom mutmaßlichen Tatort auf zwei große Bildschirme übertragen ließ, verließen die Eltern des getöteten Jungen einmal mehr den Saal.
Ihr zwölfjähriges Kind ist am Abend des 11. Septembers 2025 auf dem Edeka-Parkplatz in Niedernhall von einem dunklen Audi A3 überfahren worden. Am Steuer saß der 18 Jahre alte Angeklagte, der sich zum Prozessauftakt vergangene Woche eine Autozeitschrift als Schutz vor den Pressefotografen vors Gesicht gehalten hatte. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, den Jungen ermordet zu haben.
Prozess in Heilbronn: Polizeizeugen schildern Einsatz nach tödlichem Vorfall auf Parkplatz in Niedernhall
Auch am zweiten Verhandlungstag strömten wieder zahlreiche Zuhörer in den Verhandlungssaal. Die Besucher wollten hören und verstehen, was sich am 11. September in der kleinen Stadt im Hohenlohekreis abgespielt hat.

Den gesamten Tag über berichten Polizeibeamte von ihren Zeugenvernehmungen vor Ort. Und wie sie diesen Abend selbst erlebt haben. „Wenn ich heute an dem Parkplatz vorbeifahre, geht mir das noch immer ins Mark“, sagte einer der Beamten.
Verzweifelte Schreie der Eltern gingen Polizeibeamten bis ins Mark
„Es war einer der schlimmsten Einsätze meines Lebens“, sagte ein anderer Beamter. Eine weitere Polizistin, die mit ihren Kollegen vom Verkehrsdienst Weinsberg „lediglich als Backup“ mitgekommen war, sagte, sie habe die Parkplätze ausgemessen, um etwas zu tun zu haben. „Um da psychisch wieder gut rauszukommen“.
Die Vernehmungen der Zeugen seien mitunter an der Grenze zum Abbruch gewesen, schilderte ein weiterer Beamter. Die verzweifelten Schreie der Eltern seien auch durch die geschlossene Autoscheibe nicht zu überhören gewesen. „Sie gingen bis ins Mark“, sagte ein Beamter. Die Eltern waren über den tragischen Vorfall informiert worden und postwendend zum mutmaßlichen Tatort gekommen. Zu ihrem Jungen habe sie die Polizei nicht durchlassen können, so ein Beamter. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits gestorben.
Die Aussagen der vernommenen Zeugen zeichnen offenbar ein deutliches Bild. Demnach soll der Angeklagte den mit seinem Fahrrad davonfahrenden Jungen auf dem Parkplatz „gejagt“, „zielgerichtet verfolgt“ und „überfahren“ haben. Das berichteten mehrere Polizisten. Der Angeklagte habe sein Fahrzeug stark beschleunigt. Der Motor habe aufgeheult. Einer der Zeugen habe geschildert, dass der Fahrer dem späteren Todesopfer auf seinem Fahrrad womöglich habe Angst machen wollen. Bremsspuren haben die Beamten nicht gefunden.
Angeklagter wollte nach der mutmaßlichen Tat über das Wetter in Dänemark sprechen
Schließlich habe er den Jungen angefahren, als dieser offenbar vor ihm auf der Flucht war. In der Folge sei das Kind gestürzt und unter das fahrende Auto geraten. Mehr als 20 Meter soll ihn der Angeklagte über den Parkplatz mitgeschleift haben. Als er zum Stehen kam und ausstieg, habe er laut verschiedener Zeugen mehrfach wiederholt: „Er hat mich provoziert.“
Emotionslos sei der Angeklagte gewesen, sagte einer der Polizeibeamten. Sein Blick sei leer gewesen. Über das Wetter in Dänemark habe er mit einem Beamten reden wollen. Und darüber, dass auch er habe Polizist werden wollen. Auf die Frage, ob er verstanden habe, dass er ein Kind totgefahren hat, habe er einfach nur „Ja“ gesagt.
Vor der mutmaßlichen Tat soll das spätere Opfer gedroht haben, das Auto des Angeklagten zu zerkratzen
In der Gewahrsamseinrichtung der Künzelsauer Polizei habe sich der Angeklagte nicht zum Tatvorwurf geäußert. „Er hat eine apathischen Eindruck gemacht“, sagte der zuständige Polizeioberkommissar im Zeugenstand. Rötliche Augen habe er gehabt. Und der Angeklagte soll Kollegen um eine Umarmung gebeten haben.
Unmittelbar vor der mutmaßlichen Tat soll es zwischen dem zwölfjährigen Jungen und dessen 13 Jahre alten Freund auf der einen Seite und dem Angeklagten und dessen 16 Jahre alten Begleiter auf der anderen Seite zu einem Streit gekommen sein. Wobei das spätere Opfer laut der Version des Angeklagten Kleingeld gefordert habe. Unter anderem habe der Junge gedroht, mit einer Ringschaube das Auto des Angeklagten zu verkratzen und ihm ins Auto zu spucken. So eine Schraube ist zwar auf einem Tatortbild zu sehen. Wo sie geblieben ist, lässt sich aber wahrscheinlich nicht mehr klären.
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