Integrationspreis für Hanspeter Hagen – Heilbronner engagiert sich für Gefangene
Der Geschäftsführer des Kaffeehauses Hagen gründete 1973 die Bürgerinitiative Strafvollzug. Für sein ehrenamtliches Engagement wurde er nun mit einem Integrationspreis ausgezeichnet.
"Jeder Mensch braucht die zweite Chance“, sagt Hanspeter Hagen. Der 81 Jahre alte Unternehmer und Geschäftsführer des Kaffeehauses Hagen engagiert sich seit über 50 Jahren für Gefangene der Justizvollzugsanstalt in Heilbronn. 1973 gründete er dort die Bürgerinitiative Strafvollzug, die jeden Freitag einen Gesprächskreis für Gefangene anbietet.
Heute aktiv in der Initiative sind neben Hagen noch Rudolf Schöneck, Mehmet Yesilgöz und Ruth Sihler. „Die Gruppe läuft kontinuierlich jede Woche. Seit 50 Jahren“, sagt Hagen. Sofern nicht anders verhindert, ist er jeden Freitag in der Steinstraße.
Integrationspreis der Diaphania für Hagens Engagement in Heilbronner JVA
Für das langjährige Engagement für die Wiedereingliederung von Gefangenen in die Gesellschaft bekam Hagen am vergangenen Samstag von der Diaphania, der europäischen Gesellschaft für Politik, Kultur und Soziales, deren Integrationspreis verliehen. Oberbürgermeister Harry Mergel sprach ein Grußwort und die Baden-Württembergische Justizministerin Marion Gentges hielt eine Festrede.
Es ist nicht die erste Ehrung für seine Tätigkeit. Die Bürgerinitiative habe beispielsweise schon den Heilbronner Bürgerpreis bekommen, so Hagen. Doch er engagiert sich nicht wegen der Anerkennung. „Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass ich in einer Gesellschaft versuche, Dinge zu verbessern.“
In den Gesprächskreisen, die die Bürgerinitiative anbietet, ist jedes Thema willkommen – mit und ohne Bezug zum Gefängnis. „Wir sprechen natürlich über die Situation der inhaftierten Menschen und deren Familien, wir sprechen über politische Bereiche, wir sprechen über Sexualität. Es gibt kein Thema, das tabu wäre“, sagt Hagen. Jedoch sollen andere Meinungen zumindest toleriert werden.

Hanspeter Hagen will bei Gefangenen in der JVA Heilbronn ein Umdenken erreichen
Ziel sei es auch, ein Umdenken zu erreichen: „Ich stelle mich der Tat, ich versuche, dass ich ein anderes Bewusstsein bekomme, dass ich mich nicht mehr in Gefahr begebe, rückfällig zu werden im gleichen Delikt“, beschreibt Hagen den Prozess, der bei den Adressaten seiner Gesprächskreise angestoßen werden soll.
Der Gesprächskreis wird gut angenommen, was Hanspeter Hagen auch zurückgemeldet bekommt. „Wir wissen genau, dass die Menschen auf uns warten. Wir erleben sehr viele, bei denen wir genau wissen, dass es richtig ist, was wir machen.“ Wichtig ist der Bürgerinitiative, Kriminalität vorzubeugen. Rückfälle sollen möglichst vermieden werden. Ohne Resozialisierung geht das nicht.
Hanspeter Hagen ist ein Mensch, der gestaltet. So fand er sich mit einer Gruppe von Freunden im Heilbronn der 60er Jahre wieder. Eine Stadt, die zu wenig für sie zu bieten hatte. Kurzerhand organisierten sie selbst Jazz-Konzerte in kleinen Räumen. Die Gestaltung der Welt um sich herum würde aber bald in eine andere Richtung gehen. 1972 kam ein Wendepunkt im Leben des jungen Hanspeter Hagen, als ein guter Freund von ihm tödlich verunglückte.
Hanspeter Hagen gründete 1973 die Bürgerinitiative Strafvollzug in Heilbronn
„Ab dem Moment sagten wir, jetzt ist aus mit dem Spaß. Dann haben wir uns entschieden innerhalb der gesellschaftlichen Bedingungen etwas zu tun. Nicht nur für sich zu leben, sondern zu versuchen, Dinge zu machen, die seriöser sind. Leute gingen in Parteien, Gewerkschaften. Ich habe mich für Soziales entschieden.“ Hagen kam zum Strafvollzug, da er der Auffassung war, dass ein Gefängnis einer der letzten Orte sei, an dem Menschen Verständnis für Andere finden. 1973 gründete er dann die Bürgerinitiative Strafvollzug.
Das ist mein Anteil gegenüber der Gesellschaft.
Hanspeter Hagen
Hagens Engagement für die Inhaftierten geht über die Gesprächskreise in der JVA hinaus. Er beschaffte schon Ausbildungsplätze in seinem eigenen Betrieb, war als ehrenamtlicher Bewährungshelfer tätig, besuchte die Familien von Gefangenen und organisiert in seinem Kaffeehaus ein paar Mal im JahrTreffen von ehemaligen Teilnehmern der Gesprächskreise, die mittlerweile wieder in Freiheit leben.
Er habe aber auch Gefangene erlebt, die seine Angebote nicht so annahmen, wie sie angedacht waren, die das Engagement in gewissem Maße missbrauchten, bei denen ein Umdenken nicht stattfand. Für die zweite Chance müssten die Menschen auch etwas tun.
Kaffeehaus-Standort in ehemaligem „Problemviertel“ ist kein Zufall
Parallelen zu seinem ehrenamtlichen Engagement finden sich auch in Hagens unternehmerischen Tätigkeiten. Der Standort seines Betriebs heute in der Christophstraße ist kein Zufall. Mit dem Kaffeehaus ging er ins Heilbronner Industriegebiet, ins „soziale Problemfeld, um dagegenzuhalten“, wie Hagen sagt: „Da ist jetzt was entstanden, und das ist was Schönes. Und das habe ich somit versucht“, beschreibt der Unternehmer seine Intention. Als Glück, dass ihm das gelungen ist, beschreibt er seine Entscheidung. Genauso wie mit seinem Einsatz für die Gefangenen will Hanspeter Hagen die Welt um sich herum verbessern.
„Das ist mein Anteil gegenüber der Gesellschaft. Nicht zu sagen ‚Mir geht’s jetzt gut und die Anderen sollen machen, was sie wollen’. Nein. Einfach zu versuchen zu verändern und negativen Trends entgegenzuwirken.“
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