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Ex-Häftling packt aus: "Auf der einen Seite Familienmensch, auf der anderen Bankräuber"

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Die Bürgerinitiative Strafvollzug begleitet Gefangene während und nach ihrer Zeit in der JVA Heilbronn. Ein Ex-Häftling gibt Einblicke in seine Vergangenheit.

Ein ehemaliger Häftling der JVA Heilbronn packt aus und erzählt von seiner Vergangenheit.
Ein ehemaliger Häftling der JVA Heilbronn packt aus und erzählt von seiner Vergangenheit.  Foto: Mugler, Dennis

Entspannt sitzt Markus Müller am Tisch im Kaffeehaus Hagen. Er schmökert in Zeitungen und wartet auf seinen Milchkaffee. Dass der Mann mit den strahlend blauen Augen und seiner fröhlichen Art fünf Banken überfallen hat ("Nie mit einer scharfen Waffe, nur mit einer Spielzeugpistole"), sieht man ihm nicht an. Seine Strafe hat er bereits verbüßt. Seit vier Jahren ist er wieder ein freier Mann.

Seine Taten bereut er. "Ich wollte mehr sein, als ich war", sagt er. Ein erfolgreicher Geschäftsmann sei er gewesen. Dann die Banküberfälle und der Absturz. Mittlerweile kann Müller, der seinen echten Namen nicht nennen will, offen darüber sprechen. "Es liegt hinter mir."

Das ganze Gespräch über zeigt er sich selbstkritisch und vor allem reflektiert. Sätze wie "Auf der einen Seite war ich Familienmensch, auf der anderen Seite Bankräuber" geben Einblicke in seine Vergangenheit, die er – wie er immer wieder betont – zwar nicht rückgängig machen kann, aber hinter sich gelassen hat. "Ich bin aus Heilbronn raus, habe die Tür hinter mir verschlossen und die Schlüssel weggeworfen."

Regelmäßig kommen Ex-Häftlinge im Café Hagen zusammen

Mittlerweile füllt sich der Raum. Andere ehemalige Häftlinge sind dazugestoßen. Auch sie saßen ein. Mord, Brandstiftung, versuchter Mord, die Gründe sind verschieden. Aber hier stehen sie nicht im Vordergrund. Sondern die Menschen an sich.

Die Bürgerinitiative Strafvollzug der JVA Heilbronn besteht aus Mehmet Yesilgöz (von links), Ruth Sihler, Hanspeter Hagen und Rudolf Schöneck.
Die Bürgerinitiative Strafvollzug der JVA Heilbronn besteht aus Mehmet Yesilgöz (von links), Ruth Sihler, Hanspeter Hagen und Rudolf Schöneck.  Foto: Mario Berger (groß) / Lina Bihr (klein)

Es wird gegessen, getrunken und sich ausgetauscht. Treffen wie dieses finden im Kaffeehaus Hagen etwa zweimal im Jahr statt – eine Initiative des Geschäftsführers Hanspeter Hagen, der sich seit 50 Jahren ehrenamtlich in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Heilbronn engagiert und kürzlich dafür geehrt wurde.

Team der Bürgerinitiative Strafvollzug führt Gespräche mit Häftlingen 

Die Bürgerinitiative Strafvollzug, die auch noch aus Ruth Sihler, Mehmet Yesilgöz und Rudolf Schöneck besteht, führt jeden Freitag mit vier bis sechs Gefangenen in der JVA Gespräche. "Manchmal geht es auch turbulent zu", weiß Hanspeter Hagen. Unterschiedliche Meinungen könnten aufeinanderprallen.

Über Familie, Politik, gesellschaftliche Themen oder Vollzugsbedingungen wird gesprochen. Läuft etwas nicht rund oder häufen sich Beschwerden von Häftlingen, schaltet sich die Bürgerinitiative auch mal ein, sucht das Gespräch mit der Anstaltsleitung, erklärt Hagen.

Einsatz für Häftlinge in der JVA Heilbronn: Bibliothek bekommt neue Bücher

Ein konkretes Beispiel hat der 80-Jährige parat: Ein Gefangener habe Verlage angeschrieben, ob er Bücher bekommen kann. Die Skepsis sei groß gewesen. Es könnten ja auch Drogen auf den Seiten aufgedampft sein, erinnert sich Hagen an die Bedenken der Anstaltsseite. Die Bürgerinitiative aber blieb dran und habe mit ihrem Einsatz letztendlich erreicht, dass die Bibliothek in der JVA Heilbronn mit neuen Büchern erweitert wurde.


Jeder habe eine zweite Chance im Leben verdient, betont der Unternehmer. Haben Gefangene ihre Strafe abgesessen, sei es wichtig, dass sie wieder in der Gesellschaft Fuß fassen. Hinter jedem Häftling stehe eine "komplizierte Geschichte". Man dürfe sie nicht voreilig als Banditen abstempeln. Wie der 80-Jährige seine Position als Geschäftsführer und als ehrenamtlicher Helfer vereinbart bekommt? "Ich habe keine Zeit, ich nehme mir die Zeit", sagt er.

Die Treffen im Café unter den Ex-Gefangenen sind beliebt. Als "Wohlfühloase" beschreibt sie Markus Müller. "Man kann sich fallen lassen." Ähnliche Beschreibungen machen die ehrenamtlichen Helfer Ruth Sihler, Mehmet Yesilgöz und Rudolf Schöneck. Gefangene könnten für ein paar Minuten die Zelle vergessen. "Wir bringen ein Stück Außenwelt in ihren Alltag." Vor allem Empathie brauche man. "Wir hören zu, was die Insassen bedrückt." Wie ein Ventil fungiere man für die Inhaftierten. Außerdem zitieren sie den ehemaligen Anstaltsleiter Thomas Galli: "Gefangene von heute sind die Nachbarn von morgen."

Bei der Bürgerinitiative Strafvollzug will niemand "den Moralapostel spielen"

Es sei wichtig, in der Bürgerinitiative Strafvollzug in die Zukunft zu schauen. "Sie sind schon verurteilt worden. Wir wollen nicht zusätzlich noch den Moralapostel spielen."

Mehmet Yesilgöz betont: "Wir müssen keine Regeln einfordern oder gar Fehlverhalten sanktionieren. Wir versuchen viel mehr, ein positives Selbstbild aufzubauen." Viele Insassen seien nicht gut zu sich selbst, oft aufgrund negativer Erfahrungen aus der Kindheit. Das Gesprächsangebot empfand Markus Müller während seiner Zeit im Gefängnis als wertvoll. Vor allem aber seine Familie sei ein Antrieb für ihn gewesen.

Auch die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY" hat über seine Banküberfälle berichtet

Mit seinen Banküberfällen machte er bundesweit Schlagzeilen, beispielsweise in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY". Seine jahrzehntelange Ehe ging nach den Verbrechen in die Brüche. Das Vertrauen untereinander habe er zerstört. Auch die Beziehung zur Tochter litt. "Meiner Familie wurde der Boden unter den Füßen weggerissen", sagt er. Zwischenzeitlich standen sie unter Verdacht, an den Taten beteiligt gewesen zu sein. Mittlerweile seien die Wogen geglättet. Seine Ex-Frau sei seine beste Freundin.

Wenn er heute als freier Mann in seinem Heimatort unterwegs ist, spürt er die Blicke. Manch einer wolle ihn nicht bedienen an der Kasse. Hinter seinem Rücken werde geredet. Aber vor allem auf das Positive will sich Markus Müller konzentrieren. Hin und wieder werde er auch in den Arm genommen. "Du hast eine zweite Chance bekommen. Mach das Beste draus."

 
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