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"Bloßes Wegsperren ist keine Lösung": Diese Angebote gibt's für Häftlinge in der JVA Heilbronn 

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Ein strukturierter Tagesablauf ist für Gefangene wichtig – und der beinhaltet in der Heilbronner JVA auch einige Freizeitmöglichkeiten.

Jüngst hat das Theater Heilbronn mit dem Stück „NippleJesus“ in der JVA Heilbronn gastiert.
Jüngst hat das Theater Heilbronn mit dem Stück „NippleJesus“ in der JVA Heilbronn gastiert.  Foto: Helmut Melchert

Wenn man die Gitterstäbe ausblendet, die vor dem flatternden Vorhang des offenen Fensters aufblitzen, dann fühlt es sich wirklich wie im Theater und nicht wie im Gefängnis an. Häftlinge sitzen mit Bediensteten und anderen Gästen im Publikum und vorne auf der Bühne steht Schauspieler Arlen Konietz vom Theater Heilbronn, der einen als Dave in die Kunstwelt mitnimmt.

Dave ist ein ehemaliger, nicht unbedingt zimperlicher Türsteher, der als Bewacher eines skandalträchtigen Kunstwerkes im Museum angeheuert wird: Ein Jesus, der, wenn man ganz nah an das Bild herangeht, aus vielen aneinandergereihten Nippeln besteht. Skandal oder Kunst? Eigentlich ist es so gar nicht seine Welt, aber je mehr er sich mit dem polarisierenden Werk namens „NippleJesus“ auseinandersetzt, umso stärker setzt er sich dafür ein.

Theaterstück soll Gefangene der JVA Heilbronn zum Nachdenken anregen 

In einer Pressemitteilung des Theaters Heilbronn heißt es, dass dieses Stück von Nick Hornby viele Anknüpfungspunkte für die Gefangenen geben könnte: Eine Beschreibung eines vermeintlich einfachen Mannes, hinter dessen humorvollen Betrachtungen überraschend tiefsinnige Gedanken schlummern, in seinem Fall über den Sinn und Unsinn der modernen Kunstwelt.

Und wie es nach der einstündigen Vorstellung scheint, stimmt die Vermutung. Die Inhaftierten, rund 30 sitzen an diesem Abend im Publikum, zeigen sich begeistert. „Sehr schön“ und: „Es wäre toll, wenn es in Zukunft öfters Theatervorstellungen hier gibt“, lauten die Rückmeldungen.

Patrick P. zeigt sich nicht nur hin und weg, sondern auch sehr selbstreflektiert: „Mit Witz und Sinn wird man angeregt, sein Leben und die bewussten und unbewussten Entscheidungen zu überdenken“, sagt er. Außerdem sei es schön gewesen, mit anderen Besuchern gemischt im Publikum zu sitzen und nicht als der „Knasti abgestempelt zu werden, vor dem alle Angst haben, wenn man in einen Raum kommt.“

Florin P. (links) hat in seinem Heimatland Rumänien als Friseur gearbeitet. Seinem Job geht er auch in der JVA Heilbronn nach.
Florin P. (links) hat in seinem Heimatland Rumänien als Friseur gearbeitet. Seinem Job geht er auch in der JVA Heilbronn nach.  Foto: Andreas Vesenmaier

Ein Blick in die Gefängnis-Bibliothek und in das Friseurzimmer der JVA Heilbronn

Den Stein ins Rollen für diesen außergewöhnlichen Abend brachte Hanspeter Hagen, der sich seit mehr als 50 Jahren ehrenamtlich in der Bürgerinitiative Strafvollzug für die JVA Heilbronn engagiert. „Kultur und Theater sind ein Anlass, um miteinander ins Gespräch zu kommen“, sagt der Besitzer vom Kaffeehaus Hagen. Genau darum geht es auch in der Bürgerinitiative Strafvollzug. Jeden Freitag ist er mit einer Gruppe von ehrenamtlichen Mitstreitern in der JVA, um mit Gefangenen zu reden.

Auch Anstaltsleiter Andreas Vesenmaier zeigte sich von Anfang an offen für solch ein Angebot. „Gefangene sollen die Zeit nicht totschlagen, sondern sinnvoll nutzen.“ Das Leben hinter Gittern müsse dem Leben draußen so gut es geht angeglichen werden, damit die Menschen nach ihrer Inhaftierung nicht vom Leben abgehängt werden, betont Vesenmaier und gibt weitere spannende Einblicke hinter Gittern: Im Flur hängen Werke von Gefangenen, die sie in einer bildenden Kunst-Gruppe gemalt haben.

Ein Blick in die Gefängnis-Bibliothek offenbart unzählige Regale mit insgesamt rund 5000 Büchern. Rudi B. managt den Verleih, liest selbst sehr gern, wie er betont. „Stellenweise versetzen mich Bücher in eine andere Welt.“ Und sogar einen Friseur gibt es. Ein Gefangener hat den Beruf in seinem Heimatland Rumänien gelernt und darf ihn hier in der JVA Heilbronn weiter ausführen. Vor dem Raum mit Spiegel und Utensilien hängt eine Liste, in die sich Gefangene eintragen können. Jeder Zeitslot im Zehnminuten-Takt ist belegt.

Rudi B. managt den Verleih in der Gefängnis-Bibliothek.
Rudi B. managt den Verleih in der Gefängnis-Bibliothek.  Foto: Andreas Vesenmaier

Heilbronner JVA-Leiter über angeblichen Kuschelvollzug: "Solche Aussagen gehen gar nicht"

Die Vorwürfe des Kuschelvollzugs kann Andreas Vesenmaier nicht leiden. „Solche Aussagen gehen gar nicht und sind zu kurz gedacht.“  Wie es wirklich im Gefängnis ist, könne man nur beurteilen, wenn man selbst mal eingesperrt war, getrennt von Familie und Freunden. Vesenmaier erinnert an die während der Corona-Hochphase verhängten Ausgangssperren und daran, wie viel Kraft das die Menschen gekostet hatte. „Wie geht es dann Gefangenen, die oftmals über Jahre weggesperrt sind?“

Ein strukturierter Tagesablauf – auch im Gefängnis - sei sehr wichtig. Er biete Halt und sei die beste Voraussetzung, um später in Freiheit auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen. „Unsere Aufgabe ist es, dass die Menschen besser rausgehen als sie hier reingekommen sind. Das verhindert künftige Straftaten und ist der beste Schutz für die Gesellschaft.“ Es gehe darum, positive Veränderungen bei den Insassen anzustoßen.  

Ein Bestandteil der Resozialisierung sei eben auch jene Theatervorstellung. „Sie kann zum Nachdenken anregen und macht Freude im oftmals tristen Haftalltag. Vielleicht findet der eine oder andere Insasse künftig Gefallen an kulturellen Angeboten und kann so seine Freizeit sinnvoll nutzen.“ Bloßes Wegsperren sei keine Lösung.




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