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Wengerter in Not
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Wie geht es weiter mit dem Weinbau in Steillagen an Neckar, Kocher und Jagst?

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Vielerorts gibt es Probleme wegen verfallenden Trockenmauern und nicht mehr bewirtschafteten Weinbergen. Aber neue Projekte machen Mut. 


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Ein Wengerter aus dem nördlichen Landkreis ist tief getroffen: Weil er aufgrund einer 100-prozentigen Schwerbehinderung seine Weinberge nicht mehr bewirtschaften kann, hat ihm das Landratsamt Heilbronn ein Zwangsgeld auferlegt. „Dieses Zwangsgeld trifft mich moralisch noch stärker als finanziell!“, sagt er.

Hintergrund ist eine Trockenmauer, die aufgrund eindringender Nässe sanierungsbedürftig ist. Eine Reparatur der Mauer sei ihm körperlich nicht mehr möglich. Sollte die Auflage durchgesetzt werden, müsse er den Weinberg verkaufen. „Das kommt einer Enteignung gleich.“

Die Bewirtschaftung der Steilweinberge wie hier im Himmelreich in Gundelsheim ist eine schwierige Angelegenheit.
Die Bewirtschaftung der Steilweinberge wie hier im Himmelreich in Gundelsheim ist eine schwierige Angelegenheit.  Foto: Anton Zuber

Wengerter hat Steillagen gepflegt: „War immer der Meinung, etwas Gutes für unsere Gemeinde zu tun.“

Noch vor einigen Jahren hat der Wengerter seine Weinberge mit viel Hingabe bewirtschaftet. Was an Gewinn reinkam, habe er für die Pflege der Steillagen wieder eingesetzt. „Ich war immer der Meinung, etwas Gutes für unsere Gemeinde zu tun.“

Das Landratsamt fordert Notsicherungsmaßnahmen, weil eindringendes Oberflächenwasser den Hang ins Rutschen gebracht hat und es dadurch zum Einsturz von Weinbergmauern gekommen ist. Die geforderten Drainagen zur Ableitung des Starkregens seien nur in aufwendiger Handarbeit zu verlegen. Der Wengerter schätzt, dass „mehrere Zehntausende Euro an Kosten“ auf ihn zukommen. 

Rechtsstreit: Wer ist für die Sicherung von Mauern und Wegen in den Weinbergen zuständig?

In einem Rechtsstreit in diesem konkreten Fall geht es nun darum, ob die Sicherung der Weinberge, durch die auch Wege laufen, nicht vielmehr eine öffentliche Aufgabe ist. Laut Württembergischer Wegeordnung aus dem Jahr 1808 ist „der Träger der Baulast eines öffentlichen Weges oder einer öffentlichen Straße auch dann für die diesem Weg dienende Stützmauer unterhaltspflichtig, wenn diese Stützmauer nicht im Eigentum des Trägers der Baulast ist“, dies hat eine Rechtsanwältin herausgefunden. 

Weil seine Gesundheit die Bewirtschaftung der Weinberge nicht mehr zulässt, hat der Wengerter ohnehin schon an Verkauf gedacht. Mit diesen „ruinösen Auflagen“ sei es aber aussichtslos, einen privaten Käufer zu finden. 

Misere im Weinbau trifft viele – wie soll es weitergehen?

Alters- und gesundheitsbedingte Aufgabe der Weinberge betrifft viele. Oft findet sich weder in der Familie noch im Freundeskreis jemand, der den „Wengert“ weiter bewirtschaften will. In Neckarsulm am Scheuberg versucht nun die Stadt, mit einem Flächenkataster brach fallende Parzellen an andere Nutzer zu vermitteln.

Klare Regeln und weniger Bürokratie: Damit will der zuständige Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) die Misere im Weinbau angehen. Zwangsgelder drohen nicht nur, wenn die Mauern einstürzen. Auch nicht mehr bewirtschaftete Weinberge, so genannte „Drieschen“, können teuer werden, wenn sie nicht ordnungsgemäß gepflegt werden. 

Wer seinen Wengert also nicht mehr bewirtschaften kann, dem drohen Zwangsgelder und Zahlungen wegen Ordnungswidrigkeiten. Die sukzessive Umwandlung in ein Biotop – im konkreten Fall sollen schon seltene und geschützte Äskulapnattern gesichtet worden sein – werde von den Behörden gar nicht in Betracht gezogen, beklagt der betroffene Wengerter.

Es geht auch anders: Freizeit-Wengerter „gehen steil“

In Mundelsheim, wo die berühmte Käsbergkellerei mittlerweile zu den Lauffener Weingärtnern dazu gehört, gehen Freizeit-Wengerter „steil“. Im Projekt „Wengerter auf Zeit“ sollen Hobby-Nachwuchskräfte die haupt- oder nebenberuflichen Bewirtschafter der Steillagen unterstützen. Bei einem ersten Treffen der Initiative waren zahlreiche Interessierte dabei. Ziel ist die „Rettung des Steillagenweinbaus am Neckar“. Als „Winzer auf Probe“ hat man dann die Gelegenheit, ein Jahr lang einen eigenen Weinberg zu bewirtschaften.

Unter dem Label „Württemberger Weinbergwerk“ werden die Steillagenweine aus Lauffen vermarktet. Wird aber nicht mehr unternommen, befürchten Experten, drohen die Steillagen und damit auch eine Reihe schöner Spazier- und Wanderwege verloren zu gehen. 

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