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Mit dem System überfordert

Sucht und Obdachlosigkeit: So unterstützt Heilbronner Mevesta-Verein Menschen, die durchs Raster fallen

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Keine Krankenversicherung, keine Post-Adresse. Menschen, die durchs soziale Raster fallen, sind mit dem behördlichen System oft überfordert. Hier schreitet das Team des Vereins Mevesta ein – und hilft in vielfältiger Form.

Niklas Schukraft (links), Katharina Herrmann und Rouven Siegele kümmern sich beim Verein Mevesta darum, dass Menschen ins soziale Netz zurückfinden.
Foto: Hagmann
Niklas Schukraft (links), Katharina Herrmann und Rouven Siegele kümmern sich beim Verein Mevesta darum, dass Menschen ins soziale Netz zurückfinden. Foto: Hagmann  Foto: Hagmann, Daniel

Klar: Das Netz der sozialen Sicherung ist in Deutschland besser und engmaschiger als in fast allen anderen Ländern der Welt. „Dennoch erhält nicht jeder Mensch auch die finanzielle Hilfe, die ihm zusteht“, erklärt Rouven Siegele. „Es gibt Personen, die fallen durchs soziale Raster, weil sie mit dem System überfordert sind und es nicht schaffen, sich mit den Bedingungen auseinanderzusetzen.“

Siegele ist stellvertretender Leiter von Mevesta in Heilbronn. Das Team des Vereins kümmert sich im Rahmen von Jugend- und Suchtberatung, Streetwork und im Kontaktladen um Menschen, die den Anschluss verloren haben und die ohne Unterstützung nur schwierig aus ihrer Situation herauskommen. Diese stellt sich oft als Teufelskreis dar.

Heilbronner Streetworker unterstützen Obdachlose bei Bürokratie

„Wenn Menschen beispielsweise auf der Straße leben, sind sie für die Behörden kaum erreichbar. Um Bürgergeld zu empfangen, benötigt man aber eine Postadresse und ein Konto“, sagt Streetworker Niklas Schukraft. „Wir versuchen, die Menschen wieder ins System einzugliedern und sie ans Bürgergeld und die Krankenversicherung anzubinden.“ Rouven Siegele ergänzt: „Die Menschen sind ja nicht unversichert und obdachlos, weil sie das schön finden, sondern, weil das System nicht zu ihnen passt.“

Niklas Schukraft kennt die Treffpunkte der Obdachlosen-Szene in Heilbronn. Auch mit einem Großteil der Klienten ist er vertraut. Man dutzt sich. „Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist die Unterstützung bei bürokratischen Vorgängen“, berichtet der Sozialarbeiter. „Wir helfen beim Stellen von Anträgen, begleiten bei Behördengängen und haben Tablets dabei.“ Einige Formalitäten sind nur noch digital möglich. Was auf den ersten Blick manches vereinfachen mag, erhöht wiederum für Menschen die Hürden, die sich mit dem Internet nicht auskennen und die keine technischen Zugangsmöglichkeiten haben.

Mevesta in Heilbronn: Suchtberatung arbeitet über Freiwilligkeit

Etwa 2.800 Kontakte mit Unterstützungsbedürftigen haben die Mevesta-Streetworker in Heilbronn pro Jahr. Die Frustration und die Berührungängste in Bezug auf bürokratische Strukturen ist oft groß. Streetworker Schukraft: „Wir versuchen, diese Hürden abzubauen und Zugänge zu schaffen.“

Katharina Herrmanns Bereich bei Mevesta in Heilbronn ist die Jugend- und Suchtberatung. In einer offenen Sprechstunde können jene Betroffenen vorbeikommen, die ihr Leben beispielsweise losgelöst von Alkohol und synthetischen Drogen gestalten möchten. Herrmann erklärt: „Bei uns geschieht alles über Freiwilligkeit. Wir zwingen niemandem etwas auf und gestalten die Arbeit ergebnisoffen.“ Das heißt: Jeder, der bei der Suchtberatung vorbeikommt, bestimmt sein Ziel selbst. Möchte er den Konsum reduzieren? Oder von jeglichen Substanzen ganz loskommen?

Mevesta in Heilbronn: Vorschriften bei Drogenkonsum nicht zielführend

Katharina Herrmann: „Manche Menschen, die wir betreuen, kommen nach jahrelangem, Drogenkonsum bedingten Blackout in eine Selbstreflexion und erkennen, warum sie Drogen genommen haben und was ihnen ansonsten im Leben fehlt.“ Manchmal kommen auch Eltern mit ihren Kindern in die Suchtberatung. „Wenn diese aber verlangen, dass wir dem Nachwuchs erklären, dass Drogen schlimm sind und sie nichts mehr nehmen sollen, ist das der falsche Ansatz. Wir machen keine Vorschriften. Die Motivation muss von den Klienten selbst kommen.“

Eine wichtige Anlaufstelle ist der Mevesta-Kontaktladen in der Bahnhofstraße 43 in Heilbronn. Dort können Drogenkonsumenten und Substituierte günstig essen, sich duschen oder sie erhalten auch als Unversicherte medizinische Versorgung. Der Verein Menschen in Not der Heilbronner Stimme unterstützt Mevesta jährlich mit einem mittleren vierstelligen Betrag aus den generierten Spenden.

Rouven Siegele: „So ist es uns möglich, den Menschen, die in den Kontaktladen kommen, rasch zu helfen.“ Das Mevesta-Team verwendet das Menschen-in-Not-Geld beispielsweise, um den Klienten Lebensmittel zu kaufen, oder, wenn diese in kalten Tagen kein Geld für warme Kleidung haben.

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