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Interview

Landrat Norbert Heuser im Interview: "Klimaschutz ist die große Daueraufgabe"

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Ob Energiewende, Flüchtlingsunterbringung oder Fachkräftemangel - die Herausforderungen, vor denen der Landkreis Heilbronn steht, werden nicht geringer. Wir sprachen mit Landrat Norbert Heuser über Aufgaben, Ziele und bisher Erreichtes.

Auch angesichts sich überlagernder Krisen und der weitreichenden Folgen, die diese mit sich bringen, versucht Landrat Norbert Heuser, positiv auf das Erreichte zu schauen.
Auch angesichts sich überlagernder Krisen und der weitreichenden Folgen, die diese mit sich bringen, versucht Landrat Norbert Heuser, positiv auf das Erreichte zu schauen.  Foto: Mario Berger

In bewegten Zeiten für Verlässlichkeit und zukunftsorientierte Lösungen zu sorgen sieht Landrat Norbert Heuser auch für 2023 als eines der großen Ziele seiner Arbeit. Im Stimme-Jahresinterview spricht der 57-Jährige über Zuversicht, Weichenstellungen und die Herausforderungen, vor die die große Politik den Landkreis stellt.

 

"Das Glas ist halbvoll und nicht halbleer" haben Sie in Ihrer Haushaltsrede zur Gesamtbewertung der Lage im Landkreis betont. Woher nehmen Sie diesen Optimismus angesichts der multiplen Krisenlage?

Norbert Heuser: Ich bin ein optimistischer Mensch und freue mich immer mehr über das, was noch im Glas ist, als mich über das zu ärgern, was fehlt. Ich sehe was gut läuft, sehe sehr wohl aber auch die aktuellen Probleme. Die Herausforderungen, vor denen wir stehen und für die wir gemeinsam Lösungen finden müssen, sind enorm. Seit einem guten Jahr darf ich Landrat in einem starken Kreis mit einer starken Wirtschaft sein. Viele Regionen haben eine deutlich schlechtere Ausgangslage.

 


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Wo liegen aktuell die größten Herausforderungen für den Kreis?

Heuser: Dies ist zum einen natürlich das Thema Flüchtlinge. Wir haben durch den verbrecherischen Angriffskrieg auf die Ukraine mit einer Fluchtbewegung zu tun, wie es sie seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa nicht gegeben hat. Eine Folge des Krieges ist der Verlust von russischen Gas, das als Übergang zur Verfügung stehen sollte, bis der dringend erforderliche Ausbau der Erneuerbaren Energien geschafft ist. Explodierende Energiepreise, Rekordinflation und eine drohende Rezession sind weitere Folgen. Wenn die Politik reagiert, wie etwa beim Wohngeld, auf das nun die dreifache Anzahl von Antragstellern Anspruch hat…

 

… was für Ihre Behörde die dreifache Arbeit bedeutet...

Heuser: Richtig! Das ist eine gewaltige Herausforderung. Bedingt durch den sehr kurzen Vorlauf. Wir haben unverzüglich gehandelt und neue Stellen geschaffen. Aber neue Stellen besetzt man nicht in drei oder vier Wochen. Und trotz der neuen Möglichkeit, die Anträge digital zu stellen, sind wohl längere Wartezeiten unvermeidbar.

 

Wo liegen im Bereich Personal weitere Herausforderungen?

Heuser: In den kommenden zehn Jahren werden 20 Prozent der Mitarbeiter im Landratsamt in Ruhestand gehen. Wir bräuchten also 300 neue Mitarbeiter - wenn keine zusätzlichen Aufgaben hinzukommen. Wir haben reagiert, in dem wir künftig 130 jungen Menschen, eine Ausbildung oder ein Studium ermöglichen. 30 mehr als bisher. Dies ist eine Maßnahme eines umfangreichen Gesamtpaketes.

 


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Sie sind auch mit dem Ziel der Entbürokratisierung angetreten. Viele Rathäuser beklagen dagegen, dass die Bürokratie überhandnimmt.

Heuser: Wir wenden die Gesetze an, die aus Europa, vom Bund oder Land kommen. Viele Regelungen und Standards sind entstanden, als uns noch mehr Zeit und Ressourcen zur Verfügung standen. Jetzt haben wir diese zum Teil nicht mehr. Viele Standards heißt aber auch lange Dauer von Verfahren. Wenn man also schneller werden will, und das halte ich für dringend erforderlich, dann muss man Standards hinterfragen. Sie zu hinterfragen heißt, dass bestimmte Aspekte künftig nicht mehr berücksichtigt werden.

 

Sie plädieren für weniger Standards?

Heuser: Absolut - weniger ist in diesem Fall mehr.

 

Beim Personal wird aufgestockt. Das braucht Platz. Wie steht es um die Umzugs- und Erweiterungspläne des Landratsamts?

Heuser: Auf dem benachbarten Grundstück von Baier und Schneider entsteht bis 2025 ein modernes Verwaltungsgebäude, in das wir uns einmieten.

 

Stichwort Flüchtlinge: Im Kreis sind erste Hallen belegt, was ja lange vermieden werden sollte.

Heuser: Seit Februar haben wir über 3700 ukrainische Flüchtlinge im gesamten Landkreis aufgenommen. Der Großteil davon in privaten Unterkünften. Dafür bin ich der Bevölkerung sehr dankbar. Niemand will, dass Hallen als Unterkunft genutzt werden. Die Entscheidung, die Sporthalle der Christian-Schmidt-Schule als Notunterkunft zu nutzen, tat weh.

 

Ist die Christian-Schmidt-Schule nur der Anfang?

Heuser: Wir haben noch eine Notunterkunft in Beilstein. Darüber hinaus sind wir ständig in der Akquise weiterer Unterkünfte - in der Hoffnung, dass wir sie nicht brauchen. Ich hoffe nicht, dass der so wichtige Schul- und Vereinssport wieder leiden muss. Ob das notwendig wird, hat ein Stück weit die Gesellschaft in der Hand. Ein Schlüssel ist, dass uns und vor allem den Kommunen weiterer, derzeit leerstehender privater Wohnraum angeboten wird.

 

Eines ihrer großen Themen ist der Klimaschutz. Was hat sich hier getan?

Heuser: Klimaschutz geht nur gemeinsam und nur mit den Kommunen vor Ort. Eine Umfrage hat 2022 ergeben, dass viele Kommunen Unterstützungsbedarf bei der kommunalen Wärmeplanung haben. Wir werden eine schlagkräftige Energieagentur auf die Beine stellen, die unkompliziert unterstützt und die notwendige finanzielle Ausstattung hat. Mit 500.000 Euro pro Jahr können wir sechs bis sieben Stellen gut finanzieren, bei entsprechenden Zuschüssen sogar mehr. Außerdem haben wir 2022 zwei Klimaschutzmanagerinnen eingestellt, die das integrierte Klimaschutzkonzept des Kreises erarbeiten. Das soll Ende des Jahres beschlossen werden. Und natürlich arbeiten wir weiterhin daran, die nachhaltige Mobilität auszubauen und die beschlossenen Maßnahmen im European-Energy-Award umzusetzen. Klimaschutz ist die große Daueraufgabe.

 


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Sie sind auch regionaler Koordinator der Frankenbahn. Wie ist hier ihre Strategie, die Bahn verlässlicher zu machen?

Heuser: Die Frankenbahn ist die wichtigste Eisenbahnverbindung im nördlichen Baden-Württemberg. Nachdem die für die Verbesserung der Strecke notwendigen Maßnahmen von Gutachtern herausgearbeitet und priorisiert wurden, gilt es nun, mit den Verkehrsministerien von Bund und Land die ersten Umsetzungsschritte zu besprechen. Dazu werde ich alle Beteiligten einladen. Wir müssen am überfälligen Ausbau der Infrastruktur dranbleiben, damit mehr Möglichkeiten entstehen, sowohl für den Fern- als auch den Regionalverkehr. Wichtig ist, dass wir uns als Raumschaft einig sind und mit einer Stimme sprechen.

 


Zur Person

Norbert Heuser wurde am 24. März 1965 in Buchen geboren. Aufgewachsen in Krautheim, schloss er nach Abitur und Wehrdienst sein Studium an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg als Diplom-Verwaltungswirt ab. Von 1990 bis 2002 arbeitete Heuser als Kämmerer der Gemeinde Jagsthausen, 2002 wurde er Bürgermeister von Neuenstadt am Kocher.

Zudem war er ab 2009 Mitglied der CDU-Fraktion im Kreistag des Landkreises Heilbronn. Nach 19 Jahren Amtszeit kandidierte Norbert Heuser als Nachfolger von Detlef Piepenburg, am 28. Juli 2021 wählte ihn der Kreistag zum neuen Heilbronner Landrat. Das Amt trat er am 25. September 2021 an.

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