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Restaurantbetreiber klagen über Kosten: "Da ist irgendwann eine Schmerzgrenze erreicht"

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Die Rücknahme der Mehrwertsteuersenkung macht den Gastronomen in der Region Heilbronn zu schaffen. Die aktuellen hohen Preise haben zur Folge, dass weniger Gäste kommen.

Selbst höhere Preise helfen Alex Fritz von der Sonne in Talheim nicht, seine gestiegenen Betriebskosten auszugleichen.
Selbst höhere Preise helfen Alex Fritz von der Sonne in Talheim nicht, seine gestiegenen Betriebskosten auszugleichen.  Foto: Veigel

Wer dieser Tage gemütlich essen gehen will, der blickt in den Restaurants und Gaststätten immer nachdenklicher auf die Speisekarten. Denn die Zeiten, als das Schnitzel noch für 12,90 Euro und das Bier für 3,80 Euro zu haben waren, sind längst vorbei. Heute schlagen die Klassiker aus Küche und Zapfhahn schon mal mit 25 und 5,50 Euro zu Buche.

Für die enormen Preiserhöhungen gibt es zahlreiche Gründe. Der jüngste ist die Rücknahme der Mehrwertsteuersenkung für Speisen, die die Bundesregierung trotz anderslautender Ankündigungen zum neuen Jahr durchgeboxt hatte. Die Gastronomen gehen damit unterschiedlich um, wie ein Streifzug durch die Region zeigt.


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Kaffee soll teurer werden: So reagieren Café-Betreiber aus der Region Heilbronn


Schümli-Gastronom in Heilbronn erklärt Preisgrenzen bei Getränken

"In meinen Betrieben haben wir die Preise um knapp drei Prozent erhöht", sagt Ergjan Terzici. "Das kann man aber nicht auf alle Produkte umrechnen", so der Heilbronner Gastronom, der mit seiner Frau Luiza das Schümli in der Sülmer City, zwei Hans im Glück-Filialen in Heidelberg und seit kurzem auch den Biergarten am Trappensee betreibt.

"Es gibt auch gewisse Preisgrenzen bei Getränken", erläutert der Gastronom. So sei es schwierig, für einen Cappuccino mehr als 3,90 Euro zu verlangen. Beim Bier liege die Grenze bei fünf Euro. "Ich würde sagen, dass wir die kompletten Kostensteigerungen gar nicht umlegen können", betont der 34-Jährige. Nur bei hochpreisigen Speisen würde der Gast das akzeptieren. Und noch einen Trend hat er festgestellt. "Die Gäste gehen seltener essen, und wir sehen mehr Zweier-Tische", sagt Terzici.


Sonne in Talheim: Schmerzgrenze bei Kosten erreicht 

Alex Fritz ist Gastronom aus Leidenschaft. Aber in den vergangenen Wochen macht dem Inhaber der Sonne in Talheim seine Arbeit nicht viel Freude. Längst kämen nicht mehr so viele Gäste wie früher. Eine Preiserhöhung der Speisen um drei Euro decke die Folgen aus gestiegenen Betriebskosten wie Energie, Löhnen und eben der Mehrwertsteuer nicht ab. "Ich kann die Kosten nicht eins zu eins an die Gäste weitergeben", sagt der 58-Jährige. "Da ist irgendwann eine Schmerzgrenze erreicht."

Er merke, dass die Gäste in der gewohnten Zahl nicht nur bei ihm, sondern grundsätzlich in der Gastronomie ausblieben. Und die, die kommen, konsumieren mitunter weniger als früher. Unverständlich ist für den Koch auch, dass die Besteuerung uneinheitlich ist. "Es ist geradezu absurd, dass für das Essen in der Gastronomie nun wieder 19 Prozent Mehrwertsteuer gelten, währen das Essen to go oder der Fertigsalat im Supermarkt weiterhin mit sieben Prozent besteuert werden", so Fritz. Zu schaffen machen ihm und seinen Gastronomen aber schon lange die gestiegenen Preise für die Waren. "Mit Ausnahme von Kaffee sind die Preise für nahezu alle Produkte deutlich nach oben gegangen", sagt Fritz. Eine Gans oder Olivenöl zum Beispiel würden doppelt so viel kosten als noch vor der Coronakrise.

Mehrwertsteuer in der Gastronomie: Wirte fühlen sich ungerecht behandelt

Die Verärgerung über die Rückkehr zur 19-prozentigen Besteuerung ist auch bei Martin Kübler noch nicht verzogen - nicht nur wegen der Ungleichbehandlung. "Die alte Mehrwertsteuer war die faire Mehrwertsteuer", sagt der Gastronom vom Restaurant Neunzehn am Bad Rappenauer Golfclub. Kübler, der auch Dehoga-Vorsitzender im Landkreis Heilbronn ist, führt - Stichwort Vorsteuerabzug - als Grund an: "Im Einkauf zahlen wir zum Beispiel für einen Salat sieben Prozent Mehrwertsteuer, später müssen wir 19 Prozent abführen."

Die aktuelle Lage macht ihm Sorgen. "Die Gastronomie ist seit der Pandemie die gebeutelte Branche schlechthin - sei es im Hinblick auf die Gäste oder die Mitarbeiter. Es gibt eine enorme Menge an Gewerbeabmeldungen." Angesichts dieser "Nachwehen" versteht Kübler Kollegen, die im höheren Alter "ihren Laden lieber zumachen". Auf der Ausgabenseite zu sparen, wäre keine gute Alternative. "Weniger Mitarbeiter oder kleinere Portionen - das wäre alles unbefriedigend."

"Ristorante da Antonella" in Ellhofen:15 Prozent Mehrkosten für Lebensmittel

"Es ist selbstverständlich eine höhere Belastung", sagt Marco Siragusano zur Rücknahme der Mehrwertsteuersenkung. Allerdings kommt Siragusano, der das "Ristorante da Antonella" in Ellhofen betreibt, nicht um eine Anpassung der Preise herum: "Im Einkauf meiner Lebensmittel habe ich etwa 15 Prozent Mehrkosten. Wir verwenden für unsere Pizza das berühmte Caputo-Mehl sowie Fior di Latte. Diese Preise haben sich im letzten Jahr fast verdoppelt", erzählt der Inhaber. Essen gehen werde langfristig teurer: "Wir haben in der Vergangenheit immer versucht, die Preise trotz hoher Qualität gering zu halten. Steigende Mieten, Strom- und Gaspreise und Einkaufspreise sorgen aber dafür, dass auch wir unsere Preise anpassen müssen."

Toni Tänzer in Öhringen: Entscheidung für eine Transparente Preispolitik

Einen anderen Weg, mit der Situation umzugehen, wählte Toni Tänzer in Öhringen. Der Chef des gleichnamigen Street-Food-Unternehmens, das seit 2020 auch Sitzplätze bereitstellt, hat sich für eine transparente Preispolitik entschieden. "Wir mussten die Preise natürlich angleichen", erzählt Tänzer. Also hat er sich entschieden, seine Gäste zu informieren. "Ich wollte klarstellen, dass nicht wir uns an den Gästen bereichern, sondern der Staat", wird Tänzer deutlich. So entstand eine einzigartige Speisekarte, die bei allen Gerichten die Preise für die unterschiedliche Besteuerung aufruft. Für eines der Burger-Menüs zum Mitnehmen bezahlen seine Gäste 13,50 Euro. Diejenigen, die vor Ort essen wollen, 15,01 Euro. Die Resonanz sei gut. "Erstaunlicherweise essen trotzdem rund zwei Drittel der Gäste vor Ort", damit hätte er nicht gerechnet, "die Leute fühlen sich mitgenommen", vermutet er .

Marijas Schlosspark Café in Bad Friedrichshall hat weniger und sparsamere Gäste

Das Stück Schwarzwälder Kirschtorte für vier statt 3,80 Euro, der große Cappuccino für 4,90 statt 4,60 Euro: Auch Marijas Schlosspark Café in Bad Friedrichshall hat die Preise angehoben. Im Schnitt um sechs bis sieben Prozent, wie Inhaberin Mara Ilic-Kinzel vorrechnet. "Ich kann die Preise aber nicht so hoch ansetzen, wie ich es eigentlich müsste. Die Kunden wären nicht bereit, das zu zahlen", erklärt die gelernte Restaurantfachfrau, die auch die Öffnungszeiten ihres Cafés verkürzt hat. Nicht nur kämen mittlerweile weniger Gäste, auch seien diese sparsamer, beobachtet Ilic-Kinzel. "Die klassische Kaffee- und Kuchen-Gesellschaft stirbt aus", stellt die 48-Jährige fest.

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