Drei Jahre nach dem ersten Corona-Fall in der Region: Als eine Inzidenz von 50 das halbe Leben lahmlegte
Wie das Coronavirus vor drei Jahren den Alltag schlagartig veränderte: Gerade der Hohenlohekreis stand in der Pandemie häufig im Fokus, war mal landesweiter Hotspot, mal Klassenbester.

Am 28. Februar 2020, heute genau vor drei Jahren, wurde im Landkreis Heilbronn ein Corona-Fall offiziell bestätigt. Es war der erste in der Region. Über Jahre bestimmte das Virus den Alltag, mehr als 1000 Menschen in Stadt und Landkreis Heilbronn sowie im Hohenlohekreis sind an oder mit dem Virus gestorben.
In Hohenlohe
Es war fast schon gespenstisch im Frühjahr 2020: Die Feuerwehr fährt durch Hohenloher Ortschaften. Durchsagen mahnen die Bürger, zu Hause zu bleiben. Der Hohenloher Landrat und zwei Bürgermeister erklären der Bevölkerung in einem Internet-Video, was man tun darf, was nicht. Auf einem menschenleeren Marktplatz treffen Landrat und Polizeipräsident - mit viel Abstand - auf Pressevertreter, um die Notwendigkeit der Ausgangssperre zu erklären. Ganze Berufssparten bekommen plötzlich Berufsverbote.
Zehntausende Infizierte folgen
Auch heute noch sind es Szenen, die Beklemmung auslösen. Auslöser waren die ersten Corona-Fälle in der Region. Am 28. Februar im Landkreis Heilbronn. Am 5. März meldet das Hohenloher Gesundheitsamt den ersten offiziell registrierten Corona-Fall, Noch ahnt keiner, dass Zehntausende folgen sollen.
Einen Vorgeschmack auf die rasante Ausbreitung des Virus gibt Anfang März das Kirchenkonzert in Kupferzell-Eschental. Einige Teilnehmer hatten von Ischgl das Virus mitgebracht. Kupferzell und Pfedelbach werden die Orte mit den meisten Corona-Fällen, der Hohenlohekreis zum überregional bekannten Hotspot. Zehn Wochen nach dem Kirchenkonzert findet auf dem Friedhof in Kupferzell-Eschental ein Trauergottesdienst statt. Rund 70 Menschen sitzen im Freien inmitten frischer Gräber von Corona-Opfern. Das hat etwas von Endzeit-Stimmung.
Hohenlohe ist oft vorne dabei
Hohenlohe ist nicht nur mit Blick auf die ersten Fallzahlen vorne dabei. Mit der Bestellung einer Impfbeauftragten, die bei den Testungen und bei den Impfungen Tempo macht, ist der Kreis Vorreiter. Das schützt nicht vor einem Auf und Ab der Fallzahlen: Es geht hoch und runter - mit den Konsequenzen für Bürger und Gewerbetreibende.
Mitte Januar 2021 etwa hatte der einstige Hotspot-Kreis landesweit in Relation zur Einwohnerzahl die geringste Fall-Häufigkeit - und nur rund zwei Wochen später, als unter anderem ein Cluster-Ausbruch beim Würth-Konzern in Gaisbach die Zahlen in die Höhe trieb, plötzlich wieder die höchste Inzidenz in ganz Baden-Württemberg. Mitursächlich dafür waren neben den Infektionen auch statistische Gründe: In kleinen Kreisen fallen die Schwankungen bei den Infektionszahlen statistisch besonders stark ins Gewicht.
Gesundheitsamt wird aufgestockt
Die Fallermittlungen sind aufwendig. Schon wenige Tage nach den ersten Ausbrüchen war das von den 20 Mitarbeitenden des Hohenloher Gesundheitsamtes nicht zu bewältigen. Bis zu 200 Mitarbeiter aus anderen Ämtern wurden zur Unterstützung zusammengeführt. Aktuell hat das Gesundheitsamt 44 Mitarbeiter.
Überregionale Aufmerksamkeit erregte der Hohenlohekreis auch durch die Corona-Studie des Robert-Koch-Instituts: Mehrfach wurden Hunderte Kupferzeller zur Blutprobe gebeten. Nachdem die ersten Daten - im August 2020 veröffentlicht - mit dem Nachweis einer hohen Dunkelziffer noch wertvolle Erkenntnisse für die alltägliche Pandemie-Praxis brachten, dauerte die Auswertung der zwei Folgestudien zu lang: Als die Ergebnisse im Sommer 2022 endlich veröffentlicht wurden, hatten die Daten nur noch dokumentarischen Wert. Eine Auswertung der Teile zwei und drei speziell für Kupferzell wurde offensichtlich gar nicht mehr angefertigt: Eine Nachfrage bei der Berliner Bundesbehörde bleibt unbeantwortet.
Erster Fall in Heilbronn nach Reise
Der erste Fall im Landkreis Heilbronn vom 28. Februar 2020 geht zurück auf einen jungen Mann, der sich bei einer Mailand-Reise angesteckt hatte. Die meisten fügen das Wort "Inzidenz" neu ihrem Wortschatz hinzu, über Jahre ist sie das Maß aller Dinge, ist ausschlaggebend für Lockdowns, Schulschließungen, Ausgehverbote. "Das waren Einzelfälle, noch nicht dieses Massengeschäft", erinnert sich Peter Liebert an das Frühjahr 2020. "Dramatisch fand ich in der ersten Phase, dass es an Schutzmaterial gefehlt hat."
Labore kommen an Grenzen
Schnell stoßen die Ämter bei der Kontaktnachverfolgung an die Grenzen. Labormeldungen kommen noch per Fax. "Das lag aber nicht an den Gesundheitsämtern", verweist Liebert auf bundesweit gültige Datenschutzbestimmungen. Heute gibt es Demis, das elektronische Meldesystem für Infektionskrankheiten. "Wir haben EDV-technisch aufgerüstet", sagt Liebert. Auch das Personal im Heilbronner Gesundheitsamt wird um die Hälfte aufgestockt. "Wir sind sehr viel besser vorbereitet." Zu 100 Prozent könne man eine Pandemie aber nicht theoretisch simulieren, es blieben immer Unwägbarkeiten wie die Infektionswege, die es nachzuzeichnen gilt.
"Die Geschwindigkeit der Prozesse ist entscheidend", sagt Liebert. Er lobt die Zusammenarbeit mit den Ärzten und sieht die Impfkampagne als großen Erfolg. "Zu Beginn musste es die Kreisimpfzentren geben." Andere Stellen wären mit der Menge der Impfungen überfordert gewesen. Später tourt der Impfbus durch Heilbronn, "ein niederschwelligeres Angebot", so Liebert. Und ein Schlüssel zum Impferfolg. Im Januar 2021 starten die Kreisimpfzentren. Horkheim und in Hohenlohe Öhringen gehen an den Start. "Ein Ort der Hoffnung", sagt der Heilbronner Oberbürgermeister Harry Mergel damals.
Dreiviertel der Bevölkerung in Baden-Württemberg immunisiert
Heute sind laut Gesundheitsministerium drei Viertel der Bevölkerung in Baden-Württemberg grundimmunisiert, bundesweit werden 192 Millionen Impfdosen verabreicht. Erst bilden sich Schlangen vor den Impfzentren, dann werden die Angebote immer niederschwelliger, um die Menschen überhaupt noch zu erreichen. Die Impfstützpunkte sind - wie vom Gesundheitsministerium vorgegeben - bis 31. März im Standby.
Die Bedeutung von Corona-Tests ist gesunken. Viele Teststationen haben geschlossen. Auch in der Region kam es zu Betrugsfällen bei der Abrechnung. Erste Täter wurden von Gerichten in Öhringen und Heilbronn verurteilt.
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