Hospizarbeiter aus Bad Friedrichshall und ein Bestatter aus Gundelsheim sprechen über die Trauer
Trauerarbeiter aus dem nördlichen Landkreis Heilbronn erzählen von ihrer Hospizarbeit und stellen sich einem außergewöhnlichen Projekt für Sterneneltern.

Das erste Jahr nach dem Verlust eines Angehörigen sei das Überlebensjahr, sagt Heidi Nowak. "Man muss zusehen, dass man selbst überlebt. Es gibt Höhen, Tiefen und Sackgassen auf dem Weg, den man für sich als Trauernder erst noch finden muss." Die Trauer sei dabei wie eine zugelaufene Katze: "Sie begleitet einen die ganze Zeit. Manchmal bemerkt man sie nicht. Dann kommt sie angeschlichen und legt sich bei einem auf den Schoß. Es ist besser, sie zu streicheln und mit ihr zu leben. Irgendwann gehört sie dann dazu, wie alles andere auch." In diesem ersten Jahr geht es darum, selbst im Leben wieder Fuß zu fassen. Aber auch einen Raum zu finden, in dem die Trauer gelebt werden kann. Der Hospizdienst Bad Friedrichshall bietet so einen Raum.
Das gehört zu den Aufgaben einer Trauerbegleiterin
Heidi Nowak ist Sterbe- und Trauerbegleiterin. Sie hat sich aus der Trauer herausgekämpft und steht denjenigen zur Seite, die den letzten Weg nicht alleine gehen wollen oder zurückgelassen wurden. Jedes Schicksal sei einzigartig, die Menschen individuell. Doch den Umgang mit Trauernden verfolgt Nowak nach resoluten Grundregeln: "Zunächst versammle ich alle an einem Tisch. Dann sehe ich mir den Sterbenden an. Oftmals sind die Angehörigen überfordert, dann etwa, wenn der Arzt von einem halben Jahr spricht, aber damit eine Woche meint."
Der letzte Wille, der Sterbeprozess, die Beerdigung oder auch das Testament: In vielen Familien sei nichts geregelt. Die Angehörigen sind ihrer Trauer hilflos ausgeliefert und verdrängen den Gedanken, sich von dem Sterbenden zu verabschieden oder ihn nach seinen Wünschen zu fragen. Dann übernimmt Nowak mit ihrem Team. Die ehrenamtliche Trauerbegleiterin prüft nach: Was fehlt im Haushalt? Gibt es ein Pflegebett? Wie verläuft die Kommunikation untereinander?
Nowak hat den Hospizdienst nach dem Tod ihrer Tochter gegründet. "Sie verstarb 1994 an Leukämie - zwei Tage vor ihrem elften Geburtstag. Ich hatte sie noch gefragt, was ich an ihrem Geburtstag kochen soll, doch sie wollte mir keine Antwort geben..." Nowak hält inne: "Ich denke, sie wusste, warum."
Chiara Gili erfährt in der 27. Schwangerschaftswoche, dass ihr ungeborenes Kind nicht lebend zur Welt kommen wird. Zehn Wochen bleiben ihr, um sich von ihrem Kind zu verabschieden. "Meine Geschichte ist anders als die vieler Frauen", sagt Gili. "Mir blieb die Zeit zum Abschied." Heute hilft sie anderen Sterneneltern beim Hospizdienst. Vielen Eltern bleiben nur wenige Momente mit ihrem Kind.
Eltern geraten ins Zweifeln wenn der Abschied so plötzlich naht
Vor einem geschlossenen Sarg oder einer Urne zu stehen, bringt bei Hinterbliebenen oftmals ein Gedankenkino in Gang. "Die Eltern kommen ins Grübeln und fragen sich: Ist da wirklich mein Kind drin?" Bestatter Andreas Guhl findet klare Worte, wenn es um das Thema Abschiednehmen geht. Seit kurzem ist er im Team von Heidi Nowak und Melanie Bolch. Zu dritt haben sie ein Projekt in der Hospizarbeit gestartet, das Eltern von Sternenkindern einen würdigen Abschied zu Hause ermöglicht. "Auch Sterneneltern haben ein Recht auf Trauer", sagt Melanie Bolch. "Egal, in welcher Woche sie ihr Kind verloren haben. Und zum Trauern bedarf es Zeit. Deshalb bieten wir den Eltern die Möglichkeit, das Kind zu Hause 36 Stunden lang aufzubahren." Bestatter Guhl übernimmt die Überführung und die Organisation der Verabschiedung ehrenamtlich. Ob das Angebot künftig von Sterneneltern angenommen wird, wird sich noch zeigen.
Melanie Bolch hat eine Ausbildung zur Sterbe- und Trauerbegleitung neben ihrem Hauptjob als Fußpflegerin absolviert. Die Aufarbeitung der Trauer, alles, was danach bewältigt werden muss, sei wichtig. Sie selbst konnte sich von ihrem Vater nicht mehr verabschieden, sagt sie. "Hätte ich gewusst, dass es eine Sterbebegleitung zu Hause gibt, hätte ich das in Anspruch genommen. Heute ist es meine Aufgabe."




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