Mehr Einsätze für spezialisierte Sterbebegleiter in der Region Heilbronn
Die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) verzeichnet einen enormen Patientenzuwachs. Es ist ein weiterer Ausbau des Angebots geplant.

Wenn ein schwerkranker Mensch am Ende seines Lebens steht, ist nicht nur seelischer Beistand gefragt. Auch Medikamente und Behandlungen, die den Schmerz und die Angst lindern, sind wichtig, um einen würdevollen Tod zu ermöglichen. Dafür gibt es die Palliativmedizin. In besonders herausfordernden Fällen unterstützt im häuslichen Umfeld seit 2014 auch die Spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SPAV).
Die Pflegekräfte und Ärzte agieren vom Sitz in Weinsberg aus in der Stadt und im Landkreis Heilbronn sowie im hohenloher Randgebiet. War das Angebot anfangs noch wenig bekannt, hat die Patientenzahl inzwischen stark zugenommen. "Vor über zwei Jahren wurden durchschnittlich 25 Patienten am Tag versorgt. Nun sind es 100", sagt Andreas Haupt, betriebswirtschaftlicher Koordinator der SAPV.
Die Arbeit der SAPV habe sich erst bei niedergelassenen Ärzten, in Pflegeheimen und generell in der Bevölkerung herumsprechen müssen. Der ambulante Dienst werde hinzugezogen, wenn die Symptomlage besonders herausfordernd sei und die Dienste der allgemeinen ambulanten Palliativversorgung nicht mehr ausreichen, erläutert Andreas Haupt.
13 Pflegekräfte und fünf Ärzte mit spezieller Ausbildung kümmern sich um die Patienten
"Wir haben eine enorme Weiterentwicklung gemacht", fasst er zusammen. So stieg nicht nur die Patienten-, sondern auch die Mitarbeiterzahl. Bei der Gründung hatte die SAPV 4,5 Stellen, heute sind es zehn, berichtet Haupt. Das entspreche 13 Pflegekräften und medizinischen Fachangestellten sowie fünf Ärzten. Damit sei der Bedarf im Moment gut gedeckt, der Mitarbeiterstamm soll aber noch weiter ausgebaut werden.
Das Ziel ist, festangestellte Ärzte zu haben. Denn vier der fünf Ärzte arbeiteten derzeit hauptberuflich in Praxen und machten die Dienste in der SAPV zusätzlich. Sigmund Jakob ist der einzige, der sich als koordinierender Arzt nur um die Palliativversorgung kümmert. Er war auch bei der Gründung des Hospizes in Weinsberg 2003 maßgeblich beteiligt, woraus letztlich die SAPV entstand, berichtet der Arzt.
Personalprobleme gibt es bei der Palliativversorgung in Weinsberg nicht. Es meldeten sich regelmäßig Interessenten für die Stellen. Das sei nicht selbstverständlich, weiß Haupt. Die Tätigkeit sei aber für viele interessant, da sie fachlich eine Herausforderung darstelle. Ärzte und Pfleger bräuchten eine Zusatzausbildung. Auch wenn man täglich mit dem Tod konfrontiert ist, sei die Arbeit befriedigend. "Man ist dafür verantwortlich, einem Menschen einen würdevollen Tod in seinem Zuhause zu ermöglichen."
Pflegekraft Astrid Gummert berichtet aus der Praxis: "Man bekommt viel Erfüllung." Sie wisse, dass ihre Arbeit eine Bereicherung für alle sei, die mit dem Patienten zu tun haben. Damit alle, die Hilfe brauchen, einen Ansprechpartner erreichen, wurden die Bürozeiten verlängert. Auch am Wochenende gibt es bei der Weinsberger SAPV eine Bürobereitschaft, was in Baden-Württemberg einzigartig sei, sagt Haupt.
Wiederholte Einweisung ins Krankenhaus soll unbedingt vermieden werden
Eines der wichtigsten Ziele der SAPV ist, wiederholte Krankenhaus-Einweisungen zu vermeiden, damit die Patienten zu Hause bleiben können, betont Sigmund Jakob. Allein der Transport in eine Klinik schwäche die Schwerkranken enorm. Die Ärzte der Palliativversorgung könnten manche Eingriffe auch im häuslichen Umfeld machen. Damit das Personal von Pflegediensten und -heimen die Situation besser einschätzen können, bietet die SAPV seit kurzem Kurse an. Auch einen Qualitätszirkel für Pflegekräfte gibt es, der einen regelmäßigen Austausch ermöglicht. Ärzte können an Fallbesprechungen teilnehmen, um Kompetenzen weiterzuentwickeln - auch digital. Zudem hat die SAPV eine Kooperation mit der sogenannten Brückenpflege der SLK-Kliniken vereinbart. Die Brückenpflege ist die Schnittstelle zwischen Krankenhaus und der Entlassung nach Hause.
Zu den neuesten Entwicklungen gehört auch, dass eine Videovisite bei Patienten erprobt wird, berichtet Haupt. Der Arzt ist dabei über einen Bildschirm zugeschaltet, während die Pflegekraft vor Ort ist. Die Verantwortlichen der SAPV wollen herausfinden, ob das Vorteile zum reinen Telefonat bietet.
Gründung einer Ethikkommission gehört zu den Zielen der SAPV
Im Arbeitsalltag der Palliativpfleger und -ärzte kommt es vor, dass der Patient um Unterstützung bittet, sein Leben zu beenden. Der Fachbegriff dafür lautet assistierter Suizid. Dafür soll eine Art Ethikkommission entstehen, ähnlich wie im Krankenhaus, berichtet Andreas Haupt. Es gebe auch schon eine Konzeption. Sigmund Jakob berichtet, dass in der Palliativversorgung zunehmend auch spirituelle Aufgaben übernommen würden, da viele Menschen keinen Bezug mehr zur Kirche hätten. Nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2020 sei der selbstbestimmte Suizid auch kein Tabuthema mehr.
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