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"Ungewöhnliches Pilzjahr": Damit rechnet ein Experte in dieser Saison

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Die aktuelle Pilzsaison ist anders. Warum, erklärt der Sachverständige der Heilbronner Pilzfreunde. Worauf sich Sammler einstellen können. 


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Die diesjährige Pilzsaison ist nach Ansicht von Pilzkennern eine der ungewöhnlichsten überhaupt. Douglas Hackett, zweiter Vorsitzender der Pilzfreunde Heilbronn, schwankt in seiner ersten Einschätzung zwischen den Attributen „frustrierend“, „anormal“ und „überraschend“.

Der Grund: Während in diesen Tagen erfahrungsgemäß die Pilze nur so aus dem Boden sprießen müssten, finden die Sammler in den Wäldern kaum etwas. Dafür gab es Pilze so früh, wie fast noch nie: „Wir hatten im Juni sowohl den Sommer-Steinpilz, als auch den Herbst-Steinpilz“, so der Abstatter Sachverständige. Auch die Pfifferlinge sind in diesen Tagen bereits beinahe durch. „Vor acht Wochen gab es sehr viele davon.“ Wer genau hinguckt, kann doch noch welche entdecken. „Wir fanden jetzt gerade Stellen, die waren gelb“, so der 70-jährige Experte.

Ungewöhnliche Pilzsaison: Darum sollten Sammler genauer hinsehen

Pilze sind offenbar in diesem Jahr handverlesen, es lohnt sich aber, genauer hinzugucken. An essbaren Sorten gibt es laut Hackett aktuell neben Pfifferling den Schwarblauenden Röhrling und den Pfeffer-Röhrling, den man in geringer Dosis zum Würzen verwenden kann.

Pilzsachverständiger Douglas Hackett betrachtet hier einen Zottiger Schillerporling (Parasit) an einem Apfelbaum.
Pilzsachverständiger Douglas Hackett betrachtet hier einen Zottiger Schillerporling (Parasit) an einem Apfelbaum.  Foto: Berger, Mario

In den kommenden Tagen zu erwarten sei der Flockenstielige Hexenröhrling, den Hackett wegen seines festen Fruchtfleischs und des würzigen Wald-Aromas schätzt. Hackett und seine Kollegen setzen auf weitere maßvolle Regengüsse und auf Temperaturen zwischen zehn und 14 Grad. „Wer weiß, vielleicht erleben wir erstmals eine zweite Pilzsaison im Jahr.“

Start in die Pilz-Saison: Warum die Ernte selbst geschützter Arten unbedenklich ist 

Riesenboviste, die essbar sind, sind einige im Wald anzutreffen. Aktuell gebe es Schönfußröhrlinge und Gallenröhrlinge zu entdecken, beide seien aber nicht essbar. Manche Zeitgenossen zertreten die Riesenboviste, die die Größe von Fußbällen erreichen können. Schadet das den Pilzen? „Nein überhaupt nicht. Das setzt deren Sporen frei.“

Dann erteilt Hackett ein wenig Pilzkunde. Was man oberflächlich sieht, seien nur die Fruchtkörper. Der eigentliche Pilz besteht aus einem riesigen unterirdischen Geflecht. Aus diesem Grund sei es selbst bei manchen geschützten Arten erlaubt, die Fruchtkörper zum Eigenbedarf zu ernten.

Wie der Ingenieur zu einem gefragten Pilzexperten wurde

Douglas Hackett ist Pilzsachverständiger, Feld-Mykologe und Pilzcoach. „Das bedeutet, ich habe ein Zertifikat für kindgerechten Pilz-Unterricht“. Ob er sich schon mal selbst durch Pilze den Magen verdorben hat? „Nein, ich esse nur das, was ich hundert Prozent als essbar bestimmen kann.“

Zum Pilzkenner wurde Hackett erst im Vorfeld seines Ruhestands. Der Luft- und Raumfahrtingenieur, der bis 2017 bei Bosch in der Autoteileentwicklung engagiert war, überlegte sich, frühzeitig ein Hobby zu ergreifen, dass ihn nach dem Renteneintritt eine sinnvolle Beschäftigung sicherte. „Lerne etwas, worin Du so gut wirst, dass Du es lehren kannst“, habe ihm ein Freund geraten.

Pilzsaison: Von welchen Sorten Sammler die Finger lassen sollte

Hackett findet die wärmeliebenden Täublinge interessant. Die seien jedoch etwas für Kenner, denn es gibt zwei Varianten: Die mildschmeckenden sind bekömmlich, die scharfschmeckenden machen krank. Wie man sie unterscheidet? „Ein winziges Stück vom Hutrand nehmen, kauen aber nicht schlucken.“ Dann der Geschmackstest: „Nussig-mild ist gut, wenn es scharf wie Chilli schmeckt: Finger weg!“ Wenn man ein besonders scharfes Stück erwischt, sei der Tag gelaufen, so der erfahrene Pilzexperte.

Auch der Menthol-Täubling hat es in sich. Wie der Name schon sagt, schmeckt der Pilz intensiv nach Menthol. „So als ob Sie eine ganze Tube Zahnpaste essen würden.“ 30 Minuten bis zu sechs Stunden könne sich die Geschmacksprobe in der Mundhöhle bemerkbar machen. „Man fällt davon nicht tot um, aber genießbar ist der Mentholtäubling überhaupt nicht.“

Pilze ernten und Artenschutz: Passt das zusammen?

Was viele nicht wissen: Pfifferlinge sind genauso wie die ebenfalls beliebten Steinpilze geschützt. In der Bundesartenschutzverordnung sind entsprechende Pilzsorten aufgelistet. Die ebenfalls auf der Liste enthaltenen Arten Schweinsohr und Brätling seien eher im Schwarzwald oder auf der Schwäbischen Alb anzutreffen. Morchel habe es von April bis Mai auch hier in der Region gegeben.

Hackett relativiert den Begriff „Pilzsaison“. Es gebe grundsätzlich immer Pilze, selbst im Winter unter Schnee. ,Als Beispiel nennt der 70-Jährige die Austernseitlinge. Die Wildarten davon erkenne man an deren staubgrau bis bläulichen Färbung. Die Spezies benötigt einen Kälteschock, um sich oberirdisch zu zeigen: „Die kommen erst, wenn es zwei Tage lang unter zehn Grad war.“

Welche überraschenden Nutzungen bieten Pilze außerhalb der Küche?

Pilze bieten auch jenseits der Küche überraschende Nutzungsmöglichkeiten. Douglas Hackett kennt so manches Geheimnis. So ist der Zimtfarbene Weichporling zwar tödlich giftig. Er erzeugt jedoch einen edlen, violetten Farbton, der zu Purpur tendiert. „Das kann man sehr gut zum Wollefärben verwenden“, so der Pilzkenner.

Bei Ötzi, der legendären Gletschermumie, haben Wissenschaftler aufgefädelte Scheiben des Birkenporlings gefunden. „Den verwendet man gegen Magenverstimmungen, man kann aber auch ganz gutes Papier daraus machen“, so Hackett. Aus dem Schöpftintling, der sich ebenso wie der Birkenporling beispielsweise in den Löwensteiner Bergen finden lässt, könne man Schreibfarbe herstellen.

Warum manche Pilze als heimtückisch gelten 

Pilzkenner unterscheiden die nicht essbaren Pilze in drei Kategorien: Ungenießbar im Sinne von nicht schmackhaft oder unangenehm im Geschmack, giftig und tödlich giftig. „Giftig bedeutet, dass man es nach dem Verzehr mit Magen-Darm-Problemen zu tun hat, die bis zu drei Tage anhalten können“, erläutert Hackett. Dem gegenüber verursachen tödlich giftige Pilze oft irreversible Schäden. Sie greifen Organe, wie Niere oder Leber an und können bis zum Tod führen.


Dazu zählt der Grüne Knollenblätterpilz. Dieser sehe dem verzehrfähigen Champignon nicht unähnlich und sei daher besonders heimtückisch. Auch der Spitzgebuckelte Raukopf, der „harmlos“ in Erscheinung trete, sei heimtückisch. Diese Wort verwendet Hackett auch deshalb, weil sich Symptome oft erst nach Wochen einstellen, dann aber mit fatalen Folgen: „Leber und Nieren lösen sich auf.“

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