„Im Moment ist es heftig“, sagt Tobias Neuwirth. Diverse Infekte plagen Erwachsene und Kinder. In der Erwachsenenmedizin gibt es für Infektpatienten bereits eine separate Praxis am Bahnhof. Die getrennten Behandlungsräume sollen die Gefahr einer Ansteckung beim Arzt senken, eine Lehre aus der Corona-Pandemie. Auch für Kinder haben Neuwirth und sein Team nun eine separate Infekt-Sprechstunde eingerichtet: Täglich von 14 bis 16 Uhr können Eltern mit akut kranken Kindern kommen, in dieser Zeit findet keine Regelsprechstunde statt. Infekte machten aktuell rund zwei Drittel der Konsultationen aus, schätzt Neuwirth. „Wir sind voll in der Erkältungswelle drin.“
Neue Praxis in Neckarsulm: Diese drei Ärztinnen kümmern sich um kleine Patienten
Es gibt zu wenige Kinderärzte in Deutschland. In Neckarsulm hat sich die Lage etwas entspannt. Im Januar ist eine Praxis am Bahnhof in Betrieb gegangen.
Die Sorge in Neckarsulm und der Region war riesig, nachdem im vergangenen Jahr bekannt geworden war, dass die Kinderarztpraxis in der 26.000-Einwohner-Stadt schließen würde. Denn die Versorgungslage insgesamt ist seit Jahren angespannt. Eltern, die mit ihrem Neugeborenen einen Kinderarzt suchen, müssen oft hart um Aufnahme in eine Praxis kämpfen.
An dieser Gesamtsituation wird sich so schnell nichts ändern, denn es gibt zu wenige Kinderärzte in Deutschland.
Neue Praxis in Neckarsulm: Kinderärzte gibt es in Deutschland zu wenige
In Neckarsulm ist seit Jahresbeginn etwas Entlastung da. Drei Kinderärztinnen praktizieren in einer neuen Praxis im Ärztehaus in Neckarsulm, die an die Hausarztpraxis von Dr. Tobias Neuwirth angegliedert ist. Insgesamt 22 Ärzte, inklusive der Weiterbildungsassistenten, kümmern sich damit laut Neuwirth am Standort um kleine und große Patienten.
„Unser oberstes Ziel ist es, Menschen zu helfen, wenn sie Probleme haben“, sagt Neuwirth. Darauf seien alle Strukturen ausgelegt. Die Kombination aus Haus- und Kinderarztpraxis sei ideal, denn es gebe eine ganze Reihe von Schnittmengen und eine gemeinsame Praxis-IT. Auch der Übergang von der Kinder- in die Erwachsenenmedizin sei so nahtlos möglich.
Neue Kinderarzt-Praxis in Neckarsulm: Große Praxen sind die Zukunft, sagt Tobias Neuwirth
Für Neuwirth liegt in solchen größeren Strukturen die Zukunft: „Wir arbeiten zusammen, helfen uns bei Problemen gegenseitig, lasten unsere Geräte optimal aus und wir haben immer geöffnet.“
Die drei Ärztinnen Dr. Elisabeth Feuerstein, Rima Nakkoul und Natalia Zadorozhna bieten täglich von 8 bis 13 Uhr eine Sprechstunden für geplante Termine an, also zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen. Zusätzlich gibt es aktuell eine Infektsprechstunde von 14 bis 16 Uhr.

Ärztin Elisabeth Feuerstein arbeitet auch an SLK-Kinderklinik
Elisabeth Feuerstein ist auch noch an der SLK-Kinderklinik beschäftigt. Sie habe den Sitz übernommen, „damit die Versorgung im Landkreis Heilbronn weiter sichergestellt werden kann“, sagt sie. Feuerstein fordert, es müssten dringend mehr Kapazitäten für die Ausbildung von Kinderärzten geschaffen werden. „Im Moment sind wir nicht in der Lage, alle Kinder adäquat zu versorgen, weil Ärzte fehlen.“
Ärztin Rima Nakkoul ist 2016 aus Syrien gekommen
Rima Nakkoul ist 2016 aus Syrien, wo sie als Kinderärztin gearbeitet hat, nach Deutschland gekommen. In fehlerfreiem Deutsch erzählt die Mutter zweier Kinder, sie habe erst die Sprache lernen müssen. Nun stehe sie kurz vor der Anerkennungsprüfung für ihre Facharzt-Qualifikation in Deutschland.
Die 37-Jährige sagt, die Arbeit mit Kindern mache ihr riesigen Spaß: „Sie sind ehrlich, neugierig und werden in der Regel schnell wieder gesund.“ Auch Nakkouls syrischer Mann arbeitet als Arzt – an der SLK-Lungenfachklinik in Löwenstein.
Ärztin Natalia Zadorozhna stammt aus Odessa in der Ukraine
Natalia Zadorozhna ist vor zwei Jahren aus der umkämpften ukrainischen Stadt Odessa nach Deutschland geflohen. Dort hatte sie rund 20 Jahre lang als Ärztin für Kinderheilkunde in einem Krankenhaus gearbeitet. „Hier in Deutschland habe ich meine Arbeit sehr vermisst.“
Also lernte sie unter Hochdruck Deutsch und steht nun ebenfalls kurz vor der Approbationsprüfung, wie die 44-Jährige erzählt. Die Arbeit in der Praxis mache ihr sehr viel Spaß, „das ist etwas anderes als im Krankenhaus, aber es gefällt mir. Es ist schön zu sehen, wie sich die Kinder entwickeln.“
Tobias Neuwirth sucht weitere Ärzte
Über persönliche Kontakte sei diese Lösung zustande gekommen, erzählt Neuwirth. Die Suche nach Kollegen zur Ergänzung des Teams läuft. „Wir könnten noch drei weitere Ärztinnen einstellen.“ Ein großes Glück sei es gewesen, dass sie das Praxisteam der vormaligen Neckarsulmer Kinderarztpraxis übernehmen konnten: „Sie kennen die Patienten und die Abläufe.“

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