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Auf der Götzenburg

Ausstellung in Jagsthausen: Wie ein Geist schwebt die eiserne Hand durch den Raum

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Die Ausstellung in der Götzenburg Jagsthausen macht die Lebensrealität der Bauernkriege mit einem Hologramm der eisernen Hand des Götz von Berlichingen und einem Computerspiel begreifbar.

Im Verlies der Götzenburg wirkt es so, als würde die eiserne Hand des Götz von Berlichingen in digitalisierter Form im Raum schweben.
Im Verlies der Götzenburg wirkt es so, als würde die eiserne Hand des Götz von Berlichingen in digitalisierter Form im Raum schweben.  Foto: Berger, Mario

Wie kommt man heute nur durch den Tag? Auf legalem Wege, indem man Körbe flechtet, die man dann auf dem Markt verkauft? Oder geht’s zum Wildern in den Wald und auf dem Rückweg in die Kneipe, wo man den Trunkenbolden ein paar Goldmünzen stibitzt? Im Computerspiel „Vindex – Das Schicksal von Fehrsangen“ schlüpft der Spieler in die Rolle der jungen Frau Agnes. Diese lebt vor 500 Jahren, in der frühen Neuzeit, in ärmlichen Verhältnissen.

Ziel der Simulation ist es, eine Woche zu überleben – indem Agnes genug isst, genug schläft und sich im Krankheitsfall medizinisch versorgt. Doch Obacht: Rutscht Agnes ins kriminelle Milieu ab, droht das Exil oder gar der Galgen – und das Spiel ist vorbei.

Jagsthausen: Ausstellung über Lebenszeit des Götz von Berlichingen

„Vindex“ ist der aufwendigste Teil einer neuen Ausstellung in der Götzenburg Jagsthausen zur Lebenswelt der Menschen während der Bauernkriege. Konzipiert hat diese eine elfköpfige Gruppe von Geschichtsstudenten des Historischen Seminar der Uni Heidelberg. Einer davon ist Masterstudent Mika Rück.

Der 26-Jährige aus Öhringen berichtet: „Die Bauernkriege fanden vor genau 500 Jahren statt. Und weil auch Götz von Berlichingen während dieser Auseinandersetzungen eine Rolle gespielt hatte, gab es Kontakt zwischen der Familie von Berlichingen und der Historikerin Dr. Felicitas Fischer von Weikersthal. Diese arbeitet an unserem Institut und ist mit der Familie von Berlichingen befreundet.“

Gemeinsam mit den Nachfahren des Götz von Berlichingen haben die Studenten Konzepte erarbeitet, die damalige Zeit anschaulich zu machen. Ansprechend gestaltete Plakate stellen die Realitäten von Bauern, Adligen und Geistlichen dar. Die gelungenen Figurenmalereien stammen von Student Max Kühborth. Sein Stil findet sich auch in der Grafik des Computerspiels wieder.

Ausstellung in der Götzenburg: PC-Spiel wie ein historisches „Die Sims“

Mika Röck war für die Programmierung von „Vindex“ verantwortlich. „Der Titel ist ein vielseitiger Begriff und bedeutet sowohl Richter als auch Urteil und Bürge. So deckt er mehrere Ebenen unseres Spiels ab, das man sich ein bisschen wie die Lebenssimulation ’Die Sims’ in historischem Kontext vorstellen kann.“ Die Zusammenarbeit mit der Familie von Berlichingen habe sich sehr angenehm gestaltet. „Es war toll, dass wir unsere Ideen beim Gestalten der Ausstellung einbringen konnten und die Familie die Vorschläge offen angenommen hat.“

Auf einem Touchscreen im Ausstellungsraum im Marstall der Götzenburg kann man das Leben der fiktiven, historischen Figur Agnes nachspielen. Diese gibt auch als Aufsteller den Besuchern die Richtung vor.
Auf einem Touchscreen im Ausstellungsraum im Marstall der Götzenburg kann man das Leben der fiktiven, historischen Figur Agnes nachspielen. Diese gibt auch als Aufsteller den Besuchern die Richtung vor.  Foto: Berger, Mario

Die Ausstellung im Marstall der Götzenburg in Jagsthausen bietet für junge Besucher zudem die Möglichkeit, mit Stiften und auf Grundlagen vorheriger historischer Infos eigene Wappen zu entwerfen. „Die Studentengruppe hat es toll umgesetzt, mit modernen Vermittlungstechniken Themen wie persönliche Rechte und Freiheit darzustellen. Das lädt dazu ein, über diese Begriffe auch im heutigen Kontext nachzudenken“, sagt Birgit Baronin von Berlichingen.

Eiserne Hand des Götz von Berlichingen schwebt digital im Raum

Die Geschäftsführerin der Burgfestspiele ist selbst Historikerin. Ihr liegt auch der zweite Teil der neuen Ausstellung im Verlies der Burg am Herzen: Dort können die Besucher im Rahmen eines Films eine digitalisierte Version der eisernen Hand des Götz von Berlichingen genau betrachten. Bei atmosphärischer mittelalterlicher Musik sieht es vor dunklem Hintergrund so aus, als schwebe die Prothese im Raum. 

Mit modernen, hochauflösenden Kameras, 3D-Scannern, einem Endoskop und Computertomographie hat ein Team von Historikern die exakte Beschaffenheit der Eisenhand erfasst. Der Radiologe Dr. Roman Sokiranski hat dann das digitale Abbild erstellt. Weitere Filme sowie die Darstellung eines Originaltexts des historischen Götz von Berlichingen ermöglichen es, noch tiefer ins Thema der eisernen Hand einzutauchen, die unter Fachleuten als „Meisterwerk der Feinmechanik“ gilt. Baronin von Berlichingen: „Erst vor Kurzem hatten wir eine Gruppe Orthopäden bei uns zu Gast. Auch die Fachleute waren vom Hologramm absolut begeistert.“

Jubiläen

2025 jähren sich nicht nur die Bauernkriege zum 500. Mal, sondern auch die Burgfestspiele Jagsthausen feiern ihre 75. Spielzeit. Interessierte erfahren mit dem Besuch der Ausstellung spannende Hintergründe über Götz von Berlichingen und dessen Lebensrealität, die Johann Wolfgang von Goethe in seinem gleichnamigen Schauspiel literarisch verarbeitet hat. Die Ausstellung auf der Götzenburg ist während der Öffnungszeiten der Burgfestspiele sowie im Rahmen von Gemeindeführungen kostenlos besuchbar. Am Sonntag, 27. Juli, macht zudem das Theater- und Musikspektakel „Uffrur!“ des Landesmuseums Württemberg in Jagsthausen Station, das ebenfalls das Thema „500 Jahre Bauernkrieg“ ins Zentrum rückt.

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