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Projekt in Jagsthausen

Hologramm-Hand: Eiserne Prothese des Götz von Berlichingen erwacht zum Leben

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Digitales Vorgehen macht die Prothese des Reichsritters aus Jagsthausen ganz neu erforsch- und wahrnehmbar. Ab Sommer gibt es eine neue Ausstellung im Schlossmuseum.

Die eiserne Hand des Götz von Berlichingen ist rund 500 Jahre alt. Moderne Untersuchungen machen die mechanischen Informationen langfristig digital verfügbar.
Die eiserne Hand des Götz von Berlichingen ist rund 500 Jahre alt. Moderne Untersuchungen machen die mechanischen Informationen langfristig digital verfügbar.  Foto: Seidel, Ralf

Langsam führt der Blick ins Innere der digitalen Prothesen-Nachbildung. Und offenbart, was den Augen sonst verborgen bleibt, wenn die eiserne Hand in der Vitrine des Schlossmuseums Jagsthausen hinter Glas nur von außen betrachtbar ist: die mechanischen Details, die Federn und Schrauben, die an ein Uhrwerk erinnern und die dem Träger, trotz seiner Beeinträchtigung, mit fünf beweglichen Fingern einfache Handgriffe ermöglicht haben.

Im Jahr 1504 hat der damals 24-jährige Götz von Berlichingen seine rechte Hand im Landshuter Erbfolgekrieg verloren. Eine Kanonenkugel schlug auf seinen Schwertknauf ein, ließ diesen zersplittern. Die Bruchstücke drangen in die Hand ein und trennten diese – ungefähr auf Knöchelhöhe –  vom Arm ab. „Götz hat überlebt, weil ihm die Hand in der Rüstung abgeschossen wurde. Die Panzerung hat verhindert, dass er verblutet ist“, sagt Birgit Baronin von Berlichingen. 

Götz von Berlichingen: Digitale Version der eisernen Hand in Arbeit

2025 jährt sich nicht nur der Bauernkrieg in Heilbronn-Franken zum 500. Mal. Das Freilichttheater in der Götzenburg feiert seine 75. Spielzeit. Für die studierte Historikerin Baronin von Berlichingen ein doppelter Anlass, den Fokus dieses Jahr besonders auf den Reichsritter zu lenken, dem Johann Wolfgang von Goethe 1773 in seinem Schauspiel ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Und zwar in Verbindung mit modernster Technik. Von Berlichingen erklärt: „In Zusammenarbeit mit dem Historischen Seminar, dem Heidelberg Zentrum Kulturelles Erbe (HCCH) wird derzeit eine digitale Version der eisernen Hand angefertigt.“

Unter der Leitung des Historikers Dr. Kilian Schultes haben sich rund ein Dutzend Studenten damit befasst, wie man Götz von Berlichingen und die rund 500 Jahre alte Eisenhand dem Publikum zeitgemäß zugänglich machen kann und welche Kommunikationswege sich bei der Wissensvermittlung eignen. Kernstück dabei: Mit einem 3D-Scanner, Kameras, einem Endoskop und Computertomographie hat ein Team um den Archäologen Dr. Roland Prien vom HCCH die Eisenprothese millimetergenau innen und außen erfasst. Verantwortlich für die digitale Version der Hand ist Privatdozent und Radiologe Dr. Roman Sokiranski. 

Digitalisierung und Hologramme: Neue Möglichkeiten für die Wissenschaft

„Die glänzende Oberfläche hat uns vor Herausforderungen gestellt“, sagt Dr. Roland Prien. Bei der genauen Vermessung der Hand haben die Historiker Schäden entdeckt, die vermutlich bei der Prothesen-Untersuchung des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch entstanden sind. Zudem wurden Schriftzeichen und schädliche Fettablagerungen im Innern entdeckt, die es näher zu untersuchen gilt. Baronin von Berlichingen: „Die Untersuchung war der Wahnsinn. In der CT-Betrachtung sah die Hand aus wie ein Skelett.“

Erinnert in der Mechanik an ein Uhrwerk: die Eisenprothese.
Erinnert in der Mechanik an ein Uhrwerk: die Eisenprothese.  Foto: Seidel, Ralf

Priens Team ist nun dabei, eine digitale Version der Hand anzufertigen, die ab Sommer 2025 im Rahmen einer neuen Ausstellung als Hologramm auf der Götzenburg in Jagsthausen zu betrachten sein wird. „In unserem Verlies wird die Digital-Hand im Raum schweben“, erklärt Baronin von Berlichingen. Ob die Besucher dann selbst zoomen und die Betrachtung steuern können oder ob man einen fertigen Film sieht, der die Details offenbart, steht noch nicht fest. Langfristig soll die 3D-Hologramm-Hand online über die Internetseite der Heidelberger Uni-Bibliothek zugänglich sein. Damit gelinge es, Strukturen und Wissen zu bewahren, das ansonsten dem zeitlichen Verfall ausgeliefert wäre. Prien: „So kann man Schäden präventiv erkennen und weltweit gleichzeitig dasselbe Projekt untersuchen. Das eröffnet der Archäologie neue Möglichkeiten.“

Eiserne Hand des Götz von Berlichingen gilt als „Meisterwerk der Schmiedekunst“ 

Wer die Prothese gefertigt hat, ist unbekannt. Klar ist aber, wie Götz sie bis zu seinem Tod 1562 bedient hat. Baronin von Berlichingen: „Die äußeren Knöpfe hat Götz mit seiner gesunden linken Hand bedient. So konnte er die Finger fixieren. Mit der Zeit war der dabei wahrscheinlich so routiniert, wie wir heutzutage mit einer Gangschaltung im Auto.“ Gekämpft habe er mit dieser aufwendigen Hand aber nie. Von Berlichingen: „Diese trug er vor allem zu gesellschaftlichen Anlässen. Ein Schwert konnte er damit nicht halten, aber einen Bierkrug.“ Als „Meisterwerk der Schmiedekunst“ war die Hand ihrer Zeit im Spätmittelalter weit voraus. Noch im 20. Jahrhundert diente sie als Orientierung für den Bau von Hand- und Armprothesen.

Darüber hinaus hatte Götz noch eine weit weniger komplexe, eiserne Alltagshand. Diese ist ebenfalls erhalten und im Schlossmuseum ausgestellt. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Universität Heidelberg wird diese ebenfalls digital erfasst. Hergestellt hat sie vermutlich ein Dorfschmied aus Jagsthausen-Olnhausen.

Ausstellung im Schlossmuseum Jagsthausen

Im Zuge der 75. Spielzeit der Burgfestspiele Jagsthausen und dem 500. Jahrestag der Bauernkriege in Schwaben wird es ab Sommer 2025 eine dreigeteilte Ausstellung auf der Götzenburg in Jagsthausen geben, die die eiserne Hand ins Zentrum rückt: Im Marstall ist ein großes Gemälde der Hand ausgestellt, im Verlies das 3D-Hologramm sowie im Schatzkästchen-Raum die Original-Hand hinter Glas. Darüber hinaus ist das Bauernkriegs-Theater- und Musik-Spektakel „Uffrur!“ am Sonntag, 27. Juli, in Jagsthausen zu Gast. 

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