Heilbronner DRK-Rettungsdienstleiter: „Einer von drei Rettungswagen rückt unnötig aus“
Das System der Notfallrettung ist in der Krise, Rettungsdienste rücken unter anderem zu häufig aus. Wie eine Reform aussehen könnte.
Mindestens 30 Prozent unnötige Alarmierungen und viel zu viele Leitstellen: Der deutsche Rettungsdienst fährt gegen die Wand, sagt Christof Chwojka, Geschäftsführer der Björn-Steiger-Stiftung in Winnenden. Die Stiftung hat deshalb vor dem Bundesverfassungsgericht Beschwerde gegen die Bundesrepublik Deutschland und das Land Baden-Württemberg eingereicht.
Diese hat zwei Kernpunkte: Zum einen komme der Bund seiner Aufgabe, die Notfallversorgung der Bürger sicherzustellen, nur unzureichend nach und stelle kein durchgängig funktionierendes, flächendeckendes Rettungsdienst-System mit bundesweit vergleichbaren Qualitätsstandards zur Verfügung, argumentiert die Stiftung.
Das Rettungsdienstgesetz des Landes verstoße zudem gegen das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Es enthalte fehlerhafte Vorgaben und zementiere veraltete Strukturen. Zuständigkeiten im Notfall seien nicht umfassend geklärt und entsprächen nicht internationalen Standards.
Reformen im Rettungsdienst nötig: Länder blockieren Neuausrichtung
„In den vergangenen 15 Jahren war so viel Geld im System, dass Probleme in die Zukunft verschoben wurden, statt Strukturverbesserungen anzugehen“, sagt Winfried Plötze, Landesgeschäftsführer der Krankenkasse Barmer. Er und seine Kasse setzen sich seit Jahren für Reformen im Rettungsdienst ein. „Wir müssen die Ineffizienzen bewältigen“, fordert er.

Der Rettungsdienst müsse bei der Neuausrichtung der medizinischen Versorgung unbedingt als drittes Glied neben ambulantem und stationärem Sektor betrachtet werden. „Aber die Länder blockieren, was den Rettungsdienst angeht. Sie wollen sich nicht ihre Zuständigkeiten wegnehmen lassen.“
In Deutschland gibt es etwa 250 Rettungsleitstellen
In Deutschland gibt es um die 250 Rettungsleitstellen. Sie arbeiten mit unterschiedlichen Systemen, die teils nicht kompatibel sind. Was es nicht gibt, sind einheitliche, bundesweite Standards für die Einteilung des Behandlungsbedarfs nach Dringlichkeit, die sogenannte Triage. „Wir werben seit Jahren dafür, dass der Bund die Rahmendaten einheitlich vorgibt, die Länder sollen das dann nach ihren Bedarfen ausgestalten können.“ Aber es tue sich einfach nichts, kritisiert der Krankenkassen-Chef.
Forderung nach weniger Leitstellen
Auch Markus Stahl, Rettungsdienstleiter des DRK Heilbronn, verspricht sich von größeren Einheiten und einheitlichen Standards deutliche Effizienzgewinne. „Damit wir die Notfallrettung auch für Notfälle freihalten und die Zahl unnötiger Alarmierungen reduzieren können.“ Aber seit Jahren gebe es in der Sache keine Bewegung, obwohl schon mehrere Regierungen Anläufe für die Reform des Rettungsdienstes unternommen hätten.
Winfried Plötze sagt, die Krankenkassen hätten schon vor Jahren darüber diskutiert, dass „maximal sechs bis sieben Leitstellen im Land mit einer Zentrale“ ausreichen, bisher sind es 34.
Alarm wegen Bagatellerkrankungen: Bessere Patientensteuerung nötig
Von Strafgebühren wegen unnötiger Alarmierungen halten beide nichts. Plötze drängt aber darauf, sicherzustellen, dass Patienten mit leichten Beschwerden über die Telefonnummer 116 117 schnelle Hilfe beim ärztlichen Bereitschaftsdienst bekommen, wenn sie selbst keinen Hausarzt haben oder keinen Termin bekommen. „Dass der Rettungsdienst wegen einer Bagatellerkrankung alarmiert wird, das darf nicht sein.“ Deutschland sei zwar Weltmeister, was die Zahl der Arzt-Patienten-Kontakte angeht, und das System sei im internationalen Vergleich sehr teuer: „Aber wir haben trotzdem nicht die gesündere Bevölkerung.“ Das anzugehen sei längst überfällig.
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