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Rettungsdienste rücken oft unnötig aus – Notarzt nennt erschreckend hohe Zahl

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Der Rettungsdienst rückt zu oft zu Bagatell-Fällen aus. Der Heilbronner DRK-Rettungsdienstleiter Markus Stahl schätzt die Zahl der unnötigen Einsätze auf mindestens ein Drittel, ein Notarzt nennt eine viel höhere Zahl.


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Hilfe nach dem Zufallsprinzip, Angst vor Innovationen und ein fatales Denken in Landkreisgrenzen: Im Interview mit dem Magazin der Krankenkasse Barmer geht Christof Chwojka, Geschäftsführer der Björn-Steiger-Stiftung, hart mit dem deutschen Rettungswesen ins Gericht. Das Kernproblem laut Chwojka: Der Rettungsdienst rücke zu oft unnötig aus und stehe dann in einem echten Notfall nicht mehr rechtzeitig zur Verfügung.

Die Leitstellen würden ihre Gatekeeper-Funktion nicht wahrnehmen, bemängelt er. „Sie haben dafür zu sorgen, dass die Anrufer das bekommen, was sie brauchen. Und nicht das, was sie gerne hätten. Aber das passiert nicht. Ob und wie den Anrufern geholfen wird, das bleibt in Deutschland weitgehend dem Zufall überlassen.“ 

Rettungsdienste rücken oft unnötig aus – Stiftung mit Verfassungsbeschwerde

Im Februar 2025 hat die Stiftung aus Winnenden deshalb Verfassungsbeschwerde gegen die Bundesregierung und stellvertretend für die Länder gegen Baden-Württemberg eingereicht. Kernvorwurf: Es werde zu wenig für die gleichwertige Versorgung unternommen. Wie schnell einem geholfen wird, das hängt derzeit auch vom jeweiligen Wohnort ab, denn die Länder setzen ihre Hilfsfristen eigenständig fest.

Wer den Rettungsdienst alarmiert, der bekommt in der Regel auch Hilfe vom Rettungsdienst. Doch Fachleute sagen, ein Großteil der Einsätze sei unnötig. Das bringt das System an seine Grenzen.
Wer den Rettungsdienst alarmiert, der bekommt in der Regel auch Hilfe vom Rettungsdienst. Doch Fachleute sagen, ein Großteil der Einsätze sei unnötig. Das bringt das System an seine Grenzen.  Foto: Bernd Weißbrod

„Die Hilfe nach dem Zufallsprinzip wird dadurch auf den Gipfel getrieben, dass jeder Rettungsdienstbereich machen darf, was er will.“ Chwojka drängt darauf, „sofort internationale Standards in der Notrufabfrage“ einzuführen. Nur so könne man den Patienten gezielt lenken. Außerdem solle die Zahl der Leitstellen deutlich auf maximal 16 sinken, um mehr Effizienz zu erreichen. Um die 250 gibt es derzeit in Deutschland, meist sind sie kommunal organisiert.   

Bagatelleinsätze beim Rettungsdienst: Notarzt spricht von „90 Prozent Mist“  

„Bagatelleinsätze sind eines der drängendsten Probleme im Rettungsdienst“, sagt Markus Stahl, Rettungsdienstleiter beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) Heilbronn.

Der Disponent in der Integrierten Leitstelle Heilbronn (ILS) habe nur in wenigen Fällen die Möglichkeit, kein Fahrzeug zum Anrufer zu schicken. „Grundsätzlich geht jedem alarmierten Fahrzeug ein Hilfeersuchen voraus. Aufgabe der ILS ist es, den Hilfeersuchen nachzukommen. Das kann im Einzelfall auch der Verweis auf eine andere behandelnde Stelle, zum Beispiel die Notfallpraxis oder der Hausarzt, sein. In aller Regel sind die Mitarbeiter der ILS aber daran gebunden, ein Fahrzeug zu entsenden, um die Situation des Patienten eindeutig zu verifizieren.“

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Stahl schätzt das Aufkommen an unnötigen Alarmierungen auf mindestens ein Drittel – ein Notarzt aus der Region, der anonym mit unserer Redaktion spricht, sagt, es liege viel höher „eher bei zwei Drittel“: „Die Entscheidungshoheit hat der Patient, und die meisten kennen die Stichwörter genau, um die Kavallerie zu bekommen. Vor Ort stellt sich das meiste dann als Nichtigkeit heraus. Das ist bis zu 90 Prozent Mist.“ 

Das DRK erfasst sogenannte Leerfahrten in seiner Statistik, also Fahrten, bei denen zwar ein Rettungswagen anrückt, aber dann ohne Patient wieder abfährt. Bei etwa 25.000 Einsätzen pro Halbjahr von 2024 bis 2025 registriert das DRK zwischen 8100 und 8500 Leerfahrten. Eine Leerfahrt kann mehrere Gründe haben: Dem Hilfesuchenden geht es nicht so schlecht, dass er ins Krankenhaus transportiert werden müsste, oder er wird mit einem anderen Hilfsmittel wie einem Helikopter transportiert, oder er verstirbt vor dem Transport. Deshalb ist die Aussagekraft, was unnötige Alarmierungen angeht, begrenzt.

Zumindest in einer Hinsicht habe sich etwas zum Positiven entwickelt, sagt Markus Stahl. Die Datenerfassung über die Stelle zur trägerübergreifenden Qualitätssicherung im Rettungsdienst Baden-Württemberg (SQR-BW) habe dazu geführt, dass sich manche Parameter schon verbessert hätten. Für den Bereich Heilbronn betreffe das zum Beispiel die „Abrückzeiten“, also die Zeit, die das Team braucht, um nach der Alarmierung die Leitstelle zu verlassen. „Da sind wir mit vorn dabei in Baden-Württemberg“, sagt Stahl.

Reform der Notfallrettung: Gesundheitsministerin ist gefragt

 Stahl sagt, der Rettungsdienst brauche dringend Reformen, „damit wir die Notfallrettung auch für Notfälle freihalten können“. Aber seit Jahren gebe es politisch kaum Bewegung. „Es wird über ein neues Leitstellengesetz gesprochen, aber es gibt kaum Fortschritte.“ Auch was die Triagierung betrifft, also das Priorisieren von medizinischen Problemen nach Dringlichkeit, hätten die Bundesländer weiter eigene Regelungen.

Stahl ist überzeugt: Mit größeren Leitstellen ließe sich deutlich effizienter und kostengünstiger arbeiten. Von der neuen CDU-Bundesgesundheitsministerin Nina Warken und der Landesregierung wünscht er sich dringend „eine Klärung, damit wir wenigstens wissen, in welche Richtung wir weiterarbeiten“. Christof Chwojka, sagt, wenn es gute, einheitlich arbeitende Leitstellen gäbe, „würde jeder Anrufer eine gute telefonische Gesundheitsberatung erhalten und in den richtigen Versorgungspfad gelotst. Und das muss nicht die Notaufnahme sein. Manchmal ist der Gang zur nächsten Apotheke völlig ausreichend“. 

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