Avatar statt Arzt: Start-up verspricht schnelle digitale Hilfe bei medizinischen Fragen
Der Mediziner Jörg Martin war Manager bei den RKH-Kliniken in Ludwigsburg. Jetzt nutzt er sein Wissen, um eine KI-basierte Anwendung für Erstdiagnosen auf den Weg zu bringen.
Bis vor einem Jahr war der Arzt Jörg Martin Geschäftsführer des RKH-Klinikverbunds in Ludwigsburg. Eines der großen Probleme dort, genauso wie am SLK-Klinikum am Gesundbrunnen in Heilbronn und nahezu jeder anderen Klinik in der Republik: Die Notaufnahmen quillen über mit Menschen, die dort nicht hingehören und das System mit Bagatellen verstopfen.
Die Gründe sind vielfältig: Immer mehr Menschen fehlt die nötige Gesundheitskompetenz, um ihr Problem selbst einzuschätzen. Sie bekommen keinen kurzfristigen Termin beim Haus- oder Facharzt, haben gar keinen Hausarzt oder sind mit dem komplexen mehrstufigen Gesundheitssystem in Deutschland überfordert.
Anwendung AIMaxCare: Medizinische Hilfe schnell und digital
Martin und einige Mitstreiter setzen an diesen Stellen an. Seit einigen Monaten arbeitet das Team an einer digitalen Gesundheitsanwendung, die auf dem Wissen von Large Language Modellen (LLM) wie ChatGPT basiert und zusätzlich auf medizinische Leitlinien zurückgreift. Die Idee: Hier sollen Menschen schnell und unkompliziert eine medizinische Ersteinschätzung für ihr jeweiliges Problem bekommen – in mehreren Sprachen und ohne dass sie dafür gut prompten müssen. So nennt man es, wenn man einer KI gezielt Fragen stellt, um möglichst präzise Antworten zu bekommen.

Die Anwendung AIMaxCare ist zunächst browserbasiert, wie mehrere Testvideos zeigen, und sie arbeitet mit einem Avatar, also einer digitalen Person, die gezielt Nachfragen stellt. So fragt der Avatar im Testvideo zu „Thrombosen“ zum Beispiel nach, wie lange der Schmerz im Bein schon anhält, welcher Art er ist und ob noch andere Symptome aufgetreten sind, wie Fieber, Schwellungen oder blaue Flecke. Der Anrufende wird am Ende aufgefordert, umgehend ärztliche Hilfe zu suchen oder die 112 anzurufen. „Es könnte sich um ein durchblutungsbedingte Erkrankung handeln, wie eine tiefe Venenthrombose. Bitte zögern Sie nicht, sofort medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen.“
Genau in diesen konkreten medizinischen Nachfragen sieht Martin den Vorteil der Anwendung: „Wir kennen das ja schon lange. Patienten fragen selbst Dr. Google nach bestimmten Symptomen und werden dann total verunsichert, weil dabei häufig die schlimmsten Verdachtsdiagnosen rauskommen.“ Deshalb soll AIMaxCare den Prozess umdrehen und gezielt nachfragen, wie das zum Beispiel auch ein guter Disponent in einer Leitstelle tun würde, um eine Erkrankung einzugrenzen, Triage nennt man das.

Arzt Jörg Martin: „Large Language Modelle werden Medizin komplett verändern“
Martin war schon in seiner RKH-Zeit dafür bekannt, auf innovative medizinische Lösungen zu setzen. Nun sagt er: „Wir werden durch KI eine neue Medizin bekommen. Das ist auch notwendig, denn sonst werden wir die Versorgung nicht mehr hinbekommen.“ Es sei den meisten Menschen noch nicht bewusst, „aber LLM werden die Medizin dermaßen beeinflussen, wir müssen komplett umdenken“. Ärzte und Pflegekräfte werden weiterhin gebraucht, ist Martin überzeugt. „Aber LLM helfen, von bürokratischen Aufgaben zu entlasten und die Situation zu entspannen, damit sie wieder mehr am Patienten arbeiten können.“
AIMaxCare: Früherer Helios-Chef de Meo hält die Mehrheit am Start-up
Die Idee für das Projekt gehe auf ein Zufallstreffen zurück, erzählt Martin. Er sei mit Francesco de Meo, dem früheren Chef der privaten Helios-Kliniken, beim Kaffee zusammengesessen. De Meo und seine Ehefrau haltendie Mehrheit an dem Start-up. Ex-McKinsey Berater und Pharmamanager Christian Weber ist für Finanzen und IT verantwortlich. Derzeit werde das System von mehreren Ärzten getestet, sagt Martin, der selbst Anästhesist und Notfallmediziner ist. Die Testphase soll bald beendet sein. „Wir wollen in den nächsten Wochen damit rauskommen.“
Martin nutzt KI auch selbst für medizinische Fragen, wie er zu Ende des Gesprächs mit unserer Redaktion sagt: „Ich habe eine 89-jährige Mutter. Wenn sie anruft und von diversen Zipperlein erzählt, habe ich meist eine Vermutung. Die KI nehme ich dann als Gesprächspartner und habe eigentlich ganz positive Erfahrungen gemacht. Aber man muss schon kritisch bleiben und gezielt nachfragen“, sagt auch Martin.
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