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SEK-Einsatz in Schwäbisch Hall: Polizei holt mutmaßlichen „Reichsbürger“ aus Haus

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Im Wohngebiet Reifenhof rücken am frühen Dienstagmorgen Polizisten an. Das Haus in Schwäbisch Hall wird von Ermittlern durchsucht, der Bewohner mitgenommen.

Von Thumilan Selvakumaran

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Sirenen leuchten auf. Ein gepanzertes Fahrzeug rollt in eine Nebenstraße am Reifenhof. Etliche Spezialkräfte der Polizei mit Schutzausrüstung samt Helm und Waffen umstellen das Gebäude. Eine Drohne mit Scheinwerfer schwirrt um das Reihenendhaus. Per Lautsprecher werden der Bewohner und seine erwachsene Tochter aufgefordert, das Gebäude zu verlassen.

SEK in Schwäbisch Hall: Kräfte nehmen mutmaßlichen „Reichsbürger“ mit

Ein paar Minuten später steht ein Mann mit Schlappen, kurzer Hose und T-Shirt an der Türschwelle, streckt bei tiefen Temperaturen rund um den Gefrierpunkt und völlig überrascht vom Einsatz im Schlafanzug die Arme nach oben. Die Einsatzkräfte fixieren ihn. So geschehen am frühen Dienstagmorgen, gegen 7 Uhr, in Schwäbisch Hall.

Eine Nachbarin berichtet, dass sie direkt vor dem Haus rund 30 Einsatzkräfte gesehen hat. „Sicherlich waren auf der Rückseite in der Straße noch viele weitere.“ Ihr Mann hatte kurz zuvor die Türe aufgemacht, um nach der Katze zu schauen und dann zu ihr gesagt: „Vielleicht habe ich Verfolgungswahn. Da drüben stehen drei Vermummte mit Helmen.“ Ein außergewöhnliches Bild in der ruhigen Wohnlage im Haller Westen. Es war das Spezialeinsatzkommando (SEK).

Polizei zu Einsatz in Schwäbisch Hall: „Durchsuchungsmaßnahmen in Zusammenhang mit Ermittlungen“

Polizeisprecher Holger Bienert vom Präsidium Aalen berichtet, dass das Spezialeinsatzkommando aus Göppingen beteiligt war, ebenso Kräfte vom dortigen Polizeipräsidium Einsatz. Es gehe um „Durchsuchungsmaßnahmen in Zusammenhang mit Ermittlungen“, sagt Bienert knapp, ohne konkreter zu werden. Weil es ein schwebendes Verfahren ist, könne er stand jetzt nicht mehr sagen.

Hier wird der Beschuldigte, mittlerweile in grauer Kapuzenjacke und Jeans, in das Einsatzfahrzeug gebracht und weggefahren. Abgeschirmt ist er von vermummten Beamten.
Hier wird der Beschuldigte, mittlerweile in grauer Kapuzenjacke und Jeans, in das Einsatzfahrzeug gebracht und weggefahren. Abgeschirmt ist er von vermummten Beamten.  Foto: Thumilan Selvakumaran

Beamte der Kriminalpolizei vom Präsidium Aalen durchsuchen kurz nach dem SEK-Einsatz zusammen mit Beamten der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit das Reihenendhaus, mehrere Fahrzeuge und die Garage. Der Beschuldigte ist zu dieser Zeit zusammen mit seiner Tochter wieder im Wohnhaus. Kurz vor 9 Uhr wird er aber vermummt, mit übergezogener Kapuze, in ein ziviles Einsatzfahrzeug der Polizei mit Waiblinger Kennzeichen verfrachtet, dann weggefahren. Polizeisprecher Bienert betont, dass es sich um keine Festnahme handelt.

Nach Polizeieinsatz in Schwäbisch Hall: Mann kommt wohl später am Tag wieder frei

Es gehe um das „Festhalten zur Durchführung der erforderlichen Maßnahmen“. Das sei nichts Ungewöhnliches, in Kombination mit dem SEK-Einsatz aber durchaus aufsehenerregend. Der Mann komme wohl später am Tag wieder frei. Der Einsatz habe dafür gedient, mögliche strafrechtliche Mittel zu finden, die Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens gegen den Haller sein könnten.

Das Aufgebot des SEK sorgte für Aufsehen in Schwäbisch Hall.
Das Aufgebot des SEK sorgte für Aufsehen in Schwäbisch Hall.  Foto: Thumilan Selvakumaran

SEK-Einsatz in Schwäbisch Hall war bereits vor Hetz-Video geplant

Klar ist, dass das Ermittlungsverfahren gegen den Haller gerichtet ist. Dieser hatte wenige Stunden vor dem Einsatz ein Video auf Social Media hochgeladen. Darin hetzt er gegen Migranten und deutsche Gerichte, meint, „Deutschland, unsere Heimat, ist Hohn und Spott ausgesetzt“, und sagt am Ende: „Wenn ihr Sehnsucht nach dieser Veränderung habt, dann lasst und beginnen. Noch diesen Monat. Für unsere Kinder. Für unsere Heimat. Für Deutschland. Deutschland, Deutschland, Deutschland.“

Der konzertierte Polizeieinsatz, so Bienert, war aber bereits davor geplant und habe nicht unmittelbar etwas mit dem Video zu tun.

Erinnerungen an Reichsbürger-Vorfall bei Bad Mergentheim

Bei dem Haller handelt es sich um einen Bekannten aus der Szene, der bereits in einem anderen spektakuläreren Fall eine Rolle spielte. Es geht um den Vorfall vom 20. April 2022. Das SEK wollte an diesem Morgen dem "Reichsbürger" Ingo K. in Boxberg-Bobstadt bei Bad Mergentheim einen Besuch abstatten, der Umsturzpläne hegte und schwere Waffen hortete.

Es ging bei dem Einsatz nicht um eine Festnahme sondern zum Finden strafrechtlicher Mittel.
Es ging bei dem Einsatz nicht um eine Festnahme sondern zum Finden strafrechtlicher Mittel.  Foto: Thumilan Selvakumaran

Als das Spezialeinsatzkommando versuchte, den Rollladen seiner Terrassentür zu öffnen, fielen Schüsse aus der Wohnung. Ein Beamter wurde verletzt. Das Oberlandesgericht Stuttgart ist überzeugt: Der Reichsbürger K. hat geschossen, um mehrere SEK-Beamte zu töten. Er wurde zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Eine anschließende Sicherungsverwahrung ist vorbehalten.

Kontakt zu verurteiltem „Reichsbürger“ – er rief auch in Heilbronn an

Ein Kriminalbeamter hatte im Prozess berichtet, dass Ingo K. während der Bluttat zwei Anrufe getätigt habe. Zum einen habe er den Notruf gewählt und im Polizeipräsidium Heilbronn „einen Verhandler“ verlangt. Der zweite Anruf ging nach Schwäbisch Hall, zu eben jenem Rechtsextremen, der am Dienstag im Schlafanzug aus dem Haus geholt wurde. Der Kriminalbeamte schilderte damals, das Telefonat habe mehr als eine Minute gedauert. Der Angeklagte habe den Haller Kumpel gebeten, er solle zum Tatort nach Bobstadt fahren und das Geschehen dokumentieren.

Mann soll bereits in der Vergangenheit Stimmung gegen Asylsuchende in Öhringen gemacht haben

Zwischen den beiden besteht nach Recherchen der Südwestpresse bereits seit Jahren Kontakt. Ab 2015, als die rechtsextreme Gruppierung „Hohenlohe wacht auf“ gegen die Asyl- und Migrationspolitik der Bundesregierung in Öhringen protestierte, nutzte der Haller die Bühne, um Stimmung gegen Asylsuchende zu machen.

Um ein zweites Boxberg zu verhindern, rückt das SEK möglichst sicher ausgerüstet aus.
Um ein zweites Boxberg zu verhindern, rückt das SEK möglichst sicher ausgerüstet aus.  Foto: Thumilan Selvakumaran

Seit 2018 tourte er mit einem „Mahnmal gegen das Vergessen“ durch die Lande. Er schreibt im Netz, das „Mahnmal“ erinnere an die „Opfer der Einwanderungspolitik“. Es besteht aus einer „Leine des Grauens“ mit unzähligen DIN A4-Blättern. Auf den einzelnen Blättern sind teils angebliche, teils tatsächliche Straftaten von Asylsuchenden und Migranten dokumentiert.

In einem Kurzvideo aus 2018, das die „Leine des Grauens“ bewirbt, wird ein düsteres Bild gezeichnet. Es heißt, die Bundesregierung „zerstört unsere Gesellschaft“. Fälschlicherweise wird behauptet, die Bundesrepublik sei „ein Land, dass immer mehr Feste und Veranstaltungen absagt, die nicht Islam-konform sind“. Das Video mündet in einen Aufruf zum Handeln: „Wer soll das beenden, wenn nicht Ihr? Das Volk? Wollt Ihr einen Bürgerkrieg? Also WIR NICHT!“

Mit gepanzertem Fahrzeug im Einsatz: Polizei will kein zweites Boxberg

Bei dem SEK-Einsatz in Boxberg 2022 wurde ein Beamter verletzt, nachdem der Reichsbürger Ingo K. das Feuer auf sie eröffnet hatte. Danach hat die Polizei im Land die Taktik geändert, was 2023 bei der Razzia im Kupferzeller Ortsteil in Hesselbronn zu sehen war. Auch da waren die Einsatzkräfte, wie diese Woche in Hall, mit dem gepanzerten Fahrzeug angerückt, zudem mit mehr als 100 Einsatzkräften. Es ging damals um die verbotene Artgemeinschaft.

„Wir sprechen von einer rechtsextremistischen Vereinigung“, betonte damals ein Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA), das die Razzia ausführte. Man wisse nicht, was man alles vorfinde. Zudem sei man in der Nachbarschaft von Personen ausgegangen, die der Reichsbürgerszene zuzuordnen seien. „Unser Ziel ist, dass alle gesund nach Hause kommen“, sagte der Mann vom LKA. „Wir wollen kein zweites Boxberg.“

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