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Warum einige Mitarbeiter der Schwarz-Gruppe den Abgang von Klaus Gehrig begrüßen

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Unter den Mitarbeitern der Schwarz-Gruppe gärte es zuletzt. Viele störten sich an einem bestimmten Detail in Klaus Gehrigs Personalpolitik.

Klaus Gehrig spielte 45 Jahre lang die zentrale Rolle in der Schwarz-Gruppe. Und er wollte sie eigentlich noch länger beibehalten.
Foto: Schwarz-Gruppe
Klaus Gehrig spielte 45 Jahre lang die zentrale Rolle in der Schwarz-Gruppe. Und er wollte sie eigentlich noch länger beibehalten. Foto: Schwarz-Gruppe  Foto: Schwarz-Gruppe

Ein Artikel eines Wirtschaftsmagazins kursierte in den vergangenen Tagen in der Schwarz-Gruppe. Wie immer per Whatsapp, dem üblichen Kommunikationskanal bei Kaufland, Lidl und in der Zentrale auf dem Neckarsulmer Stiftsberg. Der Inhalt: Dieter Schwarz hat sich zum zweiten Mal nach der Entscheidung, Kauflands Start in Australien zu beenden, mit der Entlassung von Melanie Köhler gegen seinen langjährigen Weggefährten und Unternehmenschef durchgesetzt. Die Verbitterung bei Klaus Gehrig soll groß sein, am liebsten würde er die 30-Jährige bald zurückholen, habe dieser angekündigt.

So wie es aussieht, hat auch Dieter Schwarz den Artikel gelesen - und war nicht begeistert. Am Freitagmorgen gab es schließlich das finale Gespräch in seinem Büro. Mittags ging die Mail an die Mitarbeiter, einige Minuten später die Pressemitteilung an die Medien. Zumindest dienstlich ist das Tischtuch zwischen Schwarz und Gehrig zerschnitten - nach satten 45 Jahren der vertrauensvollen Zusammenarbeit. Auch wenn aus dem Management versichert wird: "Es war kein Rauswurf."


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Frauenpower stößt auf Kritik

Schwarz hatte Gehrig bis dahin stets gedeckt, auch in seinen oft impulsiven Personalentscheidungen. In der grundsätzlichen Strategie sind sie sich ohnehin einig: Discount muss ohne Schnörkel auskommen, ohne Brimborium und unnötigen Zierrat. Als in Offenau eine neuartige, großzügige und schicke Lidl-Pilotfiliale eröffnete, war das für Gehrig Anlass genug, den damaligen Vorstandschef wegen "Glaspalästen" zu feuern.

Seit einigen Jahren setzte der 73-Jährige nun auf Frauenpower: Immer mehr junge Damen stiegen die Karriereleiter rasch hinauf, bis auf Vorstandssessel. Das missfiel nicht nur langjährigen männlichen Kollegen, die ihre Ambitionen schwinden sahen. Auch Weggefährten von Dieter Schwarz sagen: "Ich habe mich schon manchmal gefragt, ob das der richtige Weg ist."


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Reaktionen der Mitarbeiter

Im Unternehmen wurde die Personalie auch bei Führungskräften mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Bei vielen habe aber die Erleichterung überwogen, dass Gehrig weg ist. Er sei als Hindernis bei einer Modernisierung empfunden worden, trotz der massiven Frauenförderung - zumal er keinen Hehl daraus machte, dass er immer noch ein großer Anhänger der Anfangszeit der Discounter war, als noch von der Palette herunter verkauft wurde.

Auch soziale Veränderungen im Unternehmen, wie die offizielle Einführung der 40-Stunden-Woche in der Zentrale und andere Maßnahmen - die in der Wirtschaft eigentlich üblich sind, aber bei Lidl lange undenkbar waren - gingen nicht auf ihn zurück. Sie wurden vielmehr Melanie Köhler zugeschrieben. Entsprechend war die Sorge auch groß, dass sie nach ihrem Abgang wieder zurückgenommen werden.


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Wie tickt Chrzanowski?

Für Verunsicherung sorgt, dass nicht Gerd Chrzanowski die direkte Nachfolge übernimmt, sondern Dieter Schwarz selbst. Ohnehin kann in großen Teilen des Konzerns bisher nicht wirklich eingeschätzt werden, wie Chrzanowski das Unternehmen führen wird - mit harter Hand wie Gehrig oder mit einem etwas anderen Geist. Dass der 49-Jährige mit Köhler im Streit lag, die für einen moderateren Kurs stand, soll mit für ihren Abgang gesorgt haben. Köhler sei auf jeden Fall die Progressivere gewesen.

In der Zentrale geht man außerdem davon aus, dass außer Gehrig noch weitere Führungskräfte gehen werden. Allerdings wurde intern noch nichts Entsprechendes mitgeteilt.

Alles war auf Gehrig zugeschnitten

Manch einer erwartet, dass sich nach dieser Entscheidung viel verändern könnte. Alles im Unternehmen sei auf die Machtposition von Klaus Gehrig zugeschnitten gewesen. Nun müsse sich jeder Gedanken machen und abwarten, was die neue Situation für ihn persönlich bedeute. Auf den Fluren wird auch über die Zukunft der anderen jungen Frauen gemutmaßt, die neben Melanie Köhler in Führungspositionen gelangt waren.

Der Umbruch weg vom alten weißen Mann auf dem Chefsessel sei Gehrig so nicht gelungen, sagt ein langjähriger Mitarbeiter - womöglich habe es nun sogar das Gegenteil bewirkt. Für viele habe es auch ein Gschmäckle, dass diese Frauen auf solche Positionen kamen, obwohl sie nur ein duales Studium gemacht haben und sonst keine Berufserfahrung mitbringen, während andere Manager und Managerinnen mit beeindruckenden Lebensläufen auch in Frage gekommen wären.

Melanie Köhler war die am höchsten aufgestiegene junge Frau in der Schwarz-Gruppe, aber nicht die einzige. So leitete Julia Kern (30) den Aufbau von Kaufland in Australien und ist nun stellvertretende Chefin von Lidl Deutschland. Ihr untersteht Olivia Rabys (32), mit Jens Stratmann auf dem neuen Posten "Leiter Regionen". Stephanie Griesbaum (36) wurde 2019 stellvertretende Vorstandsvorsitzende von Kaufland. Leonie Knorpp ist seit März Bereichsvorständin bei Schwarz Dienstleistungen, Annabel Ehm (27) wurde nach dem Abgang Köhlers Vorständin für interne Prüfung.

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