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„Bald wird die Welt anders über E-Fuels sprechen“

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Porsche-Produktionsvorstand Albrecht Reimold spricht im Interview über nachhaltige Produktion, den Austausch mit den Audi-Kollegen in Neckarsulm und über das E-Auto Taycan. Von 2009 bis 2012 war der 59-Jährige Werkleiter bei Audi in Neckarsulm. Nun ist er in Zuffenhausen tätig.

Der Schwäbisch Haller Designer Timo Wuerz hat zwei Porsche Taycan zu Kunstwerken gemacht. Foto: Sven Klittich
Der Schwäbisch Haller Designer Timo Wuerz hat zwei Porsche Taycan zu Kunstwerken gemacht. Foto: Sven Klittich  Foto: Sven Klittich

Herr Reimold, gerade hat der Schwäbisch Haller Designer Timo Wuerz zwei Taycan zum Kunstwerk gemacht. Ein elektrisch angetriebener Porsche ist inzwischen also zum Objekt der Begierde geworden. Hätten Sie sich das vor fünf Jahren vorstellen können, als sie zu Porsche gekommen sind?

Albrecht Reimold:
Dass Herr Wuerz und Herr Schaeffler unser erstes Elektrofahrzeug als Basis für ihr künstlerisches Wirken gewählt haben, ehrt uns. Der Taycan ist an sich ja schon ein Kunstwerk. Mir gefiel die Konzeptstudie Mission E bereits sehr gut, aus der der Taycan entstanden ist. Sie war sehr mutig und für Porsche revolutionär. Das Fahrzeug hat die Gene, neben dem 911 zur zweiten Ikone zu werden. Ohnehin bin ich ein Fan von E-Fahrzeugen. 


Auch privat?

Reimold: Absolut, und zwar schon lange. Für den schnellen Weg in die Stadt nehme ich gerne unseren VW E-Up, ansonsten ist der Taycan wie für mich gemacht. Mein Lieblingsfahrzeug: er bietet Platz für fünf und unglaublich viel Fahrspaß. Mit einer vorausschauenden Fahrweise und mehr als 400 Kilometer Reichweite ist er der ideale Alltagswagen – egal ob morgens ins Büro oder für den Skiurlaub. Er hat mich bisher erst einmal in die Bredouille gebracht, als die Ladestation über Nacht ausgefallen ist; am nächsten Tag stand eine Fahrt nach München an, da musste ich einen Stopp einlegen und kam eine halbe Stunde zu spät. 


Der Taycan wurde als Tesla-Jäger angekündigt. Knapp eine halbe Million Teslas jährlich sind derzeit also der Maßstab. Mit 20.000 Taycans sind Sie da noch ein Stück weg...


Reimold
: Die reine Menge war für uns noch nie ein Ziel. Ein Porsche muss begehrlich sein – und wir wollen unsere Produkte begehrlich halten. Konkret heißt das: Eines zu wenig ist immer besser als zwei zu viel. Von dem Begriff Tesla-Fighter halte ich nichts. Auch wenn ich sehr großen Respekt vor Tesla-Chef Elon Musk habe, war das für uns nie der Maßstab. Vielmehr sind unsere Fahrzeuge immer so ausgelegt, dass sie auf die Bedürfnisse unserer Kunden zugeschnitten sind.


Wann kommen Sie mit den steigenden Stückzahlen in Zuffenhausen an Grenzen?

Reimold: Wer hätte denn vor fünf Jahren gedacht, dass an diesem Standort in Downtown Zuffenhausen einmal täglich rund 500 Fahrzeuge vom Band rollen? Ich habe keine Sorge, dass wir zu wenig oder zu viel Kapazität haben. Über arbeitsorganisatorische Maßnahmen sind wir flexibel, können sozusagen atmen und uns ganz an der Nachfrage des Marktes orientieren. Das hat sich gerade auch in der aktuellen Corona-Krise bezahlt gemacht. 


Für die CO2-Bilanz eines Fahrzeugs spielt auch die Produktion eine wichtige Rolle. Wie weit sind Sie da?

Reimold: Mit dem Taycan haben wir hier einen wichtigen Schritt gemacht. Der Standort Zuffenhausen produziert seit Anfang des Jahres CO2-neutral. Das ist mir persönlich ein echtes Anliegen, weshalb ich auch Pate für das Thema Nachhaltigkeit im Porsche-Konzern bin. Als ich 2016 startete, gab es da noch Diskussionen. Mittlerweile herrscht diesbezüglich Einigkeit und Nachhaltigkeit ist fest in der Unternehmensstrategie verankert. Schließlich hatten wir mit Ferry Porsche einen echten Vordenker – und zwar schon in den 1970er Jahren. Er propagierte, dass man Fahrzeuge langlebig bauen soll und aus Materialien, die wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden. Heute nutzen wir ein Biogas-Kraftwerk, beziehen Strom aus erneuerbaren Energien und müssen für die CO2-Neutralität nur einen einstelligen Prozentwert des Energieeinsatzes anderweitig kompensieren. Das mache ich im Übrigen auch bei meinen Dienstreisen, wenn ich beispielsweise fliegen muss.


Sie leben noch in Bretzfeld, haben als ehemaliger Werkleiter enge Bande nach Neckarsulm. Wie viel Knowhow wird in dieser Transformationszeit ausgetauscht?

Reimold: Unter Freunden hilft man sich und das gilt natürlich auch im Konzern. Ich fördere das. Auf meine Initiative hin arbeiten inzwischen mehr als 400 gut ausgebildete Audianer aus Neckarsulm in der Taycan-Produktion in Zuffenhausen. Und auch sonst tauschen wir uns zu Produktionsthemen aus. Generell gilt, dass die Kompetenzen aus Neckarsulm überall im VW-Konzern gefragt sind: Der ehemalige A8-Karosseriebauchef Jörg Theuner leitet aktuell den Panamera-Karosseriebau in unserem Leipziger Werk, der ehemalige Werkleiter Fred Schulze ist Produktionschef bei VW in China. 


Trotz enger Verwandtschaft von E-Tron GT und Taycan und gemeinsamer Plattform werden bei der Produktion ganz unterschiedliche Konzepte gefahren. Geht man hier bewusst getrennte Wege?

Reimold: Ganz und gar nicht. Wir liefern auch den Antrieb für den E-Tron GT. Für eine gemeinsame Produktion fiel die Entscheidung für den GT schlichtweg zu spät. In den Böllinger Höfen jetzt auf die Fertigung des R8 aufzubauen, ist für mich eine ideale Lösung. Für Audi habe ich 25 Jahre gearbeitet. Und auch wenn mein Herz jetzt für Porsche schlägt, so habe ich diese Zeit nicht vergessen. Zuffenhausen und Neckarsulm sind nur 70 Kilometer voneinander entfernt. Da sollte man nicht alles selbst erfinden wollen und lieber Synergien nutzen. Für mich ist das selbstverständlich und die guten persönlichen Kontakte helfen dabei.


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Was kann Zuffenhausen noch von Neckarsulm lernen?

Reimold
: Rund um Zuffenhausen sprechen wir gerade mit den Kommunen, um sie davon zu überzeugen, was Neckarsulm und Bad Friedrichshall mit dem Gewerbe- und Industriepark vor 25 Jahren hinbekommen haben. Mit mutigen Politikern ist es uns damals gelungen, einen Zulieferpark direkt vor den Werkstoren zu etablieren. Diese Erfolgsgeschichte ist in Stuttgart noch nicht so richtig angekommen.


Ein Bekenntnis zum E-Auto bekommt man derzeit wohl von jeder Führungskraft im VW-Konzern. Wie sehr aber lieben Sie noch die Verbrenner?

Reimold
: Von uns bekommen Sie ein sehr selbstbewusstes Bekenntnis zum Dreiklang der Antriebsarten: aus optimierten Verbrennern, innovativen Hybrid-Modellen und zukunftsweisenden reinen E-Fahrzeugen. Beim Hybrid-Antrieb waren wir früh dabei. Bis auf den 911 können wir uns alle unsere Modelle mit irgendeiner Form von Elektroantrieb vorstellen. 


Mit Euro 7 droht wohl ein De-facto-Verbot des Verbrenners. Wie wollen Sie sein Überleben dann sichern?

Reimold: Es bleibt zu hoffen, dass dieses Thema nicht nur über rigide Gesetzgebung vorangebracht werden soll. Bei Porsche setzen wir aus Überzeugung auf Nachhaltigkeit. Gesetze oder das Pariser Klimaabkommen bieten dabei eine Orientierung. Weltweit haben wir aber mehr als 160 Märkte, wo wir unterschiedliche infrastrukturelle Voraussetzungen haben und nicht überall gleich erfolgreich mit E-Modellen sein werden. Deshalb treiben wir als Ergänzung zu unserer E-Mobilitätsstrategie das Thema eFuels intensiv voran – synthetische Kraftstoffe also, die aus grünem Wasserstoff und CO2 hergestellt werden und somit CO2-neutral sind. 


Das ist aber kaum mehr als ein Signal, ohne Vorteil für den Kunden...

Reimold: Anfangs vielleicht. Im Motorsport können diese Kraftstoffe schon bald eine große Rolle spielen. Das ist ein sehr nachhaltiges Konstrukt, wenn sie dort produziert werden, wo regenerativer Strom im Überfluss da ist: beispielsweise in Norwegen oder in Chile, wo wir aktuell mit anderen Partnern an einer Pilotanlage arbeiten. Der Vorteil von eFuels ist, dass wir keine neue Infrastruktur benötigen. Zudem profitiert auch die Bestandsflotte davon. In ein paar Jahren wird die Welt anders über eFuels sprechen, davon bin ich überzeugt.


Sie haben sich mit der Taycan-Fabrik einen großen Traum erfüllen dürfen. Gibt es noch einen weiteren großen Traum?

Reimold: Bei der Transformation in der Automobilindustrie stehen wir noch ganz am Anfang. Und gerade im Bereich Smart Factory gilt es jetzt, die Produktion der Zukunft zu gestalten. Schließlich müssen wir bei Porsche auch künftig 15 Prozent Rendite bringen und mit emotionalen Fahrzeugen bei unseren Kunden punkten. Diese Herausforderung möchte ich noch ein paar Jahre mitgestalten. Ich bin voll im Geschehen drin, und das macht jeden Tag aufs Neue richtig viel Spaß. Zumal das nächste Meisterstück schon ansteht: die nächste Generation des Macan.

 

Albrecht Reimold aus dem hohenlohischen Bretzfeld ist seit Februar 2016 Produktionsvorstand bei Porsche in Zuffenhausen. Zuvor war der 59-Jährige mehr als 25 Jahre bei Audi, wo er unter anderem den ersten Aluminium-Karosseriebau des A8 aufbaute, wofür er mit dem Professor-Ferdinand-Porsche-Preis ausgezeichnet wurde. Von 2009 bis 2012 war er zudem Werkleiter in Neckarsulm. Den sportlichen Ausgleich zu seinen langen Arbeitstagen findet Reimold unter anderem in zügigen Ausflügen zu Fuß durch Stuttgart. „Da komme ich dann schnell auf meine 8000 bis 10.000 Schritte.“ 

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