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Pläne mit E-Autos

Neue Strategie für China: So wollen Audi und VW den Auto-Markt zurückerobern

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Mit neuen Partnern und noch stärker für den Markt entwickelten Fahrzeugen kämpfen Audi und VW um ihre Vorreiterrolle in China. Vor allem bei den E-Autos hat der VW-Konzern Aufholbedarf. Das sind die Pläne von Europas größtem Autobauer.

Audi zeigt bei der Automesse in Peking derzeit die Langversion des Elektro-SUV Q6. Ab Ende des Jahres wird der Wagen in einem neuen Werk in China produziert.
Audi zeigt bei der Automesse in Peking derzeit die Langversion des Elektro-SUV Q6. Ab Ende des Jahres wird der Wagen in einem neuen Werk in China produziert.  Foto: Audi

Um zu verstehen, wie der Automarkt in China funktioniert und welche Modelle dort gefragt sind, muss man sich vor Ort immer wieder selbst ein Bild machen. Deshalb ist Audi-Chef Gernot Döllner mit seinem Stab bereits einige Tage vor dem Start der Automesse in Peking ins Reich der Mitte gereist. Vor allem Testfahrten mit Fahrzeugen der einheimischen Wettbewerber stehen auf dem Programm. Was macht die Konkurrenz anders, was macht sie besser? Was wünscht der Kunde?

Für die Marke mit den vier Ringen steht im Reich der Mitte viel auf dem Spiel. China ist für Audi der mit Abstand größte Einzelmarkt. Im vergangenen Jahr hat der Autobauer dort 729.000 Fahrzeuge verkauft. Das sind fast 40 Prozent des gesamten Absatzes. „Ohne die Erträge aus China wäre Audi ein anderes Unternehmen“, sagt einer, der für den VW-Konzern mehr als zehn Jahre auf dem größten Automarkt der Welt tätig war. „In den goldenen Jahren haben wir dort mehr als 20 Prozent Rendite erwirtschaftet.“

Audi-Werk in China: Neue Fabrik für Produktion von E-Autos

Die goldenen Jahre sind beim Blick auf die Zahlen scheinbar noch nicht vorbei, zumindest was den Absatz angeht. Die große Masse machen bei Audi aber immer noch Fahrzeuge mit Verbrenner aus, der Anteil an Stromern ist gerade im Vergleich zu Konkurrenten wie den chinesischen Autobauern verschwindend gering. Dabei ist ausgerechnet das Reich der Mitte der größte Wachstumsmarkt für die Elektromobilität. Audi will sich daher noch stärker darauf fokussieren, speziell für den chinesischen Markt entwickelte Modelle anzubieten, in Zukunft mehr denn je vollelektrische Fahrzeuge. Den Startschuss markiert der Q6 L E-Tron – eine Langversion des jüngst vorgestellten Elektro-SUV.

Die China-Version erhält eine größere Batterie als die Variante für den Rest der Welt. Das heißt dann 700 statt 600 Kilometer Reichweite. Sowas kommt an im Reich der Mitte. „In China für China“ ist die Strategie des gesamten VW-Konzerns überschrieben. Daher wird der Wagen auch vor Ort gefertigt. Derzeit entsteht dafür in Changchun ein neues Werk, in dem ab Ende des Jahres ausschließlich E-Autos gefertigt werden. Gestartet wird mit dem Q6 L E-Tron, im neuen Jahr folgt der A6 L E-Tron. Geleitet wird das Projekt vom ehemaligen Neckarsulmer Werkleiter Helmut Stettner. 

In Changchun entsteht derzeit ein neues Audi-Werk, in dem ab Jahresende ausschließlich E-Autos produziert werden.
In Changchun entsteht derzeit ein neues Audi-Werk, in dem ab Jahresende ausschließlich E-Autos produziert werden.  Foto: Audi

E-Auto-Produktion von Audi und Co.: Stromer auf Basis einer China-Plattform

„Der chinesische Markt ist für die Transformation von Audi hin zu einem führenden globalen Anbieter von Premium-Elektromobilität von zentraler Bedeutung“, sagt Audi-CEO Döllner. „Mit dem neuen Werk in Changchun, lokal entwickelten Elektromodellen sowie modernster und auf die Benutzerbedürfnisse zugeschnittenen, digitalen Angeboten verfolgen wir unseren Plan für nachhaltigen Erfolg in China mit aller Konsequenz.“ Dabei setzt der deutsche Hersteller zunehmend auf die Hilfe seiner chinesischen Partner, allen voran SAIC. Die Chinesen liefern Audi im ersten Schritt nicht nur eine für den Markt maßgeschneiderte Elektroplattform. Sie entwickeln gemeinsam mit dem Partner aus Deutschland zwei Modelle in Größe des heutigen A3 und A4, die bereits in weniger als zwei Jahren startklar sein sollen. Vorteil: Die SAIC-Plattformen ermöglichen schnelles Laden und können die moderne Audi-Software nutzen. Im zweiten Schritt soll dem Vernehmen nach eine weitere Plattform entstehen, die von dem deutschen-chinesischen Joint-Venture gemeinsam entwickelt wird und ab 2027, spätestens 2028 einsatzbereit sein soll. „Wenn wir das in Deutschland entwickeln würden, wären die Kosten mindestens ein Drittel höher“, sagt ein Insider.

Jedes dritte Auto des VW-Konzerns wird in China verkauft

Audi, neben Porsche die Ertragsperle im VW-Konzern, ist zum Erfolg verdammt. Insbesondere in China. Die Abhängigkeit vom Reich der Mitte ist für den gesamten Konzern immens. Jedes dritte Auto von Europas größtem Autobauer wird in China verkauft. 40 Jahre ist man im Reich der Mitte präsent. Kein anderer westlicher Autobauer hat sich so früh in der Volksrepublik engagiert. In mittlerweile fast 40 Fabriken sind mehr als 90.000 Menschen beschäftigt. Seit 2014 sind von den Joint Ventures mit den lokalen Partnern Jahr für Jahr im Schnitt Gewinne von mehr als vier Milliarden Euro nach Wolfsburg geflossen. Einen Plan B gibt es nicht. „Eine Abkehr von China wäre für unsere gesamte Wirtschaft nicht möglich“, sagt VW-Konzernchef Oliver Blume.

Mit der SUV-Studie ID.Code gibt VW einen Ausblick auf das Design künftiger E-Autos für China.
Mit der SUV-Studie ID.Code gibt VW einen Ausblick auf das Design künftiger E-Autos für China.  Foto: VW

Chinesen mit hohen staatlichen Subventionen

Zu viel stünde nicht nur in China auf dem Spiel. Sondern auch in Deutschland wären Arbeitsplätze gefährdet. Doch der jahrzehntelange Erfolg in China ist keine Garantie für die Zukunft. Chinas Automarken wie BYD bauten sich heimlich, still und leise technologisches Know-how auf, das sie insbesondere bei den E-Autos zuletzt in der Heimat an die Spitze fahren ließ. Dazu kommen staatliche Subventionen. Allein BYD soll 2022 und 2023 jeweils rund zwei Milliarden Euro aus der Staatskasse erhalten haben. Zudem haben sich die Chinesen auf lange Zeit die raren und teuren Rohstoffe für die Akkus der Stromer im eigenen Land gesichert. Das schafft immense Kostenvorteile.

Neue Software- und Elektronikarchitektur für E-Autos

Aus diesem Grund setzt Volkswagen in Zukunft noch mehr auf Kooperationen. Zusammen mit Xpeng, einem erst 2014 gegründeten Hersteller von E-Autos, arbeiten die Wolfsburger an einer neuen Software- und Elektronikarchitektur. Bis 2026 sollen mit dem neuen Partner zwei Stromer für die Mittelklasse zur Serienreife gebracht werden. Zudem wird im ostchinesischen Hefei ein neues Entwicklungszentrum gebaut. Dort sollen Stromer entstehen, die auf dem neuesten Stand der Technik sind, aber zugleich einfacher und kostengünstiger gebaut werden können. Wichtigster Faktor in China ist ohnehin die Zeit. Künftig soll die Entwicklung eines neuen Autos im Reich der Mitte maximal drei Jahre in Anspruch nehmen – ein bis zwei Jahre weniger als in Europa. In Hefei entwickelt der Konzern die erste speziell für China gemachte Elektroplattform, die China Main Plattform (CMP). Auf ihr sollen ab 2026 mindestens vier zusätzliche Modelle für das elektrische Einstiegssegment. 

VW zeigt in Peking Auto-Design speziell für China

Ein weiterer wichtiger Punkt ist eine eigene Designsprache für die Fahrzeuge in China. Wohin die Reise geht, zeigt VW bei der Automesse in Peking mit der SUV-Studie ID.Code. Zudem wollen die Wolfsburger mit der elektrischen Submarke ID.UX in Zukunft auch jüngere Kunden ansprechen. „Die ID.Familie wächst bis 2030 auf insgesamt 16 Modelle“, sagt VW-Markenchef Thomas Schäfer. Darunter seien fünf E-Autos der neuen Submarke, die bis 2027 ihre Premiere feiern. Sie sollen laut Schäfer auch mit komplett neuen Anzeige- und Bedienkonzepten punkten. „Unser Vorgehen ist alternativlos“, sagt ein Insider. „Einen Plan B für China gibt es nicht.“

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