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Dieselgate bei Audi und VW: Wie der Skandal in Neckarsulm seinen Ursprung nahm

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Im September 2015 flog der Dieselskandal des VW-Konzerns auf. Seither ist viel passiert. Ein Abschluss scheint aber noch lange nicht in Sicht zu sein.


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In den Hallen der Messe Frankfurt gehen am 18. September 2015 nach und nach die Lichter aus. Die Autos sind abgedeckt, die letzten Besucher haben das Gelände verlassen. Ein weiterer Tag der Automesse IAA neigt sich dem Ende entgegen, als um 18.48 Uhr bei den Mitarbeitern der verschiedenen Hersteller eine Nachricht die Runde macht. „Volkswagen hat Abgasprobleme in den USA.“

Mit der ersten kurzen Agenturmeldung können die wenigsten Journalisten und Automanager etwas anfangen, geschweige denn sie einordnen. Noch am besagten Freitag wird spät abends aber klar, dass die amerikanischen Umweltbehörden dem VW-Konzern Betrug bei der Abgasentgiftung von Dieselmotoren vorwerfen. Ein Betrug, der den VW-Konzern bis ins Mark erschüttert und als einer der größten Wirtschaftsskandale in die Geschichte eingeht.

VW-Konzern im Dieselskandal: Im September 2015 jagt eine Krisensitzung die nächste

Was binnen weniger Tage nach dem Schicksalstag 18. September folgt, übersteigt die Vorstellungskraft vieler – auch mächtiger Automanager, die sich lange für unangreifbar halten. Volkswagen scheint seinerzeit auf dem Zenit: Milliardengewinne, über Jahre steigende Mitarbeiterzahlen, nur noch knapp hinter Toyota zweitgrößter Autokonzern der Welt.

Aber schon bald steht Europas größtes Unternehmen fast am Abgrund. In Wolfsburg jagt eine Krisensitzung die nächste. Denn was da in den USA enthüllt wird, ist alles andere als eine Kleinigkeit. Nur bei Tests sorgt ein versteckter Software-Code dafür, dass giftige Stickoxide (NOx) so stark entfernt werden, wie es in den offiziellen Zulassungspapieren angegeben ist. Im realen Straßenbetrieb hingegen blasen die Selbstzünder ein Vielfaches der erlaubten Menge in die Luft.

Dieselskandal: Audi gibt zunächst Entwarnung, aber auch die Motoren der Marke sind betroffen

EA 189. Das Entwicklungskürzel des Vierzylinder-Diesels, der in Modellen wie dem Golf verbaut ist, macht die Runde. Am Anfang sieht es so aus, als mache der Skandal einen großen Bogen um Audi und den Standort Neckarsulm, an dem die Entwicklung für die Sechs- und Achtzylinder-Diesel beheimatet ist. Weit weg von der Region scheint der Vorgang in Amerika, der Vierzylinder entstammt ja der Entwicklungshoheit der Konzernmutter.

„Die Audi AG bestätigt, dass alle V6 TDI und V8 TDI, die nach EU 5 oder EU 6 zugelassen sind, alle in den jeweiligen Märkten geltenden Umweltnormen erfüllen“, gibt eine Audi-Sprecherin der Heilbronner Stimme wenige Tage später sogar ausdrücklich Entwarnung. Dass dieses Statement nicht den wahren Gegebenheiten entspricht, will man im September 2015 noch nicht glauben.

Die Ruhe aber ist die Ruhe vor dem Sturm: Zwei Monate später weisen die Amerikaner auch bei den in Neckarsulm entwickelten Drei-Liter-Motoren Abgasmanipulationen nach. Im Lauf der Jahre kommen immer wieder neue Unregelmäßigkeiten ans Licht. Es wird deutlich, dass Audi die Keimzelle des Betrugs ist.

Der Rücktritt von Martin Winterkorn soll den Weg frei machen für Neuanfang

Bis es so weit ist, passiert einiges. Als am 23. September 2015 um 17 Uhr die VW-Aufsichtsratsmitglieder Wolfgang Porsche und Stephan Weil zusammen mit Berthold Huber, dem damals kommissarischen Chef desKontrollgremiums, vor die Fernsehkameras treten, sind die Lichter im obersten Stockwerk des Hochhauses aufdem Werksgelände in Wolfsburg bereits aus.

Von hier oben hatte Martin Winterkorn acht Jahre lang die Geschicke des Konzerns mit mehr als 600.000 Mitarbeitern und über 100 Werken rund um den Globus geleitet. Mit seinem Rücktritt macht der Leonberger den Weg frei für einen Neuanfang, wie verbreitet wird – und er betont stets, dass er sich keines Fehlverhaltens bewusst sei. Mehr als 30 Milliarden Euro muss der VW-Konzern im Lauf der vergangenen Jahre für den Dieselskandal aufwenden.

Dieselskandal bei Audi: Am 18. Juni wird der damalige Audi-Chef in Ingolstadt verhaftet

Als Rupert Stadler Ende November 2017 die Redaktion der Heilbronner Stimme besucht, scheint er so gelöst wie schon lange nicht mehr. Stunden zuvor verspricht der damalige Audi-Chef seinen Beschäftigten in Neckarsulm zwei Elektroautos für den Standort. Und der Dieselskandal? „So gut wie beendet.“

Ein Trugschluss. Am 18. Juni 2018 wird Stadler in seinem Haus in Ingolstadt verhaftet.  „Der Haftbefehl stützt sich auf den Haftgrund der Verdunkelungsgefahr“, teilt Staatsanwältin Karin Jung damals mit, als sie im Fall von „Herrn Prof. Rupert Stadler“ Vollzug meldet. Betrug sowie mittelbare Falschbeurkundung wird dem heute 62-Jährigen zur Last gelegt.

Erster Prozess in München geht glimpflich aus für Ex-Audi-Chef Rupert Stadler

Im September 2020 startet in München der erste Dieselprozess in Deutschland gegen Rupert Stadler und drei Mitangeklagte. Der Prozess dauert fast zwei Jahre und neun Monate und zieht sich über 171 Verhandlungstage. Im Mai 2023 legt Stadler ein Geständnis ab. Mit einem „Ja“ bestätigt er vor dem Landgericht München eine von seiner Verteidigerin verlesene Erklärung. Darin hat Stadler Fehlverhalten eingeräumt. Er hätte die Möglichkeit gehabt, einzugreifen, dies aber unterlassen. Dies bedauere er sehr. Er sehe, „dass es ein Mehr an Sorgfalt“ gebraucht hätte. Letztlich wird Stadler zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt, zudem muss er eine Strafe von 1,1 Millionen Euro bezahlen.

Auch zwei Mitangeklagte - der frühere Chef der Motorentwicklung und spätere Porsche-Vorstand Wolfgang Hatz sowie der Ingenieur Giovanni P. - erhalten Bewährungsstrafen wegen Betrugs. Bereits Anfang April 2023 stellt Gericht das Verfahren gegen den Chemiker Henning L. ein. Er war einst für die Abgasnachbehandlung in der Neckarsulmer Dieselmotoren-Entwicklung zuständig und saß als einziger der vier Angeklagten nicht in Untersuchungshaft. L. ist Kronzeuge, der im Rahmen der Ermittlungen und während des Prozesses umfassend ausgesagt hat. 

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