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Steigende Strompreise: Keine Rettung auf den Vergleichsportalen

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Wer durch Kündigung oder Lieferstopps in die Grundversorgung gefallen ist, hat oft Mühe, einen neuen Anbieter zu finden. Für Neukunden gibt es oft überhöhte Preise.

Seit Jahren sind deutsche Verbraucher von steigenden Strompreisen genervt. Sie müssen hierzulande so viel bezahlen wie kaum irgendwo sonst auf der Welt. Doch was vielen Stromkunden in diesem Winter passiert ist, konnte sich vor wenigen Monaten wohl kaum jemand vorstellen. Preise wurden drastisch erhöht oder der Versorger stoppte gleich die Belieferung, kündigte den Vertrag, erzählt Matthias Bauer von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Im Gespräch mit dieser Redaktion erklärt der Berater, wie man als Betroffener reagieren kann.

Mehr als ein Euro pro Kilowattstunde in der Grundversorgung

Bei den Verbraucherzentralen häufen sich inzwischen den dritten Monat in Folge die Anfragen. Vor allem gekündigte Stromkunden fühlten sich hilflos. Denn was eigentlich als soziales Sicherungsinstrument in solchen Fällen dienen soll, die Ersatzbelieferung über den lokalen Versorger, erweist sich als das nächste Problem: "Wir haben im Dezember Preise von über einem Euro pro Kilowattstunde in der Ersatzversorgung gesehen", erzählt der Verbraucherschützer. "Das sind Mondpreise, die durch nichts gerechtfertigt sind."

 


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Bei diesen Arbeitspreisen kommen im Winter, wo Haushalte pro Monat oft 400 Kilowattstunden und mehr verbrauchen, saftige Rechnungen von vielen Hundert Euro extra zusammen. Immerhin seien die meisten Versorger inzwischen etwas zurückgerudert.

Bundesregierung will der Benachteiligung einen Riegel vorschieben

Mit einigen Fällen müssten sich aber die Landeskartellbehörden beschäftigen. So gab es teilweise verschiedene Tarife in der Grundversorgung, einen für "Bestandskunden" und einen für "Neukunden", obwohl diese Unterscheidung hier nicht gemacht werden dürfe, wie Bauer betont.

 


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Die Bundesregierung will dies nun auch eindeutig regeln. Als betroffener Kunde kann man sich in solchen Fällen auch an die Schlichtungsstelle Energie in Berlin wenden. Doch auch dort stapeln sich die Verfahren. Kurzfristige Lösungen sind kaum zu erwarten.

Realistisch seien derzeit Preise von bis zu 50 Cent pro Kilowattstunde in der Grundversorgung - in langfristigen Verträgen werden im Schnitt aktuell 34 Cent verlangt. Der Vorteil der Grundversorgung, die auf drei Monate angelegt sei: Jeden Tag könne man ohne Frist zu einem anderen Anbieter wechseln.

Abschreckende Preise auf den Vergleichsportalen

Doch der findet sich derzeit nicht mehr so leicht. Die Vergleichsportale, die über viele Jahre eine riesige Auswahl boten, seien derzeit keine große Hilfe, warnt Matthias Bauer. Viele Versorger nähmen freiwillig keine Neukunden mehr an - oder nur zu überhöhten Preisen.

"Mit etwas Mühe hat man bei den Stadtwerken im Umfeld Erfolg." Von einer preislichen Transparenz, zu der die Unternehmen eigentlich verpflichtet sind, sei man derzeit aber weit entfernt.

 


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Gescheiterte Billiganbieter wollen ihr Geschäftsmodell einfach weiterführen

Besonders dreist findet der Berater, dass Billiganbieter, die erst kürzlich in die Insolvenz gegangen sind, jetzt schon ankündigen, im Frühjahr wieder am Markt aktiv sein zu wollen. "Und das, nachdem sie ihre bestehenden Kontrakte offenbar noch gewinnbringend verkauft haben." Viele dieser Firmen sind seit langem im Visier der Verbraucherschützer, weil sie kein seriöses Geschäftsgebaren an den Tag legen.

Für den Fall, dass offensichtlich rechtswidrige Kündigungen erfolgt sind, empfiehlt Bauer, auf jeden Fall einen Schadenersatzanspruch geltend zu machen. "Der kann sehr hoch sein, wenn man die aktuellen Preise anschaut." Dazu solle man die Zählerstände dokumentieren, am besten mit dem Handy fotografieren.

Immerhin entspannt sich die Lage in diesen Tagen etwas, sagt Bauer, der mit fünf weiteren Beraterinnen und Beratern für die Themen Bauen, Wohnen und Energie zuständig ist. Mehr als 800 Anfragen zu dem Thema werde es nun aber auch im Januar wieder geben, das zeichne sich bereits ab.

Die Gemengelage

Die aktuellen Preissteigerungen haben viele Ursachen. Vor allem die kurzfristigen Beschaffungspreise für Strom sind an den Börsen stark angestiegen. Hat sich ein Versorger also nicht genügend Strom über langfristige Verträge gesichert, ist es nun teuer. Denn seit geraumer Zeit weht der Wind nicht mehr wie in früheren Jahren, der Winter ist ohnehin sonnenarm. Erdgas für die Gaskraftwerke, die in solchen Situationen einspringen können, war ebenfalls knapp und teuer. Drei deutsche Atomkraftwerke gingen zum Jahreswechsel vom Netz. Frankreich brauchte seinen Strom selbst und kaufte sogar in Deutschland zu Höchstpreisen zu. Eine Gemengelage, die das Preisgefüge aus dem Gleichgewicht brachte.

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