Grün-Schwarz versucht es beim Klimaschutz mit der Brechstange
Die neue Landesregierung will Photovoltaik verpflichtend auf Neubauten und dann auch auf Sanierungsobjekten unterbringen. Als ob sich die Bundesbürger dem Grünstrom bisher verweigern würden.

Es kann sich jeder glücklich schätzen, der bereits den Solarstrom vom Dach holt. Seit Jahren konnte man beobachten, wie die Preise sinken. Jetzt ist man an einem Punkt angekommen, dass es sich vor allem lohnt, den Sonnenstrom selbst zu verbrauchen. Und genau jetzt plant Grün-Schwarz eine Solarpflicht. Günstiger, das dürfte seit Veröffentlichung des Koalitionsvertrags klar sein, wird es also für angehende Grünstromerzeuger nicht werden.
Viel Sollen und Wollen im Koalitionsvertrag
Die Jugendlichen, die sich freitags regelmäßig für konkrete Klimaschutzmaßnahmen einsetzen, werden sich nur bedingt freuen. Zwar nimmt der Ausbau der erneuerbaren Energien eine zentrale Stellung im Vorhabenplan der neuen Landesregierung ein.
Doch vieles bleibt vage. Der Staatswald soll Windrädern eine neue Heimat bieten. Mit einem novellierten Erneuerbare-Wärme-Gesetz will das Land dafür sorgen, dass vermehrt auch Bestandsgebäude klimaneutral werden. Freiflächenphotovoltaik soll verstärkt zum Einsatz kommen, auch auf Landesflächen.
An einem Punkt aber hört es auf mit dem Sollen und Wollen. "Wir werden die Pflicht für Photovoltaik-Anlagen auf neue Wohngebäude ausdehnen und in einem zweiten Schritt bei Dachsanierungen bei Bestandsgebäuden vorsehen", heißt es in dem 160-Seiten-Papier. Das heißt: Auch wer privat baut, wird Solarzellen aufs Dach installieren müssen. Für gewerbliche Neubauten gilt die Pflicht schon ab 2022.
Photovoltaik boomt
Da stellt sich die Frage, wie es um den Ausbau eigentlich steht. Müssen die Bürger gezwungen werden, weil sie sich der grünen Energie verweigern? Der Bundesverband Solarwirtschaft teilte in einer Erfolgsmeldung jüngst mit, dass sich 2020 doppelt so viele Eigenheimbesitzer eine Photovoltaikanlage angeschafft haben wie noch 2019.
Das Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende (KNE) vermeldet, dass 2020 PV-Anlagen mit einer Leistung von 4,9 Gigawatt installiert wurden - ein Gigawatt mehr als 2019. Ein Fünftel davon geht zurück auf Anlagen unter 10 Kilowatt peak - die übliche Größe auf Privathäusern.
Für 2021 erwartet das Beratungsunternehmen EuPD Research schon eine geförderte installierte Leistung von sechs Gigawatt. Also eine Steigerung um 50 Prozent innerhalb von zwei Jahren.
Installateure sind jetzt schon ausgebucht
Auch wenn Umweltverbände in Deutschland einen jährlichen PV-Zubau von zehn Gigawatt fordern, beschleunigt er sich derzeit rasant. Installationsbetriebe sind seit dem vergangenen Jahr auf Monate ausgebucht.
Kein Wunder. Baden-Württemberg erlebte 2020 den stärksten Zubau seit 2012 - "eine Steigerung um 35 Prozent gegenüber 2019", wie der inzwischen ausgeschiedene Umweltminister Franz Untersteller berichtete.
Was passiert, wenn jetzt schlagartig auch wirklich alle Neubauten mit Solarzellen bedeckt werden müssen, lässt sich nur erahnen. Im Südwesten dürfte es damit künftig eine Sonderkonjunktur für die Installateure geben, die Preise könnten sogar wieder steigen - wenn es überhaupt noch Termine und Material gibt.
Denn schon jetzt berichten Unternehmen von Nachschubproblemen bei den Modulen aus China. Wenn also noch mehr Lieferschwierigkeiten den Neubau ausbremsen - da dürfte es Bauherrn grauen.
Warum wagen denn nicht mehr Eigenheimbesitzer den Schritt?
Braucht es aber die Pflicht? Trotz Rekordzahlen? Richtig ist zumindest, dass noch viele Dachflächen frei von PV sind. Dabei gilt das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das EEG, weltweit als Vorbild. Mit der auf 20 Jahre garantierten Einspeisevergütung kann sich jeder ausrechnen, ob sich die Investition in den Sonnenstrom lohnt. Und sie lohnt sich, langfristig auch finanziell, auch wenn nur wenige damit reich werden. Ein gutes Gewissen gibt es jedenfalls kostenlos dazu.
Warum also installieren sich nicht noch viel mehr Menschen ein Kleinkraftwerk aufs Dach? Ganz einfach: Weil viele die Auseinandersetzung mit Kilowattstunden, Marktstammdatenregister, Grenzsteuersatz, Eigenverbrauch und vielen anderen Details in den Rentabilitätsberechnungen schlicht scheuen.
Ohne Steuerberater und fachkundige Beratung verschenkt man bares Geld. Das EEG ist damit nicht nur Fördergesetz, sondern gleichzeitig Verhinderungsgesetz geworden. Eine Verpflichtung für Baden-Württemberg ändert daran nichts.
Zu viel "Zappelstrom", wie die Kritiker sagen
Zusätzlich ist jeder Anlagen-Bauherr gezwungen, vor Installation eine Anfrage beim Netzbetreiber zu stellen, ob das Netz überhaupt noch Kapazitäten für die zu erwartende Strommenge hat.
Das Netz muss den dezentral erzeugten Strom ja erst einmal aufnehmen können. Gegner reden gerne abschätzig vom "Zappelstrom", weil die regenerative Energieerzeugung überwiegend von Wind und Wetter abhängig ist. Sie rechnen seit Jahren vor, dass irgendwann der Blackout droht.
Die Bedenken sind übertrieben, aber sie sind auch nicht komplett aus der Luft gegriffen. Aus diesem Grund dürfen die meisten PV-Anlagen maximal 70 Prozent ihrer möglichen Maximalleistung ins Netz einspeisen. Bei strahlendem Sonnenschein verpufft ein Teil der Energie also automatisch ungenutzt.
Mit Stromspeichern wäre vieles möglich
Nicht von ungefähr wird deshalb intensiv darüber diskutiert, wie der überschüssige Strom irgendwann einmal in Wasserstoff gespeichert werden kann.
Auch die kurzfristigen Spitzen müssen abgefangen werden - dafür soll in Kupferzell der sogenannte Netzbooster entstehen. Im vergangenen Jahr am 1. Juni stammte beispielsweise um die Mittagszeit mit 37,25 Gigawatt 56 Prozent der gesamten Stromerzeugung aus Solarzellen.
Zum Unternehmertum gezwungen
Es könnte noch viel mehr werden, wenn die angekündigte Solarpflicht zum Erfolg wird. Wenn. Denn auch jeder, der sein Dach sanieren will, wird künftig dazu gezwungen sein, zum Kleinunternehmer zu werden oder gleich ein Gewerbe anzumelden.
So könnte sogar der gegenteilige Effekt eintreten, weil aus Angst vor dem Aufwand gleich die komplette Investition infrage gestellt werden könnte- dann gibt es kein neues Dach und damit auch keinen Wärmeschutz. Das kann nicht das Ziel einer Klimaschutz-Politik sein. Allemal besser wäre da ein Abbau der bürokratischen Hürden. Dann braucht es keine Solarpflicht.





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