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Ex-Mercedes-Sportchef Haug: "In Deutschland fehlt der Wille zur Motorsport-Förderung"

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Mit Mercedes hat Norbert Haug die Formel 1 und Karrieren wie die von Lewis Hamilton über Jahrzehnte maßgeblich geprägt. Inzwischen ärgert ihn das deutsche Desinteresse an der Rennserie.

Champagner-Dusche 2012: Norbert Haug (Mitte) jubelt mit McLaren-Pilot Lewis Hamilton (links) und Mercedes-Fahrer Nico Rosberg in China.
Champagner-Dusche 2012: Norbert Haug (Mitte) jubelt mit McLaren-Pilot Lewis Hamilton (links) und Mercedes-Fahrer Nico Rosberg in China.  Foto: Diego Azubel (EPA)

An den Strecken dieser Welt ist Norbert Haug nur noch selten anzutreffen. "Wenn Sie so lange eine Aufgabe vor Ort hatten, dann wäre es jetzt in der VIP-Lounge mit dem Schorle-Glas in der Hand nicht sonderlich interessant. Aber immer, wenn ich kann, schaue ich am Fernseher zu", sagt der ehemalige Motorsport-Chef von Mercedes-Benz, der die Formel 1 weiterhin aufmerksam und interessiert verfolgt.

Im Interview mit der Heilbronner Stimme spricht er vor dem Saisonstart unter anderem über Lewis Hamiltons überraschenden Wechsel zu Ferrari, die Saison 2024 und den Niedergang der Rennserie in Deutschland.

 

Eine turbulente Winterpause liegt hinter der Formel 1. Heraus stach dabei sicherlich der Ferrari-Wechsel von Lewis Hamilton 2025. Hatten Sie damit gerechnet, Herr Haug?

Norbert Haug: Nein, überhaupt nicht und ich war total von den Socken. 1998 hat sich Lewis bei Mercedes und Ron Dennis (damals Team-Chef bei McLaren, Anm. d. Red.) vorgestellt und ab 2000 haben wir ihn im Kart-Sport - gemeinsam mit Nico Rosberg - unterstützt. Seitdem währte die Zusammenarbeit.

 

Was hat Hamilton dazu bewogen, das Kapitel Mercedes nach dann 18 Jahren zu beenden?

Haug: Es kann sicherlich sein, dass er einmal im Leben für Ferrari fahren wollte; das ist ein Mythos, das ist vollkommen klar. Aber ich sehe es auch umgekehrt: Viele Ferrari-Fahrer wollen inzwischen sehr gerne für Mercedes fahren.

Denn wenn ich sehe, dass Ferrari seinen letzten Titel 2007 gewonnen hat - und das auch nur, weil wir uns bei McLaren-Mercedes damals ziemlich tapsig angestellt haben - und es auch vor Michael Schumacher 21 Jahre lang keine Titel bei Ferrari gab, dann ist Mercedes seit 1998 mit zehn Konstrukteurs- und elf Fahrertiteln bei weitem das erfolgreichste Team.

Jubel 2008: Norbert Haug hatte als Motorsport-Chef von Mercedes entscheidenden Anteil an Lewis Hamiltons (li.) Karriere.
Jubel 2008: Norbert Haug hatte als Motorsport-Chef von Mercedes entscheidenden Anteil an Lewis Hamiltons (li.) Karriere.  Foto: Roland Weihrauch

 

Droht Lewis Hamilton in diesem Übergangsjahr bei Mercedes eine Rolle als "Lame Duck"?

Haug: Lewis ist ein perfekter Rennfahrer, der sich mit einem eigenen Kopf und seinen Positionen, die er vertritt, zum Superstar der Formel 1 entwickelt hat. Er ist ein ganz harter Arbeiter und keiner, der zu früh bremst und zu spät aufs Gas geht. Wenn er ein chancenreiches Fahrzeug hat, dann wird er seinen Teamkollegen George Russell bezwingen wollen. Aber wenn man kein Auto hat, wie es Red Bull letztes Jahr hatte, dann muss man sich das Siegen gar nicht erst angewöhnen.

 

Das heißt, Red Bull fährt auch in diesem Jahr alleine vorne weg?

Haug: Red Bull und Max Verstappen waren in der Kombination so drückend überlegen wie ich es in über 22 Jahren in der Formel 1 nie erlebt habe. Und ich würde mich wundern, wenn Red Bull jetzt deutlich schlechter unterwegs wäre als im letzten Jahr. Natürlich besteht die Chance, dass das Feld näher zusammenrückt, aber eine Garantie dafür gibt es nicht.

 

Ähnlich schwer wie die Red-Bull-Konkurrenz, tut sich die gesamte Rennserie in Deutschland. Schmerzt das jemanden, der die Formel 1 hierzulande maßgeblich mitgeprägt hat?

Haug: Es tut weh, wenn man früher zwei Grand Prix mit der Begeisterung und der Bedeutung als Wirtschaftsfaktor gehabt hat. Zur Erinnerung: Von 1994 bis 2016 haben Deutsche von 23 möglichen Formel-1-Titeln zwölf gewonnen. Wir hatten zwölf Jahre lang zwei Rennen in Deutschland mit über 100 000 Besuchern am Renntag, hatten 2010 sieben deutsche Fahrer im Feld und jetzt nur noch Nico Hülkenberg und Mick Schumacher als Ersatzfahrer.

 

Wird sich diese Situation zeitnah noch einmal ändern?

Haug: Ich sehe keine Chance, dass wir einen Grand Prix bekommen werden. In der Kürze der Zeit vom Dominator der Formel 1 zu einem - wenn überhaupt - Mitläufer zu werden, das ist alles andere als erfreulich. Aber Deutschland ist selbst daran Schuld, denn es gibt Kreise, die das Auto verteufeln. Wenige Leute haben da viel - auch wirtschaftlichen - Schaden angerichtet. Zum ökologischen Gesichtspunkt: Wenn 20 Formel-1-Autos ihre Rennen fahren, stehen zeitgleich weit über 200 Millionen Autos auf der ganzen Welt still, weil die Fans am Fernseher oder an der Strecke zuschauen.

Fokus 1998: Haug beobachtet das Freie Training am Hockenheimring. Ihn schmerzt das fehlende Rennen in Deutschland.
Fokus 1998: Haug beobachtet das Freie Training am Hockenheimring. Ihn schmerzt das fehlende Rennen in Deutschland.  Foto: Steve_Etherington

 

Dementsprechend darf man sich hierzulande auch nicht beschweren, wenn die Formel 1 in Asien und Amerika neue Märke erschließt.

Haug: Nein. Es fehlt einfach der Wille zur Motorsport-Förderung. Natürlich sind die Antrittsgelder gestiegen und wenn die Gemeinde Hockenheim gegen die Stadt Singapur im globalen Wettbewerb antreten muss, dann können Sie sich ausmalen wie das ausgeht.

 

Es geht also nur mit Hilfe von außen.

Haug: Wir bezuschussen zum Beispiel ein Stadion in Stuttgart mit ganz, ganz vielen Millionen - wogegen ich nichts habe. Aber würde die Landesregierung auch 20 Millionen Euro in einen Hockenheim-Grand-Prix investieren, dann könnten wir 50 Millionen Umsatz und 15 Millionen Steuern generieren. Doch ich glaube, wir sind schon so weit, dass sich überhaupt niemand mehr traut, einen solchen Vorschlag zu machen. Anders werden wir aber kein Formel-1-Rennen mehr bekommen, mit dem man die Wirtschaft ankurbeln und viel Freude bereiten könnte.

 

War die Formel 1 mit ihren vielen Typen, dem "luftigeren" Reglement und den finanziellen Spielräumen in den 1990er- und 2000er-Jahren ein besseres Produkt oder verklärt man das in der Rückschau?

Haug: Das waren natürlich schon so etwas wie die "Goldenen Jahre", aber damals wurde weniger Geld ausgegeben und auch weniger eingenommen als heute. Wir waren bei Mercedes damals ein Costcenter, das wir in ein Profitcenter verwandeln wollten. Mittlerweise verdient das Mercedes-Formel-1-Team Jahr für Jahr jenseits der 100 Millionen US-Dollar. Da wurden also inzwischen echte Werte geschaffen.

 

Diese "Goldenen Jahre" waren auch geprägt von Michael Schumacher. Wie groß war durch seine Comeback-Jahre sein Anteil an den späteren Mercedes-Erfolgen?

Haug: Der war sehr groß. Wir sind mit dem eigenen Werksteam und wenig Geld mitten in der Weltwirtschaftskrise eingestiegen. Die Weichen für unseren späteren Hybridmotor, der acht bis zehn Jahre lang überlegen und wesentlicher Baustein für den Erfolg war, wurden damals gestellt. Michael war für mich so gut wie eh und je. Er hatte eine dreijährige Pause hinter sich und war in seinem letzten Jahr Schnellster auf der Mutter aller Rennstrecken in Monaco - und das garantiert nicht mit dem besten Auto.

 

Sehen Sie eine Zukunft in der Formel 1 für seinen Sohn Mick?

Haug: Im Moment tut er zunächst mal das absolut Richtige: er fährt Rennen, in der Sportwagen-Weltmeisterschaft - übrigens eine Parallele zu seinem Vater, der ja auch dort angefangen hat - für Alpine. Denn nichts ist schlechter für einen Rennfahrer als nicht zu fahren, genauso wie für einen Fußballspieler nichts schlechter ist als auf der Bank zu sitzen.

Wenn er dort auf sich aufmerksam macht, dann kann der nächste Schritt zurück in die Formel 1 erfolgen. Und er bleibt ja Ersatzfahrer bei Mercedes; auch so haben schon Karrieren begonnen, mit denen man nicht gerechnet hat. Ich bin beeindruckt, dass Mick sich nicht unterkriegen lässt und weiter bei Mercedes als Ersatzfahrer lernt. Ich würde mich sehr freuen, falls er dann seine Chance bekommt.

 


Zur Person

Norbert Haug kennt den Motorsport aus allen Perspektiven. 1952 in Grunbach (Enzkreis) geboren, arbeitet der 71-Jährige zwischen 1973 und 1990 als Volontär, Redakteur, Ressortleiter und (Chef-)Redakteur unter anderem für die "Pforzheimer Zeitung", den Stuttgarter Motor-Presse-Verlag und "auto motor und sport" als Journalist.

Von 1990 bis Ende 2012 ist er "Leiter Motorsport" bei Mercedes-Benz und steigt mit den Stuttgartern nach erfolgreichen Jahren 1954 und 1955 mit Juan Manuel Fangio und Stirling Moss ab 1993 schrittweise wieder in die Formel 1 ein. Zunächst gibt es eine Kooperation mit Motorenhersteller Ilmor und dem Sauber-Team, das Ilmor-Motoren als „Concept by Mercedes-Benz“ ausweist. 1994 startet das Team schließlich als Sauber–Mercedes-Benz.

Norbert Haug verfolgt die Formel 1 inzwischen meist aus der Ferne.
Norbert Haug verfolgt die Formel 1 inzwischen meist aus der Ferne.  Foto: HDS

Ein Jahr später folgt der Einstieg beim britischen McLaren-Team, mit dem Mika Häkkinen (1998, 1999) und Lewis Hamilton (2008) WM-Titel gewinnen. 2010 endet die McLaren-Kooperation, nachdem Mercedes mit dem Kauf des Teams Brawn GP - mit dem Jenson Button 2009 mit einem Mercedes-Motor ebenfalls Weltmeister wird - auf Haugs Initiative als eigenes Team an den Start geht. Unter Haugs Nachfolger Toto Wolff folgen schließlich sechs WM-Titel und 87 Siege.

Haug verantwortet als Motorsport-Chef zudem alle internationalen Mercedes-Einsätze in der Indycar-Serie, der DTM (Siegquote: 54 Prozent) und im Nachwuchsprogramm der Formel 3. „In Haugs Amtszeit fuhren die Mercedes-Teams insgesamt 986 Rennen (F1/DTM/Indycar/GT/Gruppe C/F3), 439 davon wurden gewonnen (45,4%)“, teilen die Silberpfeile 2012 bei Haugs Verabschiedung mit.

Im Porsche Carrera Cup und beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring (1986: Platz 2 mit Joachim Winkelhock und Karl Mauer auf einem Opel Manta 400) sitzt Haug auch selbst am Steuer.

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