Der Football in Deutschland hat sich im Laufe von Tim Stadelmayrs Karriere stark verändert, wie er selbst feststellt. „Es gab einen großen Hype, bei dem wir teilweise bis zu 3500 Zuschauer im Stadion hatten“, erinnert er sich. Die Begeisterung sei zwar noch vorhanden, wachse aber nicht mehr weiter. Negativ beeinflusst werde die Entwicklung laut dem 32-Jährigen durch die 2021 gegründete European League of Football (ELF). In diesem Turnierformat treten Teams aus verschiedenen Ländern an, häufig von Franchise-Unternehmen geführt. „Das schadet den regionalen Teams und der deutschen Bundesliga“, kritisiert Stadelmayr. Die Teams der ELF engagieren sich kaum in der Jugendarbeit und ziehen stattdessen Spieler von etablierten Vereinen ab. Auch die Schwäbisch Hall Unicorns seien davon betroffen. „Viele meiner Mitspieler sind zu Stuttgart Surge gewechselt, verdienen dort etwa 400 Euro“, erklärt er. „Früher war ich gegen diese Liga. Heute sage ich: Wäre ich 22, würde ich es vielleicht auch machen.“
Helm ab: Unicorns-Kicker Tim Stadelmayr sagt Goodbye zum American Football
Tim Stadelmayr verabschiedet sich nach zehn erfolgreichen Jahren bei den Schwäbisch Hall Unicorns aus der Football-Bundesliga. Er widmet sich nun seiner Familie – und bleibt den Unicorns als Fan treu.

Für Tim Stadelmayr haben sich die Prioritäten geändert. „Klar, als Kicker hätte ich auch noch länger spielen können“, denkt der 32-Jährige über sein Karriereende im September als Footballspieler bei den Schwäbisch Hall Unicorns nach. „Ich bin vor sieben Wochen zum zweiten Mal Vater geworden“, sagt er freudestrahlend.
Ein Grund, der im Sommer während der Saison nun mehr Zeit erfordert – die deutsche Football-Bundesliga und die Unicorns mussten weichen.
Unicorns-Kicker Tim Stadelmayr beendet Football-Karriere
Eigentlich ist Stadelmayr leidenschaftlicher Fußballer und bekennender VfB-Stuttgart-Fan. Doch das änderte sich schlagartig bei einem Besuch eines Footballspiels der Unicorns. „Ich wurde einfach mitgenommen, und es hat mir so gut gefallen, dass ich es selbst ausprobieren wollte.“ Fußball und Tennis hatten für ihn damals ihren Reiz verloren. Der Teamsport Football bot eine willkommene neue Herausforderung.
„Beim Football hält jeder für jeden den Körper hin. Der Teamgedanke ist ein ganz anderer“, sagt er, und vergleicht: „Im Fußball gibt es viele Einzelspieler, das Team steht dort nicht so im Vordergrund.“
Zehn Jahre für die Schwäbisch Hall Unicorns
Stadelmayr fand seine wahre Leidenschaft und spielte zehn Jahre als Kicker für die Schwäbisch Hall Unicorns – eine besondere Position im American Football. Ein schneller Gang aufs Spielfeld, das eiförmige Leder durch die Torstangen treten, und das alles auf Abruf innerhalb weniger Sekunden. Fehltritte waren tabu, volle Konzentration war gefragt. Besondere mentale Rituale wie Justin Tucker, der berühmte Kicker der Baltimore Ravens, hatte Stadelmayr nicht – oder vielleicht doch, zumindest auf gewisse Weise: „Ich trug immer meinen Helm, damit ich mich nicht in letzter Sekunde daran gewöhnen musste. So blieb ich voll fokussiert.“
Mit den Unicorns erlebte Tim Stadelmayr in zehn Jahren Football-Bundesliga „viele schöne Momente“. Dazu zählen die beiden Deutschen Meisterschaften 2017 und 2018 sowie der Titel „Hohenloher Sportler des Jahres“ 2017. Mit 787 erzielten Punkten ist Stadelmayr momentan sogar der zweitbeste Scorer der GLF. Sein persönliches Karrierehighlight erlebte Stadelmayr jedoch 2022.
Tim Stadelmayrs Karrierehighlight
„Wir hatten in diesem Jahr ein brutales Mannschaftsgefüge“, erinnert er sich. Am Abend vor dem CEFL-Bowl-Finale nahm das Team an einer Atemtechnik-Einheit teil – ein Erlebnis, das er nicht vergessen wird. „Von 70 Leuten haben, glaube ich, 50 geweint und Emotionen herausgelassen“, erzählt er. „Dass man sich so etwas in einer großen Gruppe traut, zeigt den Zusammenhalt im Team.“
Zwei Tage vor dem Finale wurde sein erster Sohn Liano geboren. Dennoch bestritt das Spiel, gewann den Pokal mit den Unicorns – mit der vollen Unterstützung seiner Frau. „Sie meinte, ich soll spielen. Das Stadion war ja nur 100 Meter Luftlinie vom Krankenhaus entfernt“, sagt er lachend. Der Stadionsprecher verkündete die Geburt seines Sohnes über die Lautsprecher, seine Frau hörte dies anscheinend im Krankenzimmer.
Neuanfang für die Schwäbisch Hall Unicorns
Nach dem Ausscheiden im Viertelfinale der Bundesliga im September war für Stadelmayr endgültig Schluss – nicht nur wegen der Geburt seines zweiten Kindes. In Schwäbisch Hall hat sich viel verändert: Viele ehemalige Mitspieler wechselten nach Stuttgart in die European League of Football (ELF). „Meine Generation ist dort jetzt weg“, sagt er. Gleichzeitig sieht er darin eine Chance: „Für die Unicorns ist es eine tolle Möglichkeit, mit jungen Spielern etwas Neues aufzubauen.“
Auch wenn jetzt mehr Zeit der Familie gehört, bleibt der frischgebackene Vater den Unicorns als Zuschauer treu – zusammen mit Sohn Liano, der, wie sein Vater, auch großer VfB-Stuttgart-Fan ist.

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