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Football-Spieler Tim Stadelmayr: "Ich bin froh, dass ich Kicker bin"

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Der Künzelsauer Tim Stadelmayr spricht über den Hype im American Football und darüber, warum er eine ganz spezielle Rolle auf dem Feld hat.

Tim Stadelmayr ist Kicker beim Bundesligisten Schwäbisch Hall Unicorns und hat seit 2015 mittlerweile mehr als 700 Punkte erzielt. 
Foto: Carsten Götze
Tim Stadelmayr ist Kicker beim Bundesligisten Schwäbisch Hall Unicorns und hat seit 2015 mittlerweile mehr als 700 Punkte erzielt. Foto: Carsten Götze  Foto: privat

Tim Stadelmayr ist eigentlich ein Einzelkämpfer im Mannschaftssport American Football. Der Künzelsauer spielt bei den Schwäbisch Hall Unicorns in der German Football League (GFL), der Football-Bundesliga, auf der Position des Kickers. Seine Aufgabe: Er steht immer nur ganz kurz auf dem Feld und muss den Ball durch die Stangen befördern. Dementsprechend verbringt er mehr Zeit am Spielfeldrand mit dem Warten auf seine Auftritte. Wenn er gefragt ist, muss er aber auf den Punkt konzentriert sein. "Wenn ich dann aufs Feld gehe, läuft es automatisch ab", sagt der 30-Jährige im Gespräch. "Dann nehme ich auch nichts von der Atmosphäre im Stadion wahr."

 

Wie kommt man in Deutschland dazu, Football zu spielen?

Tim Stadelmayr: Ich bin eigentlich durch meine damalige Freundin, die bei den Schwäbisch Hall Unicorns aktiv war und es immer noch ist, dazu gekommen. Ich bin einfach mal zu einem Spiel gegangen und fand es cool. Danach habe ich mir einfach mal das Training angeschaut. Den kleinen Hype wie heute gab es damals noch nicht. Zwei Monate lang habe ich als Cornerback trainiert. Dann hat es mich gereizt, mal gegen den Ball zu treten.

 

Das lag als Fußballer auch nahe …

Stadelmayr: Ja, das war eh meine Stärke beim Fußball. Ich habe gerne Standards und so getreten, war eher lauffaul.

 

Und so wurden Sie dann zum Kicker?

Stadelmayr: Ja, es hat gleich ganz gut funktioniert. Und so habe ich es geschafft, einen Platz im Bundesliga-Team zu finden.

 

Haben Sie es mal bereut, diese Position zu spielen?

Stadelmayr: Nein. Es macht mir noch viel Spaß. Es ist immer schön, Punkte zu machen.

 

Aber ist man als Kicker nicht ein Einzelkämpfer in einem Mannschaftssport?

Stadelmayr: Doch, auf jeden Fall. Man hat schon irgendwie eine besondere Rolle. Die ersten zwei, drei Jahre war es gar nicht so einfach, ins Team reinzukommen, weil man doch keine Positionsgruppe hat, mit der man zusammen trainiert.

 

Aber mittlerweile sind sie integriert und etabliert?

Stadelmayr: Ja. Eigentlich wissen ja alle, dass auch der Kicker wichtig ist, weil er viele Punkte macht. Ich bin jetzt seit 2015 dabei und akzeptiert als Kicker. Mittlerweile habe ich mehr als 700 Punkte gemacht.

 

Und da waren wichtige dabei, wie bei den DM-Titel-Gewinnen 2017 und 2018 …

Stadelmayr: Ja. Aber das waren nur Extra-Punkte nach einem Touchdown. Wichtiger war das Field Goal im Playoff-Halbfinale 2017. Da lagen wir sieben Sekunden vor dem Ende mit drei Punkten zurück. Das Field Goal war der Ausgleich und in der Verlängerung haben wir es ins Finale geschafft.

 

Wie oft geht ein Versuch daneben?

Stadelmayr: Das ist von Saison zu Saison verschieden. Dass man mal vorbeikickt, ist normal. Aber normalerweise sind neun von zehn Versuchen erfolgreich.

 

Ihr Arbeitstag besteht meist aus Warten, dann müssen Sie aber auf den Punkt fit sein, für wenige Sekunden. Kann man das trainieren?

Stadelmayr: Man muss in erster Linie sehen, dass die Muskeln warm sind. Wenn ich dann aufs Feld gehe, läuft es automatisch ab, dann nehme ich auch nichts von der Atmosphäre im Stadion wahr. Meist verkicke ich mich, wenn es um nichts mehr geht.

 

Eigentlich sieht alles ganz einfach aus ...

Stadelmayr: Das ist es aber nicht. Man muss sehen, dass ich beim Kick rund 1,2 Sekunden Zeit habe. Ich laufe also schon an, bevor der Ball richtig steht, sonst würde er geblockt werden. Das macht es nochmal schwerer. Es ist wichtig, dass man immer den gleichen Bewegungsablauf hat. Ich habe selbst viel an meiner Technik gefeilt. Es ist wichtig, viele Wiederholungen des gleichen Bewegungsablaufs zu machen. In Amerika nennt man es Muscle Memory. Ich habe mir auch mal ein Trainingscamp in den USA, in Pittsburgh, gegönnt, um etwas zu lernen.

 

Hatten Sie dort auch die Gelegenheit ein Spiel der nordamerikanischen Profiliga NFL anzuschauen?

Stadelmayr: Nein. Es war leider Off-Season. In der NFL und im College.

 

Im November werden zwei NFL-Spiele in Frankfurt ausgetragen. Werden Sie da live dabei sein?

Stadelmayr: Nein, ich habe keine Karten mehr bekommen.

 

Seit einigen Jahren werden NFL-Spiele auch im deutschen Fernsehen gezeigt. Erst bei Sat1, jetzt bei RTL. Dadurch entstand schon ein kleiner Hype. Macht sich dieser bemerkbar?

Stadelmayr: Bei uns und den deutschen Vereinen eher weniger würde ich sagen. Ich glaube nicht, dass deshalb mehr Zuschauer zu uns nach Schwäbisch Hall ins Stadion kommen. Wir haben meist so 2000 bis 3000 Zuschauer im Stadion. In dieser Saison ist das Interesse sogar leicht angestiegen, weil wir nicht mehr so dominant waren und die Spiele deshalb interessanter sind.

 

Bei all dem gesteigerten Interesse, warum ist es aus Ihrer Sicht so schwer, Football in Deutschland zu etablieren?

Stadelmayr: Weil es zu wenig Jugendarbeit gibt und Football schon ein sehr körperlicher Sport ist, glaube ich. Ich denke, viele schauen es gerne. Aber ich selbst bin auch froh, dass ich Kicker bin, weil es einfach gesünder ist. Und ich glaube, schon allein mit dem Job könnten das viele nicht vereinbaren, in einer fünften Liga Football zu spielen und alle drei Wochen zum Chef zu sagen, sie sind verletzt oder krank, weil sie Football gespielt haben.

 

Was macht für Sie dann den Reiz am Football aus?

Stadelmayr: Der Teamzusammenhalt. Das Füreinander ist sehr groß. Auch wenn es mal nicht so läuft, baut man sich gegenseitig auf. Und das bei 80 Mann in einer Mannschaft. Es gibt aber auch die Taktiker, die den Sport deshalb so gut finden, weil jeder Spielzug genau geplant ist. Nicht umsonst wird Football auch Rasenschach genannt. Doch damit kenne ich mich gar nicht so gut aus, was auch an meiner Position liegt (lacht).

 

In den USA gehört Football zu den Sportarten, bei denen es am meisten Geld zu verdienen gibt. Wie ist es in Deutschland?

Stadelmayr: Wir Deutschen verdienen bei den Unicorns in der Bundesliga nichts. Die Amerikaner in unserer Mannschaft bekommen etwas Geld, können zwar davon leben, reich werden sie aber nicht.

 

Sie sind auch Fußball-Fan. Was schauen Sie lieber, NFL oder Bundesliga?

Stadelmayr: Ich würde immer den VfB Stuttgart anschauen. Tatsächlich schaue ich gar nicht so viel Football im Fernsehen.

 

Warum nicht?

Stadelmayr: Weil ich so viel Football unter der Woche und an den Spieltagen habe. Und wenn die Spiele gezeigt werden, ist meist Zeit für die Familie angesagt.

 

Momentan sind Sie mitten in der GFL-Saison. Was ist das Ziel mit den Unicorns?

Stadelmayr: Ziel ist es Erster im Süden zu werden. Und die deutsche Meisterschaft ist bei den Unicorns immer ein Thema. Auch wenn es bei uns wegen eines Umbruchs im Team und bei den Trainern zu Beginn nicht optimal gelaufen ist, ist noch alles drin.

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